Jessica von Bredow-Werndl „Das Feuer in mir brennt immer noch“ – die Dressur-Königin hat noch nicht genug

Jessica von Bredow-Werndl triumphiert in Stuttgart auf ihrem Nachwuchspferd Diallo BB. Foto: Hansjuergen Britsch / Foto Baumann

Jessica von Bredow-Werndl ist aktuell die beste Dressurreiterin der Welt. In Stuttgart holte sie Siege, im Interview spricht sie über ihre Arbeit mit den Pferden – und Olympia 2028.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Sie ist der Star der Dressurszene – musste in Stuttgart aber Neuland betreten. Doch auch mit ihrem neuen Pferd Diallo war Jessica von Bredow-Werndl in der Schleyerhalle nicht zu schlagen.

 

Frau Bredow-Werndl, in den vergangenen beiden Jahren sind Sie in Stuttgart nicht am Start gewesen. . .

. . .aber ich saß zu Hause vor dem Fernseher und dachte: Da will ich wieder hin.

Warum?

Weil es eines der besten, wenn nicht das beste Indoor-Turnier der Welt ist. Ich glaube, es war 2014, als ich erstmals hier starten durfte. Und das sind dann schon prägende Momente, in denen man denkt: Wow, ich darf in Stuttgart reiten. Denn es ist wie beim CHIO: Wenn man in Aachen oder Stuttgart reiten darf, dann hat man schon ein bisschen was geschafft, es ist ein kleiner Ritterschlag. Die Atmosphäre hier ist einfach immer besonders.

War es für Sie in diesem Jahr noch ein bisschen spezieller, da Sie nach der erfolgreichen Ära mit Dalera nun mit Ihrem neuen Pferd Diallo erstmals im Weltcup angetreten sind?

Auf jeden Fall. Es ist immer speziell, wenn man ein neues Pferd vorstellen und auf höchstem Niveau etablieren darf. Und aufregend ist es natürlich auch – für mich als Reiterin und auch fürs Pferd. Am Donnerstag, bei seinem ersten Start in Stuttgart, war Diallo noch ganz schön on fire.

Sie nannten ihn einen „kleinen Feuerstuhl“.

Ja, aber er hat sich im Laufe der Prüfung toll gefangen.

Am Ende stand der Sieg nicht nur am Donnerstag, sondern auch in der Weltcup-Kür am Samstag.

Diallo war so kraftvoll und fokussiert – und das trotz des Stuttgarter Hexenkessels. Ich bin mehr als stolz auf ihn. Mit seinen zehn Jahren ist er ja noch sehr jung, und es gibt nicht viele Pferde, die in diesem Alter schon so weit sind. Er hat einfach unheimlich großes Potenzial, und wir haben noch genügend Zeit, ihn weiter auszubilden. Er ist noch ein kleiner Kindskopf, aber wahnsinnig intelligent und neugierig. Er hat im Grunde keine Schwächen – und das ist auf jeden Fall eine riesengroße Stärke.

Wie schwer fiel Ihnen zu Beginn des Jahres der Abschied von Dalera aus dem Wettkampfsport?

Das war sicher ein emotionaler Prozess, der mir auch schwer gefallen ist. Denn es ist ja schon schade, wenn solch eine erfolgreiche Ära zu Ende geht. Andererseits hat es sich auch so gut und richtig angefühlt. Sie hätte sicher noch ein bis zwei weitere Jahre auf Top-Niveau laufen können. Das hätte sich aber gierig angefühlt, wenn ich das umgesetzt hätte. Nicht umsonst heißt es ja, man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Insofern: Es war leicht und schwer zugleich.

Jessica von Bredow-Werndl beim Abschied von Dalera aus dem Wettkampfsport. Foto: IMAGO/Martin Dokoupil

Mittlerweile erwartet Dalera ihr erstes Fohlen. . .

. . .was mir zusätzlich zeigt, dass die Entscheidung richtig war. Ich hatte nämlich auch das Gefühl, dass sie nun gerne Mutter werden möchte. Und dann hat es auf Anhieb geklappt, dass sie trächtig wird.

Wie merkt man als Reiterin denn, dass eine Stute einen Kinderwunsch hat?

(Lacht) Man kann nun natürlich sagen, dass ich mir das eingebildet habe, das ist schon okay, damit kann ich leben. Aber als ich damals selbst mit meiner Tochter schwanger war, hatte ich wirklich das Gefühl, dass sie das auch möchte. Wir hatten und haben einfach eine sehr tiefe Verbindung zueinander – und da sie so schnell trächtig geworden ist, hat sich mein Gefühl auch bestätigt.

Einst Dalera, nun Diallo, dazu einige andere – wie merken Sie, dass Sie zu einem Pferd eine besondere Verbindung aufbauen können, dass großes Potenzial in dieser Verbindung steckt?

Das gute Gefühl ist nicht immer sofort vorhanden. Was ich aber schnell einschätzen kann: Interessiert mich dieses Pferd, oder eher nicht? Das ist wie bei Begegnungen mit anderen Menschen. Damit beginnt es. Bei Dalera war es dann so, dass ich mit ihr sehr schnell diese Connection auf einer anderen Ebene hatte. Bei Diallo war es ähnlich, es gibt aber auch Pferde, bei denen es ein bisschen länger dauert, bis sie sich voll und ganz auf mich einlassen.

Die Pferde bestimmen den Rhythmus

Diallo reiten Sie erst seit Februar.

Und doch habe ich von Woche zu Woche, von Turnier zu Turnier das Gefühl, dass er sich mehr und mehr auf mich einlässt. Wichtig ist mir aber immer: Das Pferd sollte auf mich zukommen, neugierig sein, Neues einfordern. Ich bestehe da nicht drauf.

Welche Art von Pferd verkörpert denn diese Eigenschaften?

Wir suchen ja stets Pferde, die lieber ein paar PS zu viel haben, die übereifrig sind, die wir eher bremsen und ihnen sagen müssen: Mach mal langsam, wir machen das schon. Wir wollen ja nicht mit Couch Potatoes auf die große Bühne und die ständig auffordern: Jetzt komm schon!

Das erfordert mitunter Geduld. Steht das im Gegensatz zu den sportlichen Ambitionen, zum Terminkalender mit den nächsten Höhepunkten?

Für mich nicht, die Pferde sagen und zeigen mir, wie schnell es gehen darf. Dieses Jahr ist ein gutes Beispiel: Mit Diallo hatte ich die EM überhaupt nicht auf dem Schirm, dann lief es aber so gut, dass wir doch den Weg der Sichtungen eingeschlagen haben. Danach kam aber noch einmal ein Rückschlag – und das war dann überhaupt nicht schlimm. Wir haben dann gemeinsam unsere Hausaufgaben gemacht, uns noch besser kennengelernt und uns nun wieder auf das große Parkett getraut. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Am Ende entscheiden die Pferde, wann und ob es klappt.

Können Sie sich dennoch sportliche Ziele in bestimmten Zeiträumen setzen?

Ja, das kann ich schon – zumal ich es auch sehr wichtig finde, sich energetisch so auszurichten. Man kann die Pläne auf ein solches Ziel ausrichten, ohne dabei zu verkrampfen. Für mich ist es wichtig, Ziele zu haben, mich daran aber nicht festzubeißen, sondern mich auf den Weg zu fokussieren. Dieser Weg ist das, was bleibt.

Für Erfolge gilt das aber auch.

Ja, die machen Spaß. Aber ein solcher Moment ist dann auch schnell wieder vorbei – und hat manchmal sogar negative Nachwirkungen.

Nach den Olympischen Spielen 2021 klagten Sie über die so genannten post-olympischen Symptome. Ein mentales Loch, das auch andere Sportlerinnen und Sportler schon erlebt haben. Darüber haben Sie zuletzt in Interviews gesprochen, auch über die psychischen Folgen eines früheren Badeunfalls, auch über eine schwierige Phase beim Wechsel von den Nachwuchsklassen nach oben. Ist es Zufall, dass Sie gerade jetzt diese Dinge thematisieren?

Es gibt eine TV-Dokumentation, die diese Themen zum Inhalt hat. Da ist man auch auf mich zugekommen, aber nicht nur deshalb spreche ich darüber. Ich mache das schon länger, eigentlich möchte ich auch ein Buch darüber schreiben, dafür fehlte mir aktuell aber noch die Zeit. Jedoch habe ich ein vierwöchiges Programm namens „MentalfFitt“ entwickelt und vor wenigen Monaten gelauncht, das sich nicht nur an Reiterinnen und Reiter wendet. Ich teile da all meine Erfahrungen, aber auch die Tools, die mir geholfen haben, da wieder rauszukommen. Das Feedback ist mega, was mich ermutigt hat, noch mehr darüber zu sprechen.

In Paris holte Jessica von Bredow-Werndl ihre olympischen Goldmedaillen Nummer drei und vier. Foto: IMAGO/Nordphoto

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass gerade erfolgreiche Menschen auch diese Seite von sich zeigen?

Sehr wichtig. Ich möchte Menschen ermutigen und inspirieren. Das geht nur, wenn ich authentisch bin und bleibe.

Gibt es eigentlich Mental-Coaching auch für Sportpferde?

(Lächelt) Dazu kann ich nur sagen: Seit ich begonnen habe, mich mit meiner Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen, hat sich die Psyche meiner Pferde automatisch mitentwickelt. Denn die Tiere spiegeln mich. Und ich möchte die Pferde für das, was ich tue, begeistern. Meine Währung sind Emotionen, wie die Euphorie. Die Pferde sollen Lust haben und immer in dem bestärkt werden, was sie gut machen. Auch Pferde streben nach Anerkennung, die sollen sie bekommen.

Ein Vorwurf an die Reiterei ist immer wieder, die Tiere würden gezwungen.

Klar ist: Wir Reiterinnen und Reiter haben eine große Verantwortung, einen guten Job zu machen. Dabei ist die stete Reflexion sehr wichtig, vielleicht auch ab und an der Vergleich zu Menschen, die einem nahe stehen. So wenig, wie man die schlecht behandeln würde, würde man doch auch ein Pferd, zu dem man eine Verbindung hat, schlecht behandeln.

Noch einmal zurück zu Ihren weiteren Karriereplänen – und Olympia 2028.

Noch während der Spiele von Paris 2024 habe ich zu meinem Mann gesagt: Dieser ganze Druck, das tue ich mir nicht mehr an. Zwei Tage später habe ich dann aber gesagt: Ach, es wäre schon noch mal schön. Der Reiz solcher Ereignisse bleibt dann eben doch. Der Druck ist zwar enorm, wenn man ihm dann aber Stand hält, gibt einem das auch ein sehr gutes Gefühl. Und das habe ich in Paris ja geschafft.

Bedeutet: Auch nach vier Goldmedaillen ist Ihr olympischer Erfolgshunger noch nicht gestillt?

Nein, das Feuer in mir brennt immer noch. Ich habe Lust drauf, aber ich spüre diesen Druck nicht mehr. Und das ist schön.

2026 findet die WM in Aachen statt. . .

. . .und das wäre sicher ein schönes Ziel. Aber darauf konzentriere ich mich überhaupt nicht. Wir entscheiden gerade von Turnier zu Turnier – und das ganz ohne Erwartungsdruck.

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