Der französische Schauspieler Jean-Louis Trintignant hat mit einer Lyrik-Soirée im Alten Schauspielhaus das Stuttgarter Theatertreffen eröffnet.

Lyrik ist ein zerbrechlich’ Ding. Wer anhebt, Gedichte auf die Bühne zu bringen, sollte sich vorsehen. Vor zu viel Zärtlichkeit, zu viel Gewalt, Deklamation oder Pathos. Der Franzose Jean-Louis Trintignant, ein lebender Mythos des Kinos, wagt es. Er sitzt, in braunem Pulli, drunter ein helles Hemd, ein schlichter älterer Herr eben, in einem Ledersessel im Alten Schauspielhaus, flankiert von dem aufmerksamen Akkordeonisten Daniel Mille und dem Cellisten Grégoire Korniluk. Und er rezitiert – in französischer Sprache – Gedichte: von Robert Desnos, Jacques Prévert und Boris Vian. Man könnte auch sagen, er summt sie sprechend vor sich hin, denn die über das Mikrofon verstärkte Stimme legt einen sanften, rauen Grundton unter die Worte. Trintignant, 81 Jahre alt, lächelt leise bei den spielerischen kleinen Grotesken, die diese französischen Dichter hinterlassen haben, bisweilen auch schelmisch, mit weiten Augen und hochgezogenen Brauen. Der Blick richtet sich mal nach unten, mal in die Ferne, aber scheint dennoch immer nach innen gewandt, auch bei den humorvollen Passagen, von denen er weiß, dass sie beim Publikum gut ankommen. Das Publikum im vollen Saal – es lacht, bleibt ansonsten mucksmäuschenstill.

Drei freiheitsliebende Dichter

Mit seiner Soirée hat Trintignant am Donnerstagabend das vom Theater Tribühne organisierte Sett-Festival eröffnet. Sein Programm folgte weitgehend einer CD, der jüngsten von mehreren, die er im Lauf der Jahrzehnte aufgenommen hat. Er stellte den Abend unter den Titel „ Trois poètes libertaires du XXe Siècle“, „Drei freiheitsliebende Dichter des 20. Jahrhunderts“. Und die drei eint, dass sie sich nicht haben vereinnahmen lassen – weder von poetischen noch von politischen Schulen. Manche Gedichte wirken kindlich-naiv, doch scheint bei aller Spielfreude immer auch das menschliche Leiden, ja, gar der Tod, durch. Denn Desnos, Prévert und Vian, die beiden ersten Jahrgang 1900, der andere zwanzig Jahre jünger, haben ihre über weite Strecken sehr schmerzvolle Zeit immer aufmerksam begleitet.

Nehmen wir nur die „Histoire du Cheval“ von Prévert: ein Pferd, das den Krieg überstanden hat, obwohl seine Eltern dem Hunger der Soldaten anheimgefallen und es selbst schon vom General als Beefsteak gesehen wurde. Oder die Katze, ebenfalls von Prévert, die einen Vogel nur halb frisst und gerade deshalb bei ihrer kleinen Herrin große Trauer auslöst. „Wenn ich gewusst hätte, dass es dich so traurig macht, hätte ich ihn ganz gefressen“, sagt sie. Dann hätte das Mädchen ja gedacht, der Vogel sei nur davongeflogen, so die Logik des Tieres.

Der Ort der Poesie

Trintignant bewegt sich während seines Vortrags kaum, nur einmal erhebt er sich aus dem Fauteuil. Unbewegt ist er deshalb nicht. Mit feinen und sparsamen Gesten, mit lebendiger, nie auftragender Mimik begleitet er seine Verse. „Ein Schauspiel“ wird die Tri-Bühnen-Intendantin Edith Körber am Ende den Vortrag nennen, und sie hat recht. Es lebt nicht Jean-Louis Trintignant auf der Bühne, es leben die Dichter, denen er seine Stimme leiht. Dort, wo er sitzt, ist nicht er, sondern der Ort der Poesie. Er, der es gewohnt ist, im Rampenlicht zu stehen, zuletzt beim Filmfestival in Cannes, wo er mit Michael Haneke und Emmanuelle Riva die Goldene Palme für das Altendrama „Liebe“ entgegennahm, stellt sich in den Dienst seiner Dichter. Und seine Dichter sind es in der Tat. Auch bei der Preisverleihung zitierte er Prévert, den er bereits in seiner Jugend bewundert: „Und wenn wir versuchten, glücklich zu sein – und sei es nur, um ein Beispiel zu geben?“

Prévert, Desnos und Vian sind Dichter, die Trintignant sein Leben lang begleitet haben. In ihrer poetischen, politischen und persönlichen Unabhängigkeit sind sie offenbar seiner Vision des Lebens nahe. Auch in ihrer Haltung gegenüber dem Krieg. Vians populärer Anti-Kriegs-Chanson „Le Déserteur“ darf deshalb an diesem Abend nicht fehlen. Gegen Ende seines Programms stimmt Trintignant Préverts „Aujourd’hui“ an, eine Hommage des Dichters an seinen 1945 an den Folgen seiner KZ-Haft in Theresienstadt gestorbenen Wegbegleiter Desnos. Der Lebende spricht mit dem Toten, holt ihn für einige Momente zurück. Es wird im Schauspielhaus stiller als still. Nicht nur Prévert spricht mit dem toten Freund, auch Trintignant spricht mit seinen toten Dichtern. „Même s’il est mort/ je me suis promené avec mon camarade“ – „Obwohl er tot ist, bin ich mit meinem Freund spazieren gegangen“, heißt es bei Prévert. Das ist großes Theater, ergreifend, bedrückend. Trintignant zeigt, wie die Dichtung auf den Schultern der Popularität unter die Menschen gebracht werden kann.