Joachim Gauck wird 75 Die späte Karriere eines Wortgewaltigen

Von Alessandro Peduto 

Joachim Gauck hat zu DDR-Zeiten seine Worte sehr vorsichtig wägen müssen. Doch nun im Alter nimmt er sich als Bundespräsident die Freiheit, unbequem zu sein und auch mal anzuecken.

Joachim Gauck – hier mit   Daniela Schadt – mischt sich ein. Foto: dpa 23 Bilder
Joachim Gauck – hier mit Daniela Schadt – mischt sich ein. Foto: dpa

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dieser Tage erzählt, wie erstaunt sie noch immer sei, welchen Lauf ihr Leben genommen habe – von der DDR-Bürgerin zur Kanzlerin eines vereinten Deutschlands. Joachim Gauck dürfte an seinem 75. Geburtstag, den er heute feiert, ähnlich verblüfft zurückschauen. Auch bei ihm deutete über Jahrzehnte kaum etwas darauf hin, dass sich sein Leben noch einmal komplett ändern könnte, geschweige denn, dass er eines Tages Staatsoberhaupt werden würde, das von der Freiheit des Wortes stärker Gebrauch macht, als manchem lieb ist.

Während der Rostocker zu DDR-Zeiten als Pastor seine Predigten mit Bedacht formuliert, um nicht in Konflikt mit Obrigkeit zu geraten, wagt sich Gauck als Bundespräsident verbal oft weit vor. Einmal muss sich sogar das Bundesverfassungsgericht damit befassen, weil Gauck NPD-Anhänger kurz vor der Bundestagswahl 2013 als „Spinner“ bezeichnet hat. Die obersten Richter bescheinigen, dass er sich im zulässigen Rahmen geäußert hat. Klar ist aber auch: Die Lust, sich einzumischen, ist bei Gauck größer als der Hang zu diplomatischer Zurückhaltung.

Schon beim jungen Gauck, dessen Vater von den Sowjets in einem sibirischen Arbeitslager interniert wurde, wächst der innere Widerstand gegen staatlich auferlegte Unfreiheit. Diese Haltung behält er als oppositioneller DDR-Pfarrer und 1989 als Mitbegründer des Neuen Forums bei. Freiheit wird sein zentrales Motiv. Nach der Wende beginnt für Gauck ein neues Leben. 1990 zieht er als Abgeordneter von Bündnis 90 in die erste, frei gewählte DDR-Volkskammer ein. Ein halbes Jahr später beruft ihn der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum Beauftragten für die Stasi-Unterlagen, der „Gauck-Behörde“, wie sie fortan heißt. Zehn Jahre leitet er das Akten-Archiv der Stasi.

Danach wird es eher ruhig um Gauck. Er versucht sich als TV-Talkmaster. Doch seine Begabung liegt woanders. Die Sendung floppt. Privat ändert sich einiges. Nach der Trennung von seiner Ehefrau, mit der er vier Kinder hat, lebt Gauck fortan mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen, der heutigen „First Lady“. In den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerät Gauck im Zuge seiner ersten Präsidentschaftskandidatur 2010. Er wird gefeiert, hält Reden in vollen Sälen im ganzen Land.

Am Ende unterliegt er gegen Christian Wulff. Als dieser aber Anfang 2012 nach Polit-Affären zurücktritt, gelingt Gauck der Sprung ins höchste Staatsamt. Die Begeisterung für den DDR-Pfarrer ist da nicht mehr so groß wie beim ersten Mal. Den Vorwurf mangelnder Wahrnehmbarkeit, den sich einige seiner Amtsvorgänger gefallen lassen mussten, braucht Gauck aber nicht zu fürchten. Im Gegenteil.

Viel Kritik handelt er sich ein, als er sich während des SPD-Mitgliederentscheids über die erste rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen skeptisch über die Linkspartei äußert. Viele betrachteten das als unzulässige Einmischung in die Tagespolitik. Heftig umstritten ist auch seine Forderung nach einem stärkeren Militärengagement Deutschlands in der Welt zum Schutz von Menschenrechten. „Kriegshetzer“ nennen ihn Kritiker. Doch derlei Vorhaltungen scheinen Gauck wenig umzutreiben. „Wer nur abseits steht und sich heraushält, wird zum beherrschten Objekt“, sagte er am 9. Oktober 2014 in Leipzig. Es ist ein Satz, der auch Gaucks Amtsverständnis ziemlich treffend beschreibt.