Jesuitenpater Klaus Mertes Der verhasste Aufklärer

Klaus Mertes ist einer der bekanntesten Katholiken und heute Rektor in St. Blasien. Als Schüler im Bonner Aloisiuskolleg hatte er Glück, nicht selbst Missbrauchsopfer geworden zu sein. Von den acht Jesuitenpater am Gymnasium waren, wie sich später herausstellte, drei Sexualstraftäter. Foto:  

Klaus Mertes machte einen der größten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik. Heute lebt der Jesuitenpater in der Abgeschiedenheit des Schwarzwalds und leitet das Kolleg St. Blasien. Viele Bischöfe hätten gehen müssen, sagt er.

St. Blasien - Auf drei Gelübde hat sich Klaus Mertes verpflichtet: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Mit dem dritten hat der Jesuitenpater das größte Problem. Er ist der Edward Snowden der Gläubigen, als Whistleblower gehasst und verehrt zugleich. Wer den Mann besuchen will, der einen der größten Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufgedeckt und sie in die schwerste Krise seit der Reformation gestürzt hat, muss tief in den Schwarzwald hinein fahren. In den Kurort St. Blasien, der um ein Kloster herum entstanden ist und einen Dom hat, dessen Kuppel alles überragt.

 

Die Füße hochgelegt auf den Schreibtisch, ein Diktiergerät in der Hand empfängt Klaus Mertes in seinem Büro. Der Direktor des Jesuitenkollegs springt auf für den Besuch – wie ein Schüler, wenn die Pausenglocke ertönt. Alles an Mertes ist lebhaft, vieles ungewöhnlich. Der 64-Jährige im Baumwollpulli ist einer, der Umschweife nicht mag, der schnell aufs Thema kommt. Mit seiner Direktheit und Offenheit hat er sich Feinde gemacht – und das nicht nur im Vatikan.

„Nicht ich habe als Erster über den Missbrauch gesprochen, sondern die Betroffenen“, sagt Mertes, „ich habe ihnen zugehört und ihnen geglaubt.“ Die Fenster im Büro stehen weit auf, die Sommerhitze drückt herein in die dicken Mauern des ehemaligen Klosters.

Rektor Mertes gab den Anstoß für eine Zeitenwende in der katholischen Kirche

Weiter weg von Berlin könnte Mertes nicht sein. Und doch sind ihm die Tage Ende Januar 2010 so präsent wie nur wenige Momente im Leben. Damals war Mertes Rektor des Canisius-Kollegs und hatte aufgedeckt, was viele wussten, aber keiner anzusprechen wagte. In den 1970er und 80er Jahren sind Jugendliche an dem Jesuitengymnasium systematisch von Priestern missbraucht worden. In einem Brief wandte sich Mertes an ehemalige Schüler und gab den Anstoß für eine Zeitenwende in der katholischen Kirche.

„Keine Institution hat das Thema so ernst genommen wie die katholische Kirche“, sagt Mertes. Viel mehr Positives hat er nicht zu sagen. Unverständlich ist ihm der Umgang der Bischöfe mit ihrer Verantwortung. „Warum sind nicht mehr von ihnen zurückgetreten?“, fragt er und kann das systemische Versagen und die Schuld so vieler Beteiligten kaum fassen. Da seien einerseits die Täter, die Schüler missbraucht, vergewaltigt, geschlagen hätten und andererseits die Bischöfe und Personalverantwortlichen, die oft nur wenig engagiert waren, beim Erkennen, Aufdecken und Verfolgen von Straftaten. Stattdessen wurde strafversetzt und vertuscht.

Unter Kronleuchtern hindurch geht es zum Speisesaal des Kollegs

Es klopft an der Bürotür, Mertes wird zum Mittagessen abgeholt. „Von einer Freundin“, wie er sagt, eine Vertraute, die damals, als die Verbrechen ans Licht kamen, eine Stütze für ihn gewesen sei. Eine Ordensfrau der Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu. Unter Kronleuchtern geht es die Gänge des Klosterbaus entlang. Überall Marmor, Stuck und an der Wand ein Schwarz-Weiß-Foto von Heiner Geißler. Der frühere Bundesminister und CDU-Politiker war selbst Schüler am Kolleg und verteidigte den Jesuitenorden auch nach dem Canisius-Skandal.

Als Direktor ist Klaus Mertes nahbar für die Schüler, jederzeit ansprechbar. Im Speisesaal der Oberstufe holt er sich Reis mit Gemüse, dazu ein Glas Wasser. Das Essen geht schnell, es ist mehr Pflicht als Genuss. Ein Tisch weiter sitzen Chinesen, die von ihren Eltern am katholischen Internat angemeldet wurden. 2300 Euro zahlen sie pro Monat. Der Andrang ist groß, aber nur 25 werden pro Schuljahr aufgenommen.

Im Schwarzwald muss Mertes seine Depression auskurieren

Zurück im Büro wartet eine Schülerin, die Zuhause mit ihrer Mutter Probleme hat und unbedingt länger im Internat wohnen will. Mertes stimmt zu. Die Jugendliche sieht erleichtert aus.

Mit einer Erschöpfungsdepression ist Mertes im Jahr 2011 im Südschwarzwald angekommen, er musste als Direktor von St. Blasien erstmal seine Kräfte sammeln, viel wandern gehen. „Es hat eine Rufmordkampagne gegen mich gegeben“, sagt Mertes und erzählt von dem „Shitstorm“, der in den Monaten nach der Aufdeckung gegen ihn losgebrochen war. Es gab Beschimpfungen von Seiten der „kirchlichen Betonfront“, es gab Hassmails und Auftrittsverbote in Kirchengemeinden. Nestbeschmutzer, Verräter – alles sei er geheißen worden, erinnert sich Mertes und hat aus Selbstschutz vieles ausgeblendet.

Wie gefährdet er als Jugendlicher war, erfährt Mertes erst viel später. Der Diplomatensohn besuchte von 1966 an das Bonner Aloisiuskolleg. Es galt lange Zeit als Eliteschule mit bestem Ruf bis auch dort 2010 die ersten Missbrauchsdelikte ans Licht kamen und eine Aufarbeitung folgte. „Von acht Jesuitenpatern haben drei Priester Schüler missbraucht“, sagt Mertes über seine Schulzeit. Er selbst hatte Glück. „Ich entsprach nicht dem Opferschema, ich gehörte zu einer Clique von selbstbewusst-konservativen Rebellen.“ Zum damaligen Haupttäter, einem Pater, sei er auf Distanz gegangen, ein äußerst kluger und äußerst strenger Mann, der ihn abgestoßen und angezogen habe. Das Gefühl von Stärke habe ihn blind gemacht, beschreibt Mertes jene Jahre und hat Fotografien in den Schulfluren vor Augen, die ihn hätten alarmieren können. In Schaukästen seien Aufnahmen von Jugendlichen ausgestellt worden, die der Haupttäter an FKK-Stränden gemacht hatte. Mehr Freizügigkeit ging nicht. „Aber wir sahen nicht, dass Mitschüler Opfer waren“, sagt Mertes rückblickend.

Bilder von nackten Schülern hingen in den Schaukästen des Aloisiuskollegs

Als Mahner tourt Mertes unermüdlich durch Deutschland, er hält Vorträge, fordert die Abschaffung des Pflichtzölibats und eine Lockerung des Sexualmoral. Er hat neulich die Ehrendoktorwürde der Universität Freiburg für seine hartnäckige Aufklärungsarbeit gegen alle Widerstände erhalten. „Natürlich gibt es bis heute Missbrauch in der katholischen Kirche“, sagt Mertes und ist froh darüber „dass die Spielräume für Verharmlosungsdiskurse“ enger geworden sind. Die große Studie zu sexuellem Kindesmissbrauch aus dem Jahr 2018 habe das Ausmaß des Verbrechens in den eigenen Reihen gezeigt, auch der Missbrauchsgipfel in Rom sei wichtig gewesen, auch wenn noch ein langer Weg vor der katholischen Weltkirche liege.

Der Kirche den Rücken zuzudrehen, gar auszutreten, sei ihm nie in den Sinn gekommen. „Ich bleibe Christ“, sagt Mertes trotzig und würde alles wieder genauso machen. „Auch Jesus war ungehorsam.“

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