Krimikolumne

Jesper Stein: „Weißglut“ Gespenster der Vergangenheit

Das mögen Touristen an Kopenhagen: die kleine Meerjungrau. Einheimischen Kindern darf man mit diesem Unterhaltungsprogramm eher nicht kommen. Foto: dpa
Das mögen Touristen an Kopenhagen: die kleine Meerjungrau. Einheimischen Kindern darf man mit diesem Unterhaltungsprogramm eher nicht kommen. Foto: dpa

Übellaunig, stur, hypochondrisch, aber am Ende gegen alle Widerstände erfolgreich - so haben wir Jesper Steins Kopenhagener Bullen Axel Steen in „Unruhe“ schätzen gelernt. Der Nachfolger „Weißglut“ steht dem Erstling um nichts nach. Ganz im Gegenteil.

Lokales: Hans Jörg Wangner (hwe)
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Stuttgart - Vizekriminalkommissar Axel Steen ist wieder da. Und wieder geht er prügelnd, kiffend und an sich selbst leidend seinen Weg. Willkommen zurück in Kopenhagen, willkommen in einer neuen Sinfonie der Großstadt, einer Sinfonie freilich voller Querstände und Dissonanzen. „Weißglut“ heißt der Thriller des dänischen Autors Jesper Stein – und er steht dem Erstling „Unruhe“ in nichts nach.

Da ist zum einen die straight erzählte Krimihandlung: eine klassische Wer-war’s-Anlage. Es geht um einen unbekannten Vergewaltiger, den Steen in den Zusammenhang mit einem Mord bringt, den er nicht aufklären konnte und über dem seine Ehe zerbrach. Der Täter ist ein echtes Monster, dem Steen Dank moderner Kriminaltechnik, alter Spürnasenmethoden und gegen alle externen und internen Widerstände am Ende doch auf die Spur kommt. Im Gegensatz zur „Unruhe“ ist „Weißglut“ weniger verästelt angelegt, Stein konzentriert sich mehr auf diese eine Verbrechensserie. Für sich genommen also schon mal ein satter, unbedingt lesenswerter Ermittlerroman.

Doch das Buch hat noch ganz andere Qualitäten. Die Atmosphäre der schwül-heißen Stadt umrahmt die Handlung – ähnlich war es in „Unruhe“ der grau-widerliche Spätwinter – und vor allem mit zwischenmenschlichen Details und scharfen Beobachtungen erweckt Stein seine Figuren zum Leben. Er beschreibt den Wahn des Bürokratismus und des Controllings: Jens Jessen, Steens Widersacher und Lebensgefährte seiner Ex-Frau, ist jetzt auch noch sein Vorgesetzter geworden. Und er beschreibt den Wahn des verlassenen Ehemanns, der immer noch überall die Gespenster der Vergangenheit sieht. Und er beschreibt, Detail am Rande, mit welchen Problemen sich ein liebender, aber etwas überforderter Vater auseinandersetzen muss, wenn er die sechsjährige Tochter zu Besuch hat und die junge Frau Unterhaltungsprogramm wünscht – sehr lebensnah!

Jesper Stein: „Weißglut“. Aus dem Dänischen von Patrick Zöller. KiWi-Taschenbuch, Köln 2015. 416 Seiten, 12,99 Euro. Auch als E-Book, 10,99 Euro.

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