Wollte keinen neuen Vertrag mit nur einjähriger Laufzeit unterschreiben: MTV-Sportchefin Kim Renkema. Foto: Baumann/Julia Rahn
Kim Renkema erklärt, warum sie das Vertragsangebot abgelehnt hat und den Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart verlassen wird – und auch, wie sehr sie dieser Schritt schmerzt.
Jochen Klingovsky
30.12.2024 - 16:27 Uhr
Am Ende der Saison geht bei Allianz MTV Stuttgart eine Ära zu Ende: Die Wege des erfolgreichen Volleyball-Bundesligisten und seiner Sportdirektorin trennen sich. Kim Renkema (37) spricht in diesem Interview erstmals darüber, warum sie das Angebot des Triple-Siegers zur Vertragsverlängerung nicht angenommen und wie sich die Identität des Vereins verändert hat.
Frau Renkema, die Nachricht Ihres Abschieds ist nun raus – wie geht es Ihnen?
Die letzten Wochen waren nicht einfach, ich bedauere die Entwicklung sehr. Das Heimspiel am Samstag war sehr emotional für mich, weil ich realisiert habe, wie schwer mir der Abschied nach 14 Jahren bei Allianz MTV Stuttgart fallen wird – erst recht, weil es eine andere Lösung hätte geben können.
Welche?
Ich habe im November 2023 einige Wünsche geäußert, die nichts an meinen Arbeitsinhalten geändert hätten. Da ging es um den Posten der Geschäftsführerin Sport für mich oder ein erweitertes Aufgabenprofil mit etwas Budgetverantwortung. Es war nichts Übertriebenes dabei.
Was ist dann passiert?
Ich habe 13 Monate lang keine Antwort erhalten, zu einem Gespräch kam es erst am 16. Dezember 2024.
Wie lief der Termin mit den drei Gesellschaftern Rainer Scharr, Frank Fischer und Nico Helwerth ab?
Es gab ein Angebot an mich, das ich abgelehnt habe.
Laut Hauptgesellschafter Rainer Scharr ist es eine „attraktive und realistische“ Offerte gewesen.
Finanziell hätte es kein Problem gegeben. Aber die Laufzeit betrug nur ein Jahr, obwohl allen klar war, dass ich einen Ein-Jahres-Vertrag nicht annehmen kann. Denn ich hatte ja nicht nur mittelfristige Pläne für Allianz MTV Stuttgart, sondern bin auch eine junge Frau, die ihre Zukunft planen muss.
Die Begründung für die kurze Laufzeit lautete, dass Hauptsponsor Allianz nur um ein Jahr verlängern wird und der Verein deshalb finanziell keine Planungssicherheit habe.
Natürlich sind die Finanzen im Sport immer ein schwieriges Thema. Aber es stimmt nicht, dass die Allianz nur ein Jahr verlängert – ich war bei den Gesprächen dabei, der Vertrag enthält die Option für ein weiteres Jahr. Außerdem steht Allianz MTV Stuttgart finanziell so gut da wie nie zuvor. Wir haben zuletzt Gewinne erzielt und alle Schulden abgebaut. Finanziell hätten wir in meinem Fall eine Lösung gefunden.
Der Verein schrieb in der Pressemitteilung zur Trennung, dass man Ihren Wunsch, eine neue berufliche Herausforderung zu suchen, verstehen könne.
Es ging in den Gesprächen immer nur um meine persönliche Weiterentwicklung bei Allianz MTV Stuttgart, nie um etwas außerhalb des Vereins.
Haben Sie die Wertschätzung für Ihre Arbeit vermisst?
Im Sport ist es doch ganz einfach: Will ich jemanden halten, spreche ich schnellstmöglich mit ihm und mache ihm ein gutes Angebot. Dass ich 13 Monate auf ein Gespräch warten musste, hat mit Wertschätzung nichts zu tun. Darüber war ich enttäuscht.
Kim Renkema und Geschäftsführer Aurel Irion. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch
Es ist bekannt, dass Sie und Geschäftsführer Aurel Irion professionell zusammenarbeiten, es aber persönliche Probleme gibt. Hat dies bei Ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt?
Ihre Beschreibung der Situation ist richtig. Aber das hat keine Rolle gespielt.
Allianz MTV Stuttgart stand immer dafür, ein sehr familiärer Verein zu sein, dem persönliche Werte wichtig sind. Ist das immer noch so?
In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert. Auf erfolgreiche Züge springen gerne sehr viele Leute auf, die Identität im Club ist eine andere geworden. Das wollte ich nicht immer mittragen. Das familiäre Umfeld war stets ein wichtiges Argument in Verhandlungen mit Spielerinnen – doch auch dieses Umfeld hat sich durch die vielen Abgänge leider verändert.
Wären Sie trotzdem gerne geblieben?
Alle, die mich kennen, wissen, dass dieser Verein mit seinen unglaublichen Fans für mich wie eine eigene Familie war. Wir hatten gemeinsam eine enorm erfolgreiche Zeit, haben sportlich alles erreicht. Es schmerzt sehr, diese Fans und das Projekt, für das ich gelebt habe, zu verlieren. Ja, ich hätte mir eine Weiterarbeit vorstellen können – aber es ist auch gut, jetzt neue Wege zu gehen.
Laut eigener Aussage haben sich die Verantwortlichen noch keine Gedanken darüber gemacht, wie es ohne Sie weitergeht. Können Sie das verstehen?
Das kann und will ich nicht beurteilen. Das Zitat von Rainer Scharr in Ihrem Artikel, andere Vereine seien im sportlichen Bereich schlanker aufgestellt, habe ich allerdings schon oft gehört. Doch ich wollte mich nie an den Vereinen orientieren, die hinter uns liegen, sondern immer an Clubs wie dem SSC Schwerin, der strukturell besser dasteht.
Was ist nötig, um auch künftig erfolgreich zu sein?
Wenn sich Allianz MTV Stuttgart weiterentwickeln und noch mehr Titel holen will, muss meine Position erhalten bleiben und neu besetzt werden – denn dafür braucht es sportliche Kompetenz. Wer sich mit zweiten, dritten oder vierten Plätzen zufrieden gibt, kann diese auch anders erreichen.
Werden Sie ihren Vertrag bis Juni 2025 erfüllen?
Das ist mein Plan.
Wer kümmert sich um die Zusammenstellung des Kaders für nächste Saison?
Mir wurde in dem Gespräch kurz vor Weihnachten mitgeteilt, dass dies in meiner Verantwortung liegt. Allerdings ist Kaderplanung eine Herzensangelegenheit, in der viel mehr Stunden stecken, als das Arbeitszeitkonto erlaubt. Die Berater und Spielerinnen wollen mit einer Vertrauensperson verhandeln und wissen, mit wem sie es in Zukunft zu tun haben. Die Verantwortlichen bei Allianz MTV Stuttgart müssen sich schon fragen, wie sinnvoll es ist, mich diese Aufgabe erledigen zu lassen. Ich vermute, da wird viel Verantwortung in Richtung unseres Trainers Konstantin Bitter verschoben werden.
Trainer Konstantin Bitter und Sportdirektorin Kim Renkema nach dem Gewinn des Triples mit der Meisterschale. Foto: Baumann/Cathrin Müller
Wie geht es bei Ihnen beruflich weiter?
Das ist völlig offen.
Nach unseren Informationen hatten Sie bereits Kontakt zur Volleyball-Bundesliga und zum VfB Stuttgart.
Ich habe zunächst das Gespräch mit Allianz MTV Stuttgart abgewartet. Mir liegen einige Angebote vor, in den nächsten Wochen werde ich mich um meine Zukunft kümmern.
Wie würden Sie reagieren, wenn sich andere Volleyball-Bundesligisten mit Ihnen treffen wollen?
Ich würde mich freuen.
Auch weil der Frust groß ist?
Nein. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich schon sehr enttäuscht bin, wie es am Ende in Stuttgart gelaufen ist. Und der Schmerz, mich von diesen Fans verabschieden zu müssen, wird noch lange anhalten.
Wenn das vorbei ist . . .
. . . wird der Stolz auf das, was wir erreicht haben, überwiegen.
Das Gesicht des Stuttgarter Volleyballs
Spielerin Kim Renkema (37) war zunächst Beach- und Hallen-Volleyballerin. 2010 wechselte die Niederländerin zu Allianz MTV Stuttgart und kehrte nach einem zweijährigen Gastspiel im italienischen Pavia 2016 wieder zu dem Bundesligisten zurück. Mit dem MTV holte die Außenangreiferin drei Pokalsiege (2011, 2015, 2017).
Sportdirektorin Nachdem sie ihre Karriere aufgrund gesundheitlicher Probleme hatte beenden müssen, wechselte Renkema ins Management. Die Sportdirektorin führte Allianz MTV Stuttgart zu acht Titeln (4x Meister, 4x Pokal, 2x Supercup) und viermal ins Viertelfinale der Champions League. Kim Renkema ist verheiratet und hat eine Tochter (2).