Jörg-Hannes Hahn Tradition mit kleinen Widerhaken

Jörg-Hannes Hahn Foto: if/Iris Frey

25 Jahre Jörg-Hannes Hahn: Der Stuttgarter Bezirkskantor stellt die prallvolle Saison 2021/22 seiner Konzertreihe „Musik am 13.“ vor

Stuttgart -

 

Aufatmen in Bad Cannstatt. Der Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn hat in Coronazeiten nicht getan, was andere Dirigenten an anderen Kirchen taten: Er hat die Konzerte seiner Reihe „Musik am 13.“ nicht zu Gottesdiensten umgewidmet, sondern stattdessen gewartet und geschwiegen – aus Solidarität mit all den Künstlern, die aufgrund der Pandemie-Verordnungen nicht auftreten durften. Jetzt aber wird beim Bachchor wie beim Kammerchor Cantus Stuttgart wieder geprobt (in weitem Abstand und mit Plexiglas-Spuckschutz). Und es wird gefeiert: Seit einem Vierteljahrhundert amtiert Jörg-Hannes Hahn in Bad Cannstatt, seit Januar 1996 gestaltet er dort auch die Kirchenmusik-Konzerte, hat diese mit zyklischen Aufführungen, dem Orgelsommer und Komponistenporträts bereichert, und noch sind genügend Monate übrig, um das Jubiläumsjahr von „Musik am 13.“ gebührend zu feiern – wenn möglich, ab Weihnachten mit voll besetzten Kirchen.

So jedenfalls hofft es der Dirigent und Organist – und beginnt die Rückkehr in den „Regelbetrieb“ mit der Neuauflage des wieder prominent besetzten Orgelzyklus „Sommer! Orgel“, der vom 25. Juli bis 29. August an jedem Freitag um 20 Uhr in der Stadtkirche Bad Cannstatt stattfindet. Roter Faden sind in diesem Jahr Orgelwerke von Camille Saint-Saëns, von denen je eines in jedem Konzert erklingen wird.

Bachs Johannespassion, durchsetzt mit Werken verfemter Komponisten

Im September startet die Konzertreihe – zunächst noch mit einer Publikumsbesetzung nach dem Schachbrettmodell. Hahn selbst spielt zum Auftakt an zwei Abenden (13./14. 9.) an der Orgel der Stadtkirche Bachs sechs Triosonaten. Am 13. Oktober stellt der Geiger Kolja Lessing bei einem Soloabend Werke jüdischer Komponisten vor. Im Auftritt des Cantus Stuttgart scheint erstmals in der kommenden Spielzeit eine reizvolle Eigenart von „Musik am 13.“ auf: Hahn baut dem Bekannten gern kleine Stachel ein, Irritationen, Momente der Befremdung, zum Beispiel bei der Kombination von Rossinis „Petite Messe Solennelle“ mit der Stuttgarter Erstaufführung von Michael Töpels „Friedenskantate“. Am 21. November folgt im Sonderkonzert am Ewigkeitssonntag Bachs h-Moll-Messe inklusive zweier eingeschobener geistlicher Interludien von Martin Christoph Redel.

„Nach der Coronazeit“, so Hahn, „kann man nicht einfach so zur Normalität zurückkehren, als wäre nichts gewesen.“ Deshalb durchbricht er auch die Abendaufführung des Weihnachtsoratoriums am 18. Dezember mit einer Kantate des Dresdner Bach-Zeitgenossen Gottfried August Homilius, setzt der viel diskutierten Judenfeindlichkeit in den Texten von Bachs Johannespassion im Sonderkonzert am 3. April Werke verfemter Komponisten entgegen und dirigiert am Karfreitag nicht etwa Bach, sondern Frank Martin („In terra pax“) und eine deutsche Erstaufführung: Der St. Petersburger Alexander Radvilovich hat die Passionsgeschichte des apokryphen Judasevangeliums vertont.

Ergänzt wird das breite Angebot unter anderem durch ein „Sing along“ zum Weihnachtsevangelium am 13. 12., eine Neuauflage des mittlerweile zur Cannstatter Tradition gewordenen Silvesterkonzerts mit zwei Trompeten und Orgel, den Auftritt des Sänger-Urgesteins Klaus Mertens mit Ton Koopman an Cembalo und Orgel (Bach, „Schemelli-Lieder“ am 13. 2.), ein Porträtkonzert für den Komponisten Beat Furrer (13. 3.) und Vertonungen von Franz von Assisis „Sonnengesang“ (13. 7.). Eintritt kostet das Ganze weiterhin nicht, nur um Spenden wird gebeten. „Wir wollen“, so Hahn, „für alle offen bleiben, gerade nach dieser langen, stillen Zeit.“

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