Die britische Autorin lässt alle magischen Welten hinter sich. „Ein plötzlicher Todesfall“ erzählt von einer Gesellschaft, die ihr soziales Gewissen verliert.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Und, ist es amüsant?“ erkundigt sich morgens auf dem Redaktionsflur ein Kollege nach dem Buch von Joanne K. Rowling. Er zählt zu den großen „Harry Potter“-Fans, hat längst bei „Amazon“ bestellt und ärgert sich über die Post, die nicht rechtzeitig ausgeliefert hat. So bleibt immerhin Zeit zum behutsamen Vorwarnen. Denn: Nein! „Ein plötzlicher Todesfall“, Joanne K. Rowlings erster Roman nach ihrer Harry-Potter-Serie und ganz ohne Harry Potter, ist alles andere als amüsant. Zu lachen gibt es hier nichts.

 

Nun war ja auch „Harry Potter“ nicht einfach „amüsant“. Spätestens vom Ende des dritten Bandes an ließ es Rowling auf dem anfangs so kuscheligen Zauberinternat Hogwarts zusehends düster werden. Die Kräfte dunkler, menschenverachtender Magie machten sich breit, eine faschistische Ideologie der Bluts- und Rassenreinheit strebte nach der Macht. Immerhin, dieser Angriff schien doch irgendwie von außen zu kommen. Sie bedrohte einen wahren, guten und menschlichen Kern, den es zu verteidigen galt: Wissen, Freundschaft, Zuwendung. Und der am Schluss des siebten Bandes unter Aufbietung schrecklichster Opfer und trotz aller schrecklichen Opfer gewahrt blieb.

Die Botschaft ist bitter

Das ist nun beim „plötzlichen Todesfall“ anders. Hier kommen keine dunklen Kräfte aus fernen Zeiten oder fernen Ländern, die ein gutes Zentrum bedrohen. Hier fault der Kern von innen. Seine Werte, seine Ethik, sein Traum von irgendwas (von der Zukunft?) hat er längst preisgegeben. Hier wird nicht irgendeiner Rassenreinheit das Wort geredet. Hier wird erzählt von einer (britischen) Gesellschaft, in der die Wohlhabenden nichts mehr zu tun haben wollen mit den Armen. Rowlings neuer Roman ist ein großer aktueller Gesellschaftsroman im Hier und Jetzt. Und seine Botschaft ist bitter.

Märchenhaft an diesem Buch ist allenfalls die Konstruktion des Ortes und der Auslöser der Handlung. Pagford ist ein englisches Provinznest wie aus einem Prospekt der British Tourist Authority. Jeder kennt jeden, die Straßen sind klein, die Häuser haben niedrige Dächer, der Fluss mäandert in Gelassenheit, der Marktplatz zeigt sich sauber geschmückt mit üppigen Blumenampeln, der Pub ist einer der ältesten Englands, das Hotel heißt „King George“, im Schaufenster des Feinkostladens prangen die Käsespezialitäten der Region. Und oben auf dem Berg schimmert die Ruine eines alten Klosters im Sonnenschein.

Hinter der Idylle kauert die Sozialsiedlung

Pagford ist ein Ort, den es in all seiner perfekten Idylle wahrscheinlich nirgends mehr gibt, selbst nicht auf der britischen Insel. Aber das ist für Rowling kein Argument. Denn sie erkennt Pagford ganz woanders – in den Herzen ihrer Mitbürger, als deren Traum, deren hemmungslos verteidigte Utopie eines immer noch heilen und unversehrten Englands. Einer Utopie, die sie verteidigen wollen – jeder für sich.

Die Pagforder lieben ihren Berg und die Ruine. Denn beide verstellen ihnen den Blick auf das Dahinter: auf die Sozialsiedlung namens Fields. Hier sind die Gartenzäune nicht mehr lackiert und die Eingänge ohne Blumenampeln. Hier sind die Straßen vermüllt und die Wände besprüht, hier lungern schon tagsüber die Leute herum und nachts ist keiner sicher. In Fields wohnen die Verlierer der Gesellschaft, einerseits verborgen und doch andererseits bedrohlich nah. Welch ein Glück, denken die Pagforder, dass sie dank einer Gemeindereform den ungeliebten Bezirk an die Nachbarstadt loswerden können – sollen die sich darum kümmern. Und welch eine Chance, dass dank des völlig unerwarteten Todes vom Lokalpolitiker Barry Fairbrother die Mehrheit im Gemeinderat greifbar nah ist.

Das Märchen ist zu Ende

Barry Fairbrother, jener Anfangsvierziger, der im neuen Rowling-Roman bereits auf Seite drei auf dem Parkplatz vorm Golfklub an einer geplatzten Hirnader jäh sterben muss, ist nun das letzte märchenhafte Konstrukt, mit dem wir es in diesem Roman zu tun haben. Sein Nachname verkündet es ja überdeutlich: Barry Fairbrother war ein Bürger der guten, aber aussterbenden Sorte. Er selbst stammte aus Fields, hat beruflich Erfolg gehabt und stets dafür gewirkt, dass sich Pagford als Ganzes versteht. Die Mädchenrudermannschaft der Gesamtschule trainierte er hin zu Wettkampfsiegen gegen auswärtige Privatschulen. Die Drogenklinik des Ortes schützte er vor dem Verkauf an einen Privatinvestor. Und niemals hätte er der neuen Ortsgrenze zugestimmt. Doch das ist nun alles Schnee von gestern.

Und damit ist auch das Märchen zu Ende. Denn was Joanne K. Rowling nun entfaltet, ist eine meisterhaft komponierte und drangvoll nach vorn geschriebene Sozial- und Charakterstudie unserer Gegenwart, ein Panorama aus rund dreißig Figuren, die allesamt auf die neue Lage zu reagieren und nur ihre eigenen Interessen zu wahren haben. Ohne Überzeichnung, ganz einem spröden, geradezu kargen Realismus frönend, schildert uns die Autorin das Innenleben ihrer, nein, unser aller Zeitgenossen. Sie seziert das Herz der Bürgerschaft und findet es zutiefst erkrankt.

Die Jugend ist von den Lebenslügen der Eltern gezeichnet

Der Gemeindebürgermeister, der einfach nicht verstehen kann, wie Menschen freiwillig im Dreck leben; die aus Pakistan stammende Ärztin, die für die Ausgestoßenen der Gesellschaft kämpft und ihre eigene Tochter für deren scheinbare Unbegabtheit quält; der Druckereiangestellte, der die Politik verachtet, aber selbst jeden unlauteren Vorteil mitnimmt, der sich im Vorbeigehen bietet; die alleinerziehende Mutter, die zum dritten Mal einen Platz im Methadonprogramm bekommen hat und wieder kurz davor steht, ihren Dealer aufzusuchen – das alles ist viel zu gut und zu differenziert beschrieben, um den Leser auf Wunder hoffen zu lassen. Das ist alles viel zu bitter, um nicht wahr zu sein. Und unterhalb der Ebene all dieser Bürger entfaltet die Autorin ein zweites, noch dichter gezeichnetes Personaltableau: jenes der Kinder.

Die Ernsthaftigkeit und Genauigkeit, mit der sich Rowling der Gefühlswelt von Heranwachsenden nähert, hat schon immer fasziniert und war letztlich dafür verantwortlich, dass ihre „Harry Potter“-Serie über die sieben Bände auch zum großen Bildungsroman wurde.

Im „plötzlichen Todesfall“ zeigt sie uns nun eine heranwachsende Generation, die von den Besitzängsten und Lebenslügen ihrer Eltern schwer gezeichnet ist und dies nicht anders zu beantworten weiß als mit der Aufkündigung jedweder sozialer und moralischer Verbindlichkeit. Hier steckt, wenn man so will, eine große, verzweifelte Zeitklage der Autorin. Sie sagt: Es ist schon schlimm genug, was die Absage an das Bild einer gemeinsam verantworteten und gestalteten Gesellschaft, die Absage an Solidarität und Mitgefühl, an Wissen, Freundschaft und Zuwendung für die jetzt Handelnden bedeutet. Noch furchtbarer aber wird es sein für jene, die einst deren Erbe antreten müssen.

Die Ereignisse in Pagford nehmen einen schlimmen Verlauf. Barry Fairbrother ist kein Meistermagier Dumbledore, der noch aus dem Jenseits die Geschicke zum Besseren wenden kann. Und Joanne K. Rowling spart nicht mit Verachtung für eine gesellschaftliche Klasse, die das freie Spiel selbstbestimmter Kräfte propagiert, um sich letztlich doch nur aus der Verantwortung zu stehlen und welchen Profit auch immer daraus ziehen zu können. Keine Frage: Die Autorin ist mit diesem Roman das größtmögliche Risiko eingegangen. Vermutlich wird sie ganz viele ihrer alten Fans verlieren, ohne deshalb gleich von den Freunden aktueller, anspruchsvoller Literatur überhaupt nur wahrgenommen zu werden. Im Kern aber bleibt sie das, was sie schon immer war: eine großartige, spannende Erzählerin, die etwas vermitteln will von den Dingen und Fragen, von den Stimmungen unserer Zeit. Und über diese Zeitstimmung, das macht sie deutlich, ist sie definitiv „not amused“.