Jo Nesbø: Macbeth Menschliche Abgründe von ewiger Gültigkeit

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Noch auf der Suche nach einem passenden Buchgeschenk für Krimi- und Shakespeare-Liebhaber? Jo Nesbøs „Macbeth“ ist für den Gabentisch bestens geeignet.

In Jo Nesbøs imaginärer schottischer Stadt gehören leere und verfallende Fabrikhallen zum Stadtbild. Foto: dpa
In Jo Nesbøs imaginärer schottischer Stadt gehören leere und verfallende Fabrikhallen zum Stadtbild. Foto: dpa

Stuttgart - Ein spannendes Projekt hat Hogarth Press, ein zum Konzern Penguin Random House gehörender Verlag, da auf die Beine gestellt. Namhafte Bestsellerautoren haben seit 2016 die Gelegenheit, sich einem der zahlreichen Shakespeare-Klassiker anzunehmen und ihm neues Leben einzuhauchen. Die meist (für Kenner natürlich wenig) überraschende Erkenntnis: Was Shakespeare vor Jahrhunderten aufgeschrieben hat, ist oft so aktuell wie eh und je. Das ist kaum verwunderlich: Die Konflikte und Leidenschaften, denen sich der britische Dramatiker gewidmet hat, sind so zutiefst menschlich, dass sie die Zeiten überdauern.

Beispielhaft dafür steht Jo Nesbøs Thriller „Macbeth“, der in diesem Jahr erschienen ist und das gleichnamige Shakespearsche Königsdrama recycelt. Nesbø, der sich vor allem mit seinen Harry-Hole-Krimis in die Herzen der Thrillerfans geschrieben hat, macht aus dem Königsmörder Macbeth einen beherzt zupackenden Polizisten, der eine namenlose schottische Küstenstadt aufmischt, seiner Gier nach Macht erliegt und eine blutige Spur der Gewalt hinter sich herzieht, bis er schließlich selbst zum Opfer der Todesspirale wird, die er in Gang gesetzt hat.

Eine Art Gotham City im Schottland der 1970er Jahre

Denn da ist nicht zu viel verraten: So wie im Drama scheitert der ehrgeizige und ruhelose Macbeth vor allem an sich selbst. Nesbø bleibt Shakespeare Werk überraschend treu. Das reicht vom Dramatis personae, das sich vollständig im Krimi wiederfindet bis hin zu einzelnen Szenen, etwa als Macbeth von drei Frauen prophezeit wird, dass er der mächtigste Mann der Stadt werden wird.

Aber auch wenn das Ende absehbar ist, bleiben die gut 600 Seiten ein Lesevergnügen. Das liegt vor allem an der morbiden Atmosphäre, die Nesbø erzeugt. Seine Stadt ist eine Art Gotham City im Schottland der 1970er Jahre, zerfressen von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption. Selbst das Wetter ist immer grau und trüb, wer die Sonne sehen möchte, muss durch einen Tunnel in das benachbarte Fife fahren. Wer es sich leisten kann, und das sich nicht viele, zieht gleich dorthin.

Korrumpiert von Macht und Sex

Vor dieser Kulisse entfaltet Nesbø das blutige Drama um den Polizisten Macbeth, der aus vermeintlich hehren Motiven – es geht um die Rettung der Stadt vor kriminellen Drogenbaronen – zu fragwürdigen Methoden greift, die schließlich in Hass, Gewalt und Tod enden. Getrieben von seiner Frau, die nur Lady genannt wird, und seiner Gier nach Macht, aber auch der Angst vor dem Scheitern, verliert Macbeth erst die Kontrolle über sich und schließlich über das Geschehen.

Dass sich Nesbø an die Handlungsdynamik des Dramas hält, gibt dem Geschehen vor allem zu Beginn, als das Morden ziemlich fix um sich greift, verstärkt das Gefühl einer Dark Graphic Novel und erinnert mehr als einmal an Filme wie Sin City.

Es ist wie so oft, wenn man sich mit Shakespeare beschäftigt: Was da an menschlichen Emotionen freigesetzt wird, hat nahezu ewige Gültigkeit. Macht und Sex korrumpieren, Liebe, Freundschaft und Vertrauen haben es schwer, sich in einer Welt wie dieser durchzusetzen. Das gilt für Shakespeares 16. Jahrhundert ebenso wie für die herrschende kapitalistische und neoliberale Weltordnung der Gegenwart. Viel geändert hat sich eigentlich nicht.

Jo Nesbø: Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt. Thriller. Aus dem Englischen von André Mumot. Penguin Verlag München 2018. Hardcover mit Schutzumschlag, 624 Seiten, 24 Euro.