Joachim Król beim Spoken-Arts-Festival „Stuttgart lässt mich nicht los“

Der Schauspieler Joachim Król Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Der Schauspieler Joachim Król kann auch anders. Zum Beispiel politisch, wie er beim Stuttgarter Spoken-Arts-Festival beweist. Was er über die Qualität der Reden im Deutschen Bundestag denkt und welches Verhältnis er zu Stuttgart hat, verrät er im Interview.

Selten war die Stardichte höher: Beim ersten Spoken-Arts-Festival, das am Dienstag, 25. Oktober, im Theaterhaus startet, treten binnen einer Woche die Besten der Besten auf. Uli Matthes, Samuel Finzi, Hannelore Hoger sind bei diesem Kunstgipfel ebenso dabei wie sechs „Tatort“-Kommissare, ehemalige wie Meret Becker, noch aktive wie Franziska Weisz. In einer Fülle von Veranstaltungen lassen sie die Goldenen Zwanziger aufleben, eine vom Moka Efti Orchestra unterstützte „Babylon Berlin“-Tiefenbohrung voller Literatur, Musik, Tanz, Revue – und Politik. Auch sie ist ein Fall für Ex-Ermittler: Gemeinsam mit Anna Schudt widmet sich Joachim Król am 31. Oktober den „Politischen Reden der Zeit“.

 

Herr Król, Ihr Festivalbeitrag klingt spröde: „Politische Reden“. Warum haben Sie sich trotzdem dafür erwärmt?

Weil sie alles andere als spröde sind. Und weil alles, was Joachim Lang anpackt, Hand und Fuß hat. Er ist nicht nur der Festivalchef, sondern auch der künstlerische Leiter unseres Abends mit politischen Reden, die von Marlene-Dietrich-Songs der Musikerin Lary begleitet werden. Als er mich anfragte, musste ich nicht lange überlegen, bei diesem Festival aufzutreten, mit diesen fantastischen Leuten . . .

Man kennt die Mitwirkenden überwiegend aus Filmen. Auch Sie kennen Joachim Lang von Dreharbeiten.

Ja, Dreharbeiten zu „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, den ich mit Joachim Lang als Regisseur gemacht habe, unter anderem hier in Stuttgart. Schon damals brachte er ein hervorragendes Ensemble zusammen, ich war der Bettlerkönig Peachum. Noch nie habe ich einen Regisseur erlebt, der so völlig eins war mit seinem Projekt wie Joachim Lang. Er wusste alles über Brecht, alles, seine Kompetenz hat mich tief beeindruckt. Die Arbeit an „Mackie Messer“ war großartig! Da war mir sofort klar, dass ich auch beim Spoken-Arts-Festival dabei sein wollte. Es ist sowieso merkwürdig mit Stuttgart und mir.

Wieso?

Stuttgart erreicht mich immer wieder und lädt mich ein, auch ohne Joachim Lang. Vor fast zehn Jahren, 2013, habe ich im Theater in der Regie von Jan Bosse die „Szenen einer Ehe“ gespielt. Und seit Jahren arbeite ich mit Martin Mühleis vom Sagas-Ensemble zusammen. Wir haben zwei literarische Bühnenstücke inszeniert, die ich aktuell wieder aufnehme: „Der erste Mensch“ von Albert Camus und „Seide“ von Alessandro Baricco. Stuttgart lässt mich nicht los.

Das hört man gern in der Stadt mit dem Minderwertigkeitskomplex . . .

. . . den müsst ihr überhaupt nicht haben!

Was ist das Spannende an Ihrem Festivalabend?

Die Reden, die wir vortragen: wegweisende, historische, epochale Texte aus der Weimarer Zeit! Anna Schudt etwa liest die Rede von Marie Juchacz vom Februar 1919, die erste Rede einer Frau in einem deutschen Parlament, ich die Rede von Friedrich Ebert, der als erster Reichspräsident am gleichen Tag dieses Parlament, die Weimarer Nationalversammlung, eröffnete. Dazu die Rede von Otto Wels, März 1933, gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht.“ Unfassbar mutige, furchtlose Sätze, ausgesprochen unter Lebensgefahr! Wenn ich sie lese, muss ich an ukrainische Politiker von heute denken: Auch sie widerstehen einem Diktator.

Die Reden besitzen hohe Aktualität?

Unbedingt. Ihr Echo begegnet uns gerade wieder in der Tagespolitik. Die Probleme von damals – Armut, Inflation, Gefahr von rechts, Angst vor einem Weltkrieg – treiben uns Menschen auch heute um. Noch vor wenigen Monaten in dieser Heftigkeit völlig undenkbar. Wir scheinen in den vergangenen hundert Jahren nicht sehr weit gekommen zu sein.

Bedrückt Sie das?

Wen nicht? Jeder wache Mensch hat heute Sorgen und Ängste. Uns interessiert bei der Lesung aber auch etwas anderes: die literarische Qualität der Reden, die ungeheuer gut, ausgefeilt und präzise sind. Wenn ich mir dagegen Debattenbeiträge im Bundestag von heute anhöre, habe ich den Eindruck, dass es häufig nur um die Produktion von Schlagworten geht.

Juchacz, Ebert, Wels: Sozialdemokraten wie Ihr Vater, der in Herne als Bergmann gearbeitet hat.

Ja, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich den Abend mache. Wir haben auch Rosa Luxemburg, Gustav Stresemann oder die Dankrede von Thomas Mann zum Literaturnobelpreis 1929 im Programm. Ich halte es einfach für eine bestechende Idee, die Gattung der großen Rede bei einem Festival zu präsentieren. Diese Kunstform ist vom Untergang bedroht, heute zählen keine Worte, sondern Bilder.

Sie haben in einem Film über den CDU-Politiker Walter Lübcke mitgespielt, der 2019 von einem Rechtsradikalen hingerichtet wurde: In „Schuss in der Nacht“ waren Sie der Ermittler. Ein Herzensanliegen für einen politisch interessierten Künstler?

Ich mag Arbeiten, bei denen ich einen intellektuellen Zugewinn habe und etwas lernen kann. „Schuss in der Nacht“ spielt man nicht wie einen konventionellen Fernsehkrimi, da muss man sich schon den ganzen politischen Hintergrund erarbeiten. Sperrige Filmprojekte zu finanzieren und im Fernsehen zu etablieren wird ja leider immer schwieriger. Aber wenn es gelingt, bin ich dabei.

Wo waren Sie zuletzt dabei?

Bei etwas ganz anderem. Ich habe fürs ZDF „Endlich Witwer 3“, so der Arbeitstitel, auf Gran Canaria und La Gomera abgedreht. Wie in den beiden Vorgängerkomödien spiele ich Georg Weiser. Seine Reise geht weiter. Nach dem Tod seiner Frau ist er aus dem Spießerleben ausgebrochen und bei Freunden aus der Jugendzeit gelandet, voller Erinnerungen an wilde Anarcho-Zeiten und eine alte Liebe. Jetzt, im dritten Teil, verschlägt es ihn auf die Kanaren. Georg Weiser ist mir sehr nah. Ich denke, keiner kennt ihn so gut wie ich, hier und da hat er etwas Biografisches . . . Aber wir wollten doch übers Spoken-Arts-Festival reden: Was Stuttgart da zu bieten hat, ist eine tolle Sache!

Spoken Arts mit Meret Becker, Robert Stadlober und Gauthier Dance

Person
Joachim Król, im Sommer 65 geworden, gehört zu den begehrtesten Charakterdarstellern des deutschen Films. Der Durchbruch gelang ihm 1994 mit der Sönke-Wortmann-Komödie „Der bewegte Mann“, gemeinsam mit Til Schweiger, mit dem er sonst kaum etwas teilt. Król, dessen Vater Bergmann und in der SPD war, gehört zur bescheidenen Sorte Mensch. Seine Spezialität als Spieler: wunderliche Charaktere. Sein letzter Erfolg: „Endlich Witwer“, abrufbar in der ZDF-Mediathek.

Festival
Das Spoken-Arts-Festival findet zum ersten Mal statt und verbindet Sprache, Musik und Tanz. Ausgerichtet von der Akademie für gesprochenes Wort, geleitet vom SWR-Redakteur Joachim Lang, geht es vom 25. bis 31. Oktober an verschiedenen Orten über die Bühne, schwerpunktmäßig im Theaterhaus. Thema: die 1920er Jahre. Das Programm ist eine Folge von Höhepunkten mit der Creme der Schauspielkunst, mit Hip-Hoppern und Revuekünstlern.

Eröffnung
Am Dienstag, 25. Oktober, wird das Festival um 20 Uhr im Theaterhaus mit einer Revue eröffnet. Mit dabei: Meret Becker, Robert Stadlober, Max Moor, Malonda, Gauthier Dance und so fort. Füllhörner werden auch sonst ausgeschüttet, etwa im Konzert der Orsons am Freitag, 28. Oktober, oder beim Abend der Literatur am Sonntag, 31. Oktober, mit Hannelore Hoger, Claudia Michelsen und Devid Striesow. Weitere Infos unter www.spoken-arts-festival.de. Karten unter 07 11 / 4 02 07 20.

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