Am Donnerstag veröffentlicht Joanne K. Rowling ihren ersten Roman, in dem Harry Potter sicher keine Rolle spielt. „Ein plötzlicher Todesfall“ soll zeigen: Schafft sie den Sprung zur normalen Schriftstellerin?

London - Es ist noch mal das ganz große Programm. Die britische Autorin Joanne K. Rowling hat ein neues Buch geschrieben. Und die Welt muss sich in Geduld üben. Keine Vorabexemplare. Keine Pressekritiken lang vor dem Erscheinungsdatum. Keine Buchauszüge im Internet. Exakt am Morgen des 27. Septembers 2012 können die Leser erstmals den Buchdeckel öffnen. „The Casual Vacancy“ heißt das Original. „Ein plötzlicher Todesfall“ die deutsche Übersetzung im Carlsen Verlag mit einer Startauflage von 500 000. Dieser Donnerstag wird zweifellos ein sehr wichtiger Tag für Mrs. Rowling. Denn es ist ihr erster Tag als Autorin ganz ohne Harry Potter. Und dahinter steckt die ganz große Frage, vor allem für sie selbst, ob das überhaupt geht. Ob das funktioniert.

 

47 Jahre ist Rowling alt, verheiratet in zweiter Ehe mit dem Arzt Neil Murray. Im Alltag und am Telefon nennt sie sich Mrs. Murray, so oft es irgend geht. Doch die Welt kennt sie als J. K. Rowling, denn mit 32 Jahren schenkt sie dieser Welt den ersten „Harry Potter“-Band. Da war sie eine geschiedene, allein erziehende Mutter, die von Sozialhilfe und einem Teilzeitjob an einer Schule lebte und in freien Minuten an einem ziemlich verratzten Tisch im Café „The Elephant House“ in Edinburgh Zauberergeschichten dichtete. (Mittlerweile nennt sich „The Elephant House“ übrigens ein „Gourmet Tea and Coffee Shop“).

Sie hat in 15 Jahren alles richtig gemacht

Na gut, die Welt brauchte eine Weile, bis sie besagtes Geschenk zu würdigen wusste. Die ersten Auflagen bei Bloomsbury in London waren klein, auf Reklame wurde weitgehend verzichtet. Die nötige Werbung kam von den Lesern allein; zunächst den kleinen, dann zusehends auch von größeren. Die Welt des Harry Potter, die Rowling Band für Band entfaltete, eine Mischung aus klassischer lustiger Internatsgeschichte und großem existenziellem Weltentwurf, stellte alles in den Schatten, was der internationale Kinder- und Jugendbuchmarkt bisher erlebt hatte. Die Veröffentlichung der Bände vier bis sieben entwickelten sich zu globalen Events. Die Fans standen bereits am Vorabend Schlange, die Buchhandlungen öffneten ausnahmsweise zu Mitternacht. Schulkinder kämpften sich bewaffnet mit Wörterbüchern freiwillig durch das dicke englische Original, weil die deutsche Übersetzung damals erst mit einigen Monaten Verzögerung kam.

Das alles ist Geschichte, denn Rowling hat die Harry-Potter-Geschichte 2007 mit dem siebten Band zu Ende erzählt, zum inhaltlich schlüssigen Finale gebracht. Das war immer so geplant und sie hat sich nie von ihrem Plan abbringen lassen – obwohl man ahnt, was ihr in der Zwischenzeit von interessierter Seite für eine Fortsetzung geboten wurde, insbesondere vom US-Hollywoodkonzern Warner Brothers, der mit den Verfilmungen und dem nachfolgenden Merchandising ein globales Milliardengeschäft gemacht hat.

Nein, das Erstaunliche ist: die Autorin Joanne K. Rowling hat in den 15 Jahren seit „HP One“ (so die Fanabkürzung) alles richtig gemacht – worüber man angesichts des Erwartungs- und Beobachtungsdrucks, der da auf ihr lastete, nur staunen kann. Sie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen aller Zeiten, aber sie ist weder maßlos noch zickig, noch oberflächlich, noch schlagzeilensüchtig. Alle Versuche, an ihr irgendetwas nachhaltig Schlechtes oder Unsympathisches aufzudecken, an ihrem Image als menschenfreundliche-kritische Geschichtenerzählerin des 21. Jahrhunderts zu kratzen, sind praktisch spurlos an ihr abgeperlt.

Finanziell hätte sie ein neues Buch nicht nötig gehabt

Die Rowling hätte es nie mehr nötig gehabt, ein Buch zu schreiben, schon gar nicht finanziell. Vermutlich wäre es sogar schlauer gewesen, nie mehr ein Buch zu schreiben, da doch kein Leser, kein Kritiker sich vom Vergleich zu den HP-Werken völlig frei machen kann. Aber auch den Entschluss, es trotzdem zu tun, auch den Versuch, es wie eine ganze normale Schriftstellerin nun mit einer ganz neuen Geschichte einfach zu wagen, dabei alle Risiken in Kauf zu nehmen, kann man wieder nur bewundern. J. K. R. sieht sich auch nur als Muggle – so heißen in der Potter-Welt alle Menschen ohne Zauberkräfte; das Kunstwort ist inzwischen aufgenommen im Oxford English Dictionary.

Nach allem, was Rowling selbst schon verraten hat, verzichtet „Ein plötzlicher Todesfall“ auf Zauberei. Es ist eine Geschichte aus der englischen Provinz, aus der Mittelschicht. Es geht darin um etwas, was die sozial stark engagierte Rowling auch sonst scharf kritisiert: die Entsolidarisierung in der britischen Gesellschaft. Einmal, so erzählte sie gerade dem „Spiegel“, habe ein reicher Brite auf einem Fest doch tatsächlich zu ihr gesagt: „Zum Glück gibt es hier keine Asozialen.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er geglaubt habe, sie stimme ihm zu, empöre sie zutiefst. Aber auf Feste solcher Art gehört J.K. Rowling sicher nicht. Ihre Heimat ist noch immer hier: im „The Elephant House“.


Bespiellos: Die Welt der Joanne K. Rowling

Weltweit wurden bis zum Herbst 2012 mehr als 450 Millionen Exemplare von „Harry Potter“ verkauft, allein in Deutschland über 30 Millionen. Das Vermögen Rowlings wird auf 700 Millionen Euro geschätzt, ihre Privatstiftung hat allein in den vergangenen drei Jahren 120 Millionen Euro in Projekte investiert.

Am 27. Juli ließ der Filmregisseur Danny Boyle die Autorin Rowling bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London auftreten. In einem Programmteil, der die vielen Helden der englischen Kinderliteratur feierte, las Rowling die ersten Sätze des Klassikers „Peter Pan“ von James Matthew Barrie.

Längst zollt auch die große Literatur Rowling Anerkennung. Uwe Tellkamp, einer der anspruchsvollsten deutschen Autoren („Der Turm“), sagte in Leipzig: „Ich bin Harry-Potter-Fan und habe alles von vorn bis hinten gelesen. Ihr Werk ist die erste unzweifelhaft bleibende literarische Leistung unserer Zeit.“