Jethro Tull in Leonberg Der Troubadour hat den Storchenschritt noch drauf

Der Meister will nicht von Fotografen gestört werden. Den Fans ist’s egal: Hans Wünsch, Elmar Bollich, Michael Kasper und DJ Blues Willy (v. l.) beim Tull-Konzert in Leonberg. Foto:  

Durchgetaktet bis zum Schluss: Bei Leonpalooza bieten Ian Anderson und Jethro Tull eine professionelle Show ohne Ecken und Kanten.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Fragt die jüngere Zuschauerin den erfahrenen Rockveteranen: „Ist das mit der Querflöte eigentlich neu?“ Antwort des Älteren: „Nein, die hat er von Anfang an, das ist sein Markenzeichen.“ Genau deshalb setzt Ian Anderson direkt zu Beginn sein in der Rockwelt nach wie vor außergewöhnliches Instrument an die Lippen, als seine Band um Punkt 20 Uhr beim Festival Leonpalooza beginnt. Die Allüren mancher Kollegen, das Publikum erst einmal eine Weile warten zu lassen, sind den älteren Herren von der Insel fremd. Ihr Auftritt ist buchstäblich durchgetaktet.

 

Das fängt schon damit an, dass den rund 1000 Menschen auf dem ausverkauften Bürgerplatz vor der Leonberger Stadthalle per Bandansage freundlich, aber bestimmt das Fotografieren verboten wird. Begründung, ebenfalls vom Band: „Herr Anderson muss sich voll auf die komplexe Musik konzentrieren.“ Betroffen ist auch der Fotograf unserer Zeitung. Das gesetzte Auditorium nimmt es hin, viele applaudieren sogar. Wohl auch dadurch vertröstet, dass während der Zugabe die Handys doch gezückt werden können.

Ian Anderson, der am 10. August 76 Jahre alt wird, hat eine Bühnenpräsenz wie eh und je. Er hat die natürliche Autorität eines Musikers, der vor fast 56 Jahren eine Band gegründet und seither nie verlassen hat. Exzentrische Anflüge sind von dem gebürtigen Schotten nicht bekannt, was nicht bedeutet, dass er musikalisch eindimensional ist.

Im Gegenteil: Jethro Tull, übrigens benannt nach einem englischen Agrarpionier des 18. Jahrhunderts, haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten mit allen möglichen Stilrichtungen experimentiert. Bis hin zur Klassik: Mit besonderer Freude kündigt Anderson seinem Leonberger Publikum, in dem die grauen Haare dominieren, „Bourée“ von Johann Sebastian an. Die Tull-Version ist selbst zum Klassiker geworden. Im Publikum wippen die Köpfe, ein älterer Fan mit Zopf tanzt neben den Stuhlreihen.

Ein Weihnachtslied im Hochsommer

Und da ist er – der Storchenschritt: Ian Anderson bläst die Bach’sche Melodie mit angewinkelten Bein, eine fast legendäre Stellung, wegen der er gerne mit einem mittelalterlichen Troubadour verglichen wird.

Der Meister und seine langjährigen musikalischen Mitstreiter bringen fast alle Songs, die ihre Fans, darunter der Leonberger Alt-Oberbürgermeister Bernhard Schuler, hören wollen. Zumeist aber völlig neu interpretiert, oft rockiger als das Original, sodass selbst Tull-Kenner bisweilen zweimal hinhören müssen, um den Song zu erkennen.

Anderson macht sich einen Spaß daraus, sein Publikum zu überraschen, wenn er mitten im Hochsommer die „Wunderschöne Weihnachtszeit“ aus dem Christmas-Album spielt. Klingt auch bei 25 Grad gut.

Längst verblasster Bombast-Rock

Die echten Hymnen kommen, wie es sich gehört, zum Schluss: „Aqualung“ erstreckt sich zum lang gestreckten Finale im besten Stile längst verblasster Bombast-Rock-Zeiten. Anderson lebt dabei nicht nur seine bemerkenswerte Flötenkunst aus, sondern hüpft wie ein Wiesel über die Bühne. Und dann die Zugabe: „Locomotive Breath“ mit langen Improvisationen und pompösem Schlussakkord. Jetzt blitzen die Handys.

Damit bloß nicht zu viel Begeisterung aufkommt, werden die Musiker vorgestellt – per Bandansage wie zu Beginn des Konzerts. Damit ist klar: Es ist Feierabend. Die Herren Anderson und Co. haben ihre Sache gut gemacht und können sich in ihre Zimmer im benachbarten Amber-Hotel zurückziehen. Für Ausschweifungen sind sie nicht bekannt.

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