Krimikolumne

J.F. Dam: „Der dritte Berg“ Die Unsterblichkeit und der Monsun

Von Georg Patzer 

Fast schon eine indische Dan-Brown-Schmonzette: diese Einschätzung dürfte für manchen eine Leselockung darstellen. Aber der Salzburger Indologe hat seinen Roman, in dem eine Pflanze gesucht wird, die den Tod überwindet, leider überkonstruiert.

Warum lachen diese Inder so? Machen sie sich über Westler lustig, die alles Mögliche ins angebliche Naturwissen der einfachen Leute hineingeheimnissen?  Oder hüten sie tatsächlich ein Geheimnis, das der Unsterblichkeit? Foto: dpa
Warum lachen diese Inder so? Machen sie sich über Westler lustig, die alles Mögliche ins angebliche Naturwissen der einfachen Leute hineingeheimnissen? Oder hüten sie tatsächlich ein Geheimnis, das der Unsterblichkeit? Foto: dpa

Stuttgart - Der schlaue Autor schreibt einen fesselnden Anfang, der die Leser packt. Damit sie weiterlesen. Damit sie das Buch, das sie in der Buchhandlung aufschlagen (niemand liest ja einen Krimi an, indem er die letzten Seiten aufschlägt), erst einmal kaufen. Und das macht der schlaue Autor vor allem mit seiner Sprache. Schreibt er dann so etwas: „Beinah ist mir, als sei das Gewebe der Welt um mich spröde geworden. Als hätten die Dinge – der nebelversunkene Garten drüben vor dem Fenster, die ostindische Vase auf dem Tisch, das weiße Ledersofa – ihre Freundschaft aufgekündigt und beschlossen, von nun an eigene Wege zu gehen.“ Oder schreibt er, wenn er nach seinen Mails sieht: „Etwas irritiert mich an den Letzteren.“ Oder: „An diesem Morgen, fünf Wochen vor der Bergung von Leichen, von der ich nichts ahnen kann, denke ich nicht an die innere Leere der Welt. Ich denke etwas ganz anderes.“ Nein, ein schlauer Autor schreibt nicht so verquast.

Leider geht es in J.F. Dams „Der dritte Berg“ auch so weiter: Etwas wirr, etwas umständlich zuweilen. Und das ist schade, denn er hat ein interessantes Thema, ein paar ausgefallene Nebenthemen und ein paar sehr gelungene Passagen.

Es geht um nichts Geringeres als die Unsterblichkeit. Die Hauptpersonen in diesem Roman sind Indologen oder Biologen oder arbeiten mit einem Pharmakonzern zusammen. Denn der Sanskrit-Experte Christian Fust hat vielleicht in alten ayurvedischen Manuskripten einen entscheidenden Hinweis auf jene mythische Pflanze Soma entdeckt, die Menschen unsterblich machen soll. Seine Frau Maggie Chelseworth, die plötzlich gestorben ist, hat noch einen Tag vor ihrem Tod in Wien einen mysteriösen Brief an Bernard Rai geschickt, Meteorologe und Enkel eines indischen Freiheitshelden. Rai betrachtet ihre rätselhafte Botschaft, den Prospekt eines Ortes, an dem er mit Maggie und Christian vor langer Zeit ein Wochenende verbrachte, als Vermächtnis. Als letzten Willen. Und plötzlich ist auch Christian verschwunden.

Die Spur, der Rai nachgeht, ja, nachhetzt, führt nach Heidelberg, an ein Uni-Institut, an den Schluchsee im Schwarzwald, wo Professor Horst Dieter Maettgen, der sich für „Unsterblichkeitsforschung“ interessiert, eine versteckte Wohnung hat. Dann nach London und Sikkim in Nordindien, dorthin, wo ein indischer Pharmakonzern ein Symposium veranstaltet und Rai nicht nur Christian findet, sondern auch Maettgen und seine Institutsassistentin Sophie wiedertrifft. Außerdem Schmithausen, den er einmal über Maettgen ausfragen wollte und der jetzt mit Sophie konspiriert, die auch mit Rai...

Ja, es ist alles ein wenig zu kompliziert. Ein wenig überkonstruiert in diesem Romandebüt des in Salzburg lebenden Indologen J.F. Dam, ein wenig zu konspirativ, so, als wären wir in eine indische Dan-Brown-Schmonzette geraten. Natürlich wird auch verfolgt und eingebrochen, Rai wird festgenommen und wieder freigelassen, man kennt dieses literarische Spiel zur Genüge.

Dazu kommen noch gewollt anspielungsreiche oder künstlich inhaltstiefe Sätze, die oft genug missraten sind. Oder verrutschte Metaphern, Vergleiche: „Sophias Hand verschwindet. Wie ein scheues Tier, das jetzt gemerkt hat, an welcher unmöglichen Stelle es äst.“ Sie war zwischen seinen Schenkeln... Oder er schreibt, dass am Ende einer „mit dunklen Steinen ausgelegten Wasserfläche (…) die Schönheit selbst, der Golf von Bengalen, in der grellen Sonne explodiert.“ Nein, es gibt im Buch keine Atombombenexplosion in Indien.

Andererseits ist er zu wunderschönen Passagen fähig. Einmal beschreibt er die Stadt Kalonagar sehr poetisch, vor allem aber kommt er immer wieder auf das Wetter zu sprechen, denn Rai ist nicht umsonst Meteorologe. Als er einmal ein geheimes Gespräch in der Nacht belauscht, spürt er hinterher den Monsun: Die „schwüle Hitze gießt sich wie ein noch heißerer Schauer herab. (…)Die Welt um mich legt ein sonderbares Verhalten an den Tag. Meine Knie sind unbrauchbar, die Speichelproduktion legt zu. (…) Der Monsun, er kann in dich kriechen und dich irre machen. Der Monsun (…) kann Dinge geschehen lassen. Sein Kommen ist ein wochenlanges Einsickern Anderen. Meine Gedanken bewegen sich in unangenehmen, wilden Spiralen. Über mir stehen achtzehn Kilometer tonnenschwere, feuchte Subtropenluft, die alle Kraft aus mir pressen.“

J.F. Dam: „Der Dritte Berg“. Roman. Deuticke Verlag, Wien. 288 Seiten, ge., 19,90 Euro. Auch als E-Book, 15,99 Euro.

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