Jesiden im Kreis Esslingen Wenn die Heimat zum Foltergefängnis wird
Die meisten hatten nicht einmal einen Koffer voller Habseligkeiten. Vor zehn Jahren kamen Jesiden aus dem Irak in den Kreis Esslingen. Sie flohen vor Folter, Gewalt und Terror.
Die meisten hatten nicht einmal einen Koffer voller Habseligkeiten. Vor zehn Jahren kamen Jesiden aus dem Irak in den Kreis Esslingen. Sie flohen vor Folter, Gewalt und Terror.
Noch einmal ist er in den Irak zurückgekehrt. Im letzten Jahr. Zur Abgabe seiner DNA. In der Nähe seines ehemaligen Dorfes war ein Massengrab entdeckt worden. Mit Hilfe seiner DNA soll festgestellt werden, ob Angehörige von ihm unter den Toten sind. Das Schicksal von etwa 40 Familienangehörigen, sagt Basam Bashar, sei ungewiss. Auch was mit seinem Vater passiert ist, weiß er nicht.
Er ist Jeside. Eine ethnisch-religiöse Minderheit, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Irak und Syrien wegen ihres Glaubens verfolgt, gequält, getötet wurde. Das Land Baden-Württemberg nahm 1100 Betroffene auf, 103 wurden ab Juni 2015 im Kreis Esslingen untergebracht. Manche sind geblieben, andere leben verstreut in der ganzen Bundesrepublik. Zum zehnjährigen Jubiläum ihres Ankommens gab es in der Außenstelle des Landratsamtes in Plochingen ein Wiedersehen mit Mitarbeitenden der Behörde, ehrenamtlichen Helfern und ehemaligen Geflüchteten.
Basam Bashar ist auch zu dem Fest gekommen. Für ihn ist es eine Reise in die Vergangenheit. Über manche Erfahrungen möchte er reden, andere Dinge lässt er lieber ungesagt. Seine Kindheit, sagt der 23-Jährige, war glücklich. Doch sie endete abrupt, als der „Islamische Staat“ (IS) seine Heimatregion besetzte. Er, seine Mutter und seine Geschwister machten gerade einen Verwandtenbesuch, der Vater und andere Angehörige waren zu Hause geblieben. Es sollte kein Wiedersehen geben.
Der „Islamische Staat“ stellte Basam Bashar und Teile seiner Familie unter Hausarrest. Sie sollten zum Islam konvertieren. Das aber kam nicht in Frage: „Wir leben als Jesiden. Wir sterben als Jesiden.“ Immer wieder hätten sie sich heimlich nach draußen geschlichen, um Lebensmittel zu besorgen. Meist geschah das bei sengender Hitze, wenn niemand auf den Straßen unterwegs war. Nachts, sagt der junge Mann, seien die radikalen Islamisten mit lautem Hupen und Sirenengeheul durch den Ort gefahren, hätten wahllos in die Häuser hineingeschossen und Haustüren mit ihren Kugeln durchlöchert: „Sie wollten uns Angst einjagen.“
Die Flucht gelang am helllichten Tag. Es war so heiß, weit über 40 Grad, dass sich nicht einmal Vertreter des „Islamischen Staates“ nach draußen wagten, sagt der heute in Oberesslingen Lebende. Sein Onkel habe irgendjemanden gekannt, der ein Auto organisieren konnte. Das hielt vor der Haustür, die Familie stieg ein, wurde in die Berge gebracht: „Es gab kaum Wasser, nichts zu essen, keinen Schlafplatz.“
Auch Jaziya Loko ist die Flucht gelungen. Sie wurde vom „Islamischen Staat“ gefangen genommen, versklavt, musste für die Terroristen arbeiten. Zur Beschreibung der Lage benutzt sie nur ein Wort, das sie aber drei Mal wiederholt: „Schläge,Schläge, Schläge.“ Irgendwann nachts ist sie davon gelaufen. Sie wolle vergessen, sagt sie. Aber auch nach zehn Jahren in Deutschland könne sie das nicht. Im Irak hatte sie nur die Grundschule besucht, Sport oder Zeichnen hätten dort nicht auf dem Stundenplan gestanden. Während ihrer ersten Zeit im Kreis Esslingen hatte eine Kunsttherapeutin mit den Frauen gearbeitet. Da hatte Jaziya Loko das Malen für sich entdeckt. Das habe ihr geholfen, irgendwie mit den traumatischen Erfahrungen zu leben.
„Irgendwie“ – mit dieser Vokabel mussten die Mitarbeitenden des Landratsamtes, die für die Betreuung zuständig waren, nach der Ankunft der Jesiden vor zehn Jahren zurechtkommen. Irgendwie, sagt Sabine Pereira, mussten sie den teilweise traumatisierten, verängstigten Menschen im Alter zwischen drei Monaten und 80 Jahren eine Struktur geben. Irgendwie mussten sie ihnen helfen, im deutschen Alltag zurechtzukommen. Irgendwie mussten sie ihr Vertrauen gewinnen. Anfangs, so erinnert sich ihre Kollegin Andrea Werthmann, saßen die Frauen vor ihren Büros auf dem Boden: „Manchmal sprachen sie, manchmal schwiegen sie.“ Sie wollten einfach nicht alleine sein, suchten Gemeinschaft, Kontakt zu anderen.
Der „Islamische Staat“ habe die Jesiden auf jede nur erdenkliche Art gequält, gedemütigt, die Frauen vergewaltigt, viele getötet, sagt Sabine Pereira. Manche hätten aus der Gefangenschaft fliehen können, andere konnten mit Hilfe von außen entkommen. Vertreter aus Baden-Württemberg seien in die Flüchtlingslager gereist, hätten mit den Menschen dort gesprochen und 1100 besonders schwer Betroffene ausgewählt, die das Bundesland aufnehmen wollte. Die 103 Jesiden im Landkreis Esslingen waren zunächst im ehemaligen Plochinger Krankenhaus, der heutigen Außenstelle des Landratsamtes, untergebracht.
Aufenthaltsort und Adresse wurden – so gut es ging – geheim gehalten. Die Verantwortlichen wussten nicht, wie weit der Arm des „Islamischen Staats“ reichen würde. Anschläge wurden befürchtet. Doch passiert ist zum Glück nichts. Für amtliche Dokumente, so berichtet Martin Abel, ein weiterer Mitarbeiter des Landratsamtes, hätte er auch die Größe der Frauen angeben sollen. Doch das Misstrauen gegenüber Männern sei groß gewesen. Zu schlimme Erfahrungen hätten sie mit dem „Islamischen Staat“ gemacht. Langsam habe er Vertrauen aufgebaut, und nach zwei Monaten hätte er sich den Frauen nähern können, ohne auf Abwehrreaktionen zu stoßen.
Die meisten der damaligen Geflüchteten sind in Deutschland angekommen. Basam Bashar macht eine Ausbildung zum Friseur, seine Mutter Saifi Khalaf arbeitet in der Mensa des Georgii-Gymnasiums und engagiert sich ehrenamtlich. Er habe einen Aufenthaltstitel, der alle zwei Jahre verlängert werden müsse, sagt er. Er sei dankbar für die Aufnahme, doch er würde gerne den als unsicher empfundenen Status beenden und eine dauerhaftere Perspektive in Deutschland über die zwei Jahre hinaus anstreben.
Eine endgültige Rückkehr in den Irak ist für ihn keine Option. Er muss es auch nicht mehr. Seine DNA zur Identifikation der Toten in dem Massengrab kann er dank neuer Regelungen nun auch in Stuttgart abgeben. Gerne würde er Gewissheit über das Schicksal seiner Angehörigen haben. Denn nichts, sagt er, ist so schlimm, wie das bange Warten.
Jubiläum
Am 23. Juni 2015 landete nach Angaben des Landratsamtes Esslingen die erste Gruppe jesidischer Frauen und Kinder auf dem Flughafen Stuttgart. Sie wurden im ehemaligen Krankenhaus auf dem Stumpenhof in Plochingen aufgenommen und untergebracht. Im Rahmen des „Projekts Nordirak“ kamen bis Januar 2016 insgesamt 103 Personen in den Landkreis. Der Kreis ist dafür 2019 vom Land Baden-Württemberg mit dem Integrationspreis ausgezeichnet worden.
Jesiden
Laut Basam Bashar gibt es etwa eine Million Menschen, die der Glaubensgemeinschaft der Jesiden angehören. Sie glaubten an einen Gott und würden auch Elemente verschiedener anderer Religionen vereinen. In den Glauben werde man hineingeboren, ein Konvertieren Andersgläubiger sei nicht üblich. Die Mitgliedschaft ergibt sich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind.
Jubiläum Zur Feier des zehnjährigen Jubiläums des Ankommens der jesidischen Flüchtlinge im Landkreis wurde in der Außenstelle des Landratsamtes in Plochingen eine Videobotschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann eingeblendet. Landrat Marcel Musolf würdigte in seinem Redebeitrag die Arbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen für die Integration der Menschen.