Jettingen Auf einen Plausch zum Kaffee

Karin Volle (links) zeigt ihrer Besucherin Lilli Fleck eine der   Puppen aus ihrer umfangreichen Sammlung, die zwei Vitrinen im Wohnzimmer füllen. Foto: factum/Granville
Karin Volle (links) zeigt ihrer Besucherin Lilli Fleck eine der Puppen aus ihrer umfangreichen Sammlung, die zwei Vitrinen im Wohnzimmer füllen. Foto: factum/Granville

In vier Kommunen im oberen Gäu im Kreis Böblingen gibt es neuerdings auch den ehrenamtlichen Besuchsdienst Hereinspaziert. Kreisweit schenken rund 80 Ehrenamtliche älteren Menschen Zeit.

Böblingen: Birgit Klein (bik)
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Jettingen - Erst unterhalten sich Lilli Fleck und Karin Volle über den Schnee und den eisigen Winde, dann über die Gepflogenheiten ihrer Enkelkinder. An Gesprächsthemen mangelt es den beiden Frauen nicht. Nur so kann der Besuchsdienst Hereinspaziert im Landkreis funktionieren. Die Gruppe in den Kommunen Bondorf, Gäufelden, Jettingen und Mötzingen im oberen Gäu gibt es erst seit dem vergangenen Jahr. Es ist die achte im Kreis. Rund 80 Ehrenamtliche besuchen kreisweit ältere Menschen, die einsam und manchmal auch dement sind, um mit ihnen Zeit zu verbringen.

Viel allein ist auch Karin Volle. Ihr Mann ist tot. Ihre Tochter wohnt mit der Enkelin in Balingen – und kann nicht täglich zu ihrer Mutter nach Jettingen fahren. Schon gleich gar nicht im Winter. Karin Volle lebt in der Betreuten-Wohnanlage in Unterjettingen. Das Laufen macht ihr Probleme, Treppen sind ein unüberwindbares Hindernis für sie, selbst in ihrer Wohnung nutzt sie einen Rollator. Morgens und abends kümmern sich Schwestern um die Diabetikerin. Über die Nachbarschaftshilfe ist die Haushaltshilfe organisiert. Jeden Vormittag bringt ihr ein Bekannter Brötchen und eine Zeitung vorbei. „Ich bin trotzdem viel allein“, sagt Karin Volle dennoch, „ich bin froh, wenn ich ab und zu Unterhaltung habe.“

Acht Besuchsdienst-Gruppen gibt es kreisweit

Für mehr Unterhaltung und Abwechslung in Karin Volles Alltag sorgt seit Juni vorigen Jahres Lilli Fleck. Einmal die Woche schaut sie für etwa zwei Stunden bei Karin Volle vorbei. Mal bringt sie Karten oder ein anderes Spiel mit, mal unterhalten sich die beiden Frauen – über ihre Kinder und Enkelkinder, Urlaube am Meer. Karin Volle stammt aus Bad Schwartau (Schleswig-Holstein) unweit der Ostsee. Lilli Fleck verbringt die Ferien gerne an der Nordsee. Vor drei Jahren ging sie in Rente. „Ich mach’ jetzt ebbes für mi, was mir Spaß macht“, sagte sich Lilli Fleck damals nach 40 Jahren Berufstätigkeit. Langeweile kennt die heute 63-Jährige nicht. Schon seit etlichen Jahren spielt sie Theater, sitzt im Gäufeldener Gemeinderat, kümmert sich um die drei Enkelkinder und engagiert sich unter anderem auch bei dem Besuchsdienst Hereinspaziert.

Das Angebot gibt es bereits seit 1999 im Landkreis, aber erst seit dem vergangenem Jahr auch im oberen Gäu. 14 Interessenten hätten sich für den Besuchsdienst gemeldet, berichtet Regina Stukenborg. Zu einzelnen Terminen des Einführungsseminars seien aber mehr gekommen. In sechs Veranstaltungen wurden die potenziellen Kandidaten auf die neue Aufgabe vorbereitet. Themen waren unter anderem Gesprächsführung, Depressionen im Alter und Demenzerkrankungen, aber auch Fragen zur Schweigepflicht und zu Organisatorischem. Klar ist, der Besuchsdienst ergänzt ambulante Hilfseinrichtungen und tut, was deren Mitarbeiter nicht leisten können: mit den älteren Herrschaften spazieren gehen, ihnen vorlesen, mit ihnen etwas spielen oder sich einfach nur mit ihnen unterhalten.

Ein Pendant speziell für ältere muslimische Menschen wurde im Jahr 2006 eingerichtet. Vier Gruppen gibt es davon inzwischen im Landkreis: in Herrenberg, Renningen, Sindelfingen und Weil der Stadt. Die Fäden der Besuchsdienste laufen bei der Altenfachberatung im Böblinger Landratsamt zusammen.

Neun von 14 Interessenten blieben übrig

Von den 14 Interessenten im oberen Gäu sind neun Frauen übrig geblieben, die „Besuche machen“, resümiert Regina Stukenborg. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt sie über die Resonanz. Stukenborgs kniffligste Aufgabe bestand darin, die richtigen Personen zusammenzubringen. Also den Kontakt zwischen denjenigen, die gerne etwas mehr Abwechslung in ihrem Leben hätten, und den ehrenamtlichen Besuchern herzustellen. „Wenn sich keine Beziehung entwickelt, dann muss man es stoppen“, sagt Regina Stukenborg.

Auf das Gespann Lilli Fleck und Karin Volle trifft das nicht zu. Die beiden Frauen haben einen Draht zueinander. Dass sie nicht gerne allein essen und es deshalb manchmal ganz bleiben ließe, gesteht Karin Volle. Das lässt die ebenso energische wie humorvolle Lilli Fleck nicht gelten: „Essen muss man“, redet sie der Älteren ins Gewissen. Beim Thema Kochen fallen Karin Volle prompt kulinarische Missgeschicke aus der Anfangszeit ihrer Ehe ein. Kochen konnte die gelernte Hauswirtschafterin natürlich schon – allerdings in größeren Mengen. Denn durch ihre Arbeit in der Küche eines Sanatoriums im Nordschwarzwald war Karin Volle an völlig andere Dimensionen gewöhnt. „Als ich geheiratet habe, habe ich alles versalzen“, erzählt die 68-Jährige und lacht. Ihr Mann habe sich zunächst sein Essen selbst würzen müssen. Der Vormittag zeigt, dass Lilli Fleck und Karin Volle der Gesprächsstoff nicht ausgehen wird.




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