Jochen Schöllig und Steuerbot Mit 33 Jahren schon zwei Start-ups verkauft

Finanziell gesehen müsste Jochen Schöllig schon gar nicht mehr arbeiten. Foto: Gottfried Stoppel

Jochen Schöllig aus dem Rems-Murr-Kreis hat seit seinem Studienabschluss nie als Angestellter gearbeitet. Mit der Gründung von zwei Start-ups hat er jede Menge Geld verdient. Und der 33-Jährige denkt nicht ans Aufhören.

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Fellbach - Auf den ersten Blick erfüllt Jochen Schöllig viele Klischees der Start-up-Szene: Der erfolgreiche Gründer öffnet in Hausschuhen, Jeans, schwarzem T-Shirt und Fleecejacke die Tür seines riesigen, lichtdurchfluteten Büros in Fellbach. Der Ausblick aus den hohen Fenstern reicht bis zu den Weinbergen und zum Stuttgarter Fernsehturm. In der großen Küche steht eine Tischtennisplatte, dahinter ist ein Fitnessraum. Zudem gibt es Duschen, falls jemand mit dem Fahrrad kommt, sowie Ladeplätze für Elektroautos. Das Angebot nutzt das knappe Dutzend Mitarbeiter, die Jochen Schöllig in seinem Start-up Steuerbot beschäftigt.

 

„Ganz am Anfang wollten wir nach Berlin“, sagt Jochen Schöllig. Aber weil sowohl er als auch sein Mitgründer Marc Neumann (33) aus der Region Stuttgart kommen, mieteten sie zunächst ein Büro unweit des Fernsehturms in Stuttgart, dann im Fellbacher Industriegebiet. „Wir brauchen kein teures Büro in der Innenstadt, sondern ein cooles Büro, wo man gut arbeiten kann.“

Seit Studienabschluss nie als Angestellter gearbeitet

Mit 33 Jahren hat Jochen Schöllig bereits zwei Start-ups gegründet – und beide verkauft. Das bedeutet, grob übersetzt: Er hat schon sehr viel Geld verdient. Seit dem Studium hat er nie in einem klassischen Angestelltenverhältnis gearbeitet. „Ich will Dinge von Anfang an selbst aufbauen.“

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Aufgewachsen in Burgstetten (Rems-Murr-Kreis) mit zwei älteren Schwestern, die beide ein 1,0-Abitur machten, war Jochen Schöllig nicht ganz so motiviert in der Schule. Nach dem Abi interessierten ihn Autos, aber auch Architektur und Design. Schließlich studierte er Kommunikationstechnik an der Hochschule Esslingen. „Ich wollte nie lange studieren.“ Seine Abschlussarbeit schrieb er mit drei Kommilitonen über die Steuerung eines Hauses per App – damals ein noch recht unbekanntes Terrain.

Mit seinem Kommilitonen Waldemar Wunder gründete Schöllig noch aus dem Studium heraus sein erstes Unternehmen in diesem Bereich: Codeatelier. „Durch einen Zeitungsartikel wurde ein mittelständisches Unternehmen schon relativ früh auf uns aufmerksam – und wir verkauften einen Großteil unserer Anteile.“ Danach arbeiteten sie – neben dem eigenen Produkt namens homee – als Entwicklungsdienstleister für mehrere große Firmen, entwarfen unter anderem Software für den Gerätehersteller Miele. Nach fünf Jahren im Berufsleben traf er seinen Schulfreund Marc Neumann. Sie stellten fest, dass beide mit Apps arbeiteten – und entschlossen sich, gemeinsam etwas zu entwickeln. „Wir haben uns überlegt: Wo sehen wir ein Problem? Bei was können wir richtig vielen Menschen helfen?“ Dabei fiel ihnen auf, dass zwar alles in unserer Welt aufs Handy fokussiert ist, die Steuererklärung aber noch nicht am Smartphone erledigt werden konnte.

Die Angst vor der Steuererklärung nehmen

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Ende 2016 gründeten sie Steuerbot, Anfang 2018 brachten sie ihre Idee auf den Markt. Mit der App kann man seine Steuererklärung so machen, als würde man mit seinem Steuerberater per Whatsapp schreiben. „Uns war es wichtig, die Angst vor der Steuererklärung zu nehmen und zu zeigen, dass es sogar Spaß machen kann.“ Jeder Nutzer wird geduzt. Und alles wird umgangssprachlich erklärt, mit vielen Emojis.

Die App selbst ist kostenlos, wer seine Steuererklärung damit übermittelt, zahlt einmalig 29,95 Euro. Steuerbot hat mehr als 300 000 Nutzer, „und wir sind die bestbewertete Steuer-App in den App Stores.“ Bereits im September 2018 verkauften sie den ersten Anteil an die Haufe Gruppe. Ziel sei es nun, noch mehr Nutzer zu generieren.

Zeit nimmt er sich für Fußball, Kumpels – und die drei Kinder

Zeitweise waren die Arbeitszeiten als Gründer „brutal“, wie Schöllig sagt. Er arbeitete die Wochenenden durch, machte kaum Urlaub. Auch heute hat er wenig Freizeit in dem Sinne, dass er auf dem Sofa liegen und Filme oder Serien schauen könnte. Aber er nimmt sich bewusst Zeit für Fußball, wichtige Geburtstage – und seine drei Kinder, von denen zwei im Kindergarten und eines noch noch nicht einmal ein Jahr alt ist.

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Inzwischen hat Schöllig so viel Geld verdient, dass er mit seinen 33 Jahren nicht mehr arbeiten müsste. Ein Gedanke, der ihm jedoch völlig fremd wäre. Sein Mitgründer und er sind sich schon relativ sicher, dass sie „noch mal etwas anderes zusammen machen werden“.

Man müsse ein Jahr lang auf Gehalt verzichten

Was rät Schöllig anderen, die etwas gründen wollen? „Ich werde das immer befürworten und unterstützen.“ In keinem Anstellungsverhältnis könne man so viele neue Erfahrungen machen wie als Selbstständiger. „Man lernt so viel mehr, als wenn man nur stur Befehle ausführt.“ Zugleich müsse einem klar sein, dass man einiges einstecken müsse. „Ich frage immer: Kannst du ein Jahr lang auf Gehalt verzichten, um die Idee zu verfolgen?“ Die meisten würden dann abwinken. Aber dass man nebenher noch einen anderen Job ausübe, das klappe nur sehr, sehr selten. „Als Nebenprojekt wird kein Unternehmen erfolgreich.“ Und eine Idee selbst sei wenig wert, es komme auch auf die Umsetzung an, „man muss es durchziehen“.

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