Jerôme Guillen Kalifornien statt Käsespätzle

Von , Detroit 

Jerome Guillen hätte beim Stuttgarter Autobauer Daimler Karriere machen können. Doch der Franzose ging lieber zum kalifornischen Ökopionier Tesla. Er hat den Schritt bislang nicht bereut. Im Gegenteil.

Ein Hingucker: Der Tesla Model X auf der Messe in Detroit. Foto: dpa
Ein Hingucker: Der Tesla Model X auf der Messe in Detroit. Foto: dpa

Detroit - J

erôme Guillen hatte glänzende Perspektiven. Der Franzose war bei Daimler Chef des Bereichs Business Innovation. Diese ungewöhnliche Denkfabrik sollte abseits der traditionellen Trampelpfade der Autoindustrie Chancen für neue Geschäfte aufspüren. Dieses Team aus gut einem Dutzend Mitarbeitern brachte den Autoriesen unter anderem auf die Idee, mit Car2go ins Carsharing einzusteigen. Guillen galt konzernintern als Aufsteiger und manchem sogar als möglicher Kandidat für einen künftigen Vorstandsposten. Doch im November 2010 verließ Guillen den Erfinder des Automobils und wechselte zu dem jungen kalifornischen Elektroautopionier Tesla, dem derzeit wohl ungewöhnlichsten Unternehmen der Autobranche.

Der winzige Tesla-Stand mit drei Wagen auf der Autoshow in Detroit ist nur wenige Schritte von der weitläufigen Daimler-Bühne entfernt, auf der eine ganze Fahrzeugflotte mit Stern aufgefahren ist. Jerôme Guillen steht am Tesla-Stand vor dem Model X, einer viertürigen Mischung aus Van und Geländewagen mit drei Sitzreihen, Flügeltüren und einem großen 17-Zoll-Touchscreen in der Mittelkonsole, wo man mit der Fingerspitze seine Lieblingsmusik wählen, im Internet surfen oder sein Fahrziel ins Navi eingeben kann. Die Produktion des Model X soll im nächsten Jahr anlaufen. Das ungewöhnliche Vehikel ist ein Hingucker und zieht die Messebesucher an. Mit ernstem Blick klopft ein Asiate auf die Hartschale des weißen Fahrersitzes.

Zetsche nimmt auf dem Rücksitz Platz

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat am Montag auf dem Rücksitz Platz genommen. Leider klemmten die Flügeltüren, als die Jungunternehmer Zetsche ihre tolle Entwicklung vorführen wollten. Daimler ist mit 4,7 Prozent an Tesla beteiligt, kann damit zwar wenig Einfluss auf das Unternehmen ausüben, sieht das Engagement aber als langfristiges strategisches Investment. Daimler ist auch ein wichtiger Kunde. Tesla hat die Batterie für die zweite Generation des Elektro-Smart geliefert und entwickelt den Antrieb für die geplante B-Klasse von Mercedes-Benz mit Elektroantrieb. Für Toyota hat Tesla den Antrieb für den Elektro-Geländewagen RAV4 entwickelt.

Es sei ihm nicht leichtgefallen, Daimler zu verlassen, erzählt Guillen. „Daimler ist ein fantastisches Unternehmen, ich hatte einen interessanten Job und ich bin sehr stolz darauf, was wir erreicht haben.“ Und auch das Stuttgarter Ballett, die Maultaschen sowie die Käsespätzle aus der Alten Kanzlei vermisse er an der Westküste der Vereinigten Staaten. Den Wechsel hat der 40-Jährige jedoch keineswegs bereut. Guillen sprüht vor Begeisterung, als er von seinem neuen Job erzählt. Bei Tesla arbeite er sehr eng mit dem Gründer Elon Musk zusammen und was dabei herauskomme, könne man auf dem Messestand sehen.

In Beverly Hills ist es schick, Tesla zu fahren

Der als Internetunternehmer reich gewordene Musk hat 2006 den pfeilschnellen Tesla Roadster, den weltweit ersten reinrassigen Sportwagen mit Elektroantrieb auf den Markt gebracht. Nicht nur in Beverly Hills wurde es bald schick, lautlos und umweltfreundlich durch die Straßen zu segeln. Die Bosse im Silicon Valley und die Stars in Hollywood fuhren auf den kleinen Zweisitzer ab. Jerôme Guillen betreut die zweite Baureihe des Ökoautopioniers. Nachdem die Produktion des Roadsters ausgelaufen ist, hat das Unternehmen die sportliche Limousine Model S auf den Markt gebracht, die ebenfalls Strom tankt. „Ich beschäftige mich mit allen Details dieses Wagens, bin näher am Auto dran als bei Daimler und habe die Chance, viele Innovationen sehr schnell in einem Elektromobil auf die Straße zu bringen,“ berichtet Guillen von den Vorzügen seines neuen Jobs.

Pioniere haben oft mit Widrigkeiten zu kämpfen. Im vergangenen Herbst gab es Probleme mit der Produktion des neuen Modells. Weil viel weniger Autos als geplant produziert wurden, kassierte der Ökopionier seine Umsatzprognose für 2012, der Aktienkurs ging auf Talfahrt.