Im Süden des Landes haben sich die Regierungsgruppen zurückgezogen, während der Präsident seine Verletzungen behandeln lässt.  

Sanaa - "Jemen bereitet sich auf die Nach-Saleh-Ära vor", hat die panarbische Tageszeitung al-Sharq al-Awsat getitelt. Wenige Stunden zuvor war Ali Abdallah Saleh mit mehreren Dutzend Mitgliedern seiner Familie in der saudischen Hauptstadt Riad gelandet, um in einem Militärkrankenhaus die Verletzungen behandeln zu lassen, die er sich am Freitag beim Raketenangriff auf seinen Palast zugezogen hatte. Laut Berichten von Nachrichtenagenturen konnte er selbständig gehen. Danach sind seine Verletzungen am Hals und am Kopf nicht lebensbedrohlich.

 

Die Spitäler im ärmsten arabischen Land sind miserabel. Wer immer es sich leisten kann, lässt sich im Ausland behandeln. Das gilt erst recht für den verwundeten Präsidenten. Und die Vermutung liegt nahe, dass der saudische König Abdallah sein ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen hat, um den störrischen Langzeitregenten zu dieser Reise zu bewegen. Auf diese Weise konnte der 69-jährige den Jemen verlassen, ohne sein Gewicht zu verlieren.

Der Aufenthalt hat nichts mit Machtverzicht zu tun

Bevor er ins Flugzeug stieg, hatte König Abdallah bereits eine Waffenruhe zwischen dem Stammesführer Sadiq al-Ahmar und den Regierungstruppen ausgehandelt. Saudi-Arabien hat einen großen Einfluss auf beide Seiten. Auch die Stämme haben traditionell enge Verbindungen zum Könighaus des reichen Nachbarn. Nach den Beteuerungen von Salehs Parteifreunden hat der Aufenthalt in Riad nichts mit einem Machtverzicht zu tun.

Wie es die Verfassung vorsieht, hat Vizepräsident Abdel Rabbo Mansour Hadi die Amtsgeschäfte übernommen und in dieser Funktion bereits den US-Botschafter getroffen. Dieser Machttransfer würde sich auch mit dem Vermittlungsvorschlag der Golfkooperationsländer decken, den Saleh drei Mal in letzter Minute nicht unterschrieben hat. Darin wird ein schrittweiser Übergang zu einem demokratischen System festgelegt und dem Präsidenten bei Machtverzicht Immunität garantiert.

Tausende Menschen sind geflohen

"Der neue Jemen ist geboren", skandierten die Demonstranten der Demokratiebewegung in ihren Freudenkundgebungen, nachdem die Meldungen von Salehs Aufenthalt in Riad bestätigt waren. Tausende Menschen sind vor den schweren Kämpfen der letzten Tage in der Hauptstadt geflohen. Die Waffenruhe hat am Wochenende einigermaßen gehalten. Auch in der Stadt Taiz im Süden, wo die Präsidentengarden in den vergangenen Tagen brutal gegen die Demonstranten vorgegangen sind, haben sich die Truppen zurückgezogen.

Nach wie vor ist unklar, wer die Hintermänner des tödlichen Raketenangriffs auf den Präsidentenpalast am Freitag waren, der von Salehs Getreuen als gezielter Mordanschlag beschrieben wurde. Die Eskalation hätte das Land beinahe in einen offenen Bürgerkrieg gestürzt. Noch ist nicht abzusehen, ob sich auf allen Seiten nun jene Kräfte durchsetzen werden, die eine friedliche Lösung anstreben. Viele Akteure drängen an die Macht. Tatsache ist, dass in den letzten Tagen die Kämpfer der oppositionellen Stammesvereinigung von Scheich Ahmar mehrere staatliche Institutionen unter ihre Kontrolle bringen und die Regierungstruppen in die Defensive drängen konnten.

Als Reaktion auf die eskalierende Gewalt haben viele Länder ihre Botschaften in Sanaa geschlossen und ihre Landsleute aufgefordert, das Land zu verlassen. Mehrere Fluggesellschaften haben ihre Verbindungen in den Jemen eingestellt.