Wild war die Zeit in Echterdingen: Im Studio-Theater kommen die „Lokalhelden“ von Jörg Harlan Rohleder als Live-Hörspiel auf die Bühne. Der Autor des autobiografischen Pop-Romans arbeitet heute als stellvertretender Chefredakteur beim „Focus“.

Stuttgart - Es ist ein Treffen mit alten Bekannten, alten Songs und alten Ritualen: Man schaut MTV mit Ray Cokes, hört Nirvana, gibt sich die Dröhnung und pilgert zum Anbaggern und Abhängen ins Müsli, wie die in der Stuttgarter Reinsburgstraße liegende Disco im Szenejargon hieß. Ungeschriebenes Gesetz im offiziell Musicland betitelten Laden: „Hier wird nicht getanzt, das ist die goldene Regel. Die einzigen, die sich nicht dranhalten, sind Menschen aus Landkreisen mit den Autokennzeichen LB, WN, RT, TÜ, CW und BB und natürlich die Rich Kids von der Merz-Schule“, sagt Schmall, der so cool ist, dass sein Name wie das englische „small“ ausgesprochen wird. Zumindest halten es seine Freunde so, mit denen Schmall in Echterdingen die Zeit so lange schlägt, bis sie tot ist – es sei denn, er fährt runter in den Kessel, um dort mit Zeittotschlagen, Mädchenanbaggern und Drogennehmen weiter zu machen.

Viel passiert nicht in den „Lokalhelden“, dem autobiografischen Neunziger-Jahre-Roman von Jörg Harlan Rohleder, der an diesem Mittwoch im Studio-Theater auf die Bühne kommt. Steigt man an der Haltestelle vorm Kleintheater in die Linie 5, kommt man in zwanzig Minuten an den Ort, wo Rohleders Kleinstadthelden mit der „größten Krauthocketse der Welt“ ihre Jugend hinbringen. Krauthocketse: Das klingt so trist, wie es in den Augen der Kids auch ist, weshalb ihr heftiger Drogenkonsum als Notwehr mit Risiken und Nebenwirkungen erscheint: Nicht alle aus der Clique überleben die Jugend, aber Schmall macht sich auf den Weg und zieht nach London. „Meine Rettung“, sagt Rohleder, Autor von schmaler Gestalt, dessen unverkennbares Alter Ego durch den 2010 erschienenen Coming-of-Age-Roman führt. Heute ist der Kiffer von einst 42 Jahre alt und stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Focus“.

Alle Türen stehen offen, aber keiner geht durch

Er war als Reporter auf dem Weg nach Österreich zum Kanzlerkandidaten Sebastian Kurz, als ihn unverhofft die Vergangenheit einholte. Die Anfrage des Studio-Theaters habe ihn gefreut, sagt Rohleder, dieses plötzliche Interesse an seinem nur noch antiquarisch erhältlichen Roman, worin er eine Zeit beschreibt, die er heute als „kuschliges, optimistisches Jahrzehnt“ wahrnimmt – eine Aussage, die verblüfft, denn besonders wohl fühlen sich seine Lokalhelden in ihrer Dekade ja nicht. „Die neunziger Jahre waren progressiv“, sagt Rohleder, „der Kalte Krieg, der gerade wiederzukehren droht, war vorbei. Man hat sich um Afrika gekümmert und nicht darum, wie man Afrikaner von Europa fernhalten kann. Man hatte in den USA mit Clinton einen fortschrittlichen Präsidenten und in Berlin die Love-Parade, weil es noch nicht nötig war, gegen rechts auf die Straße zu gehen.“ Das Problem von Schmall & Friends sei aber gewesen, dass sie für ihr Glück blind waren. „Uns standen alle Türen offen, wir sind aber durch keine gegangen.“

Was die blinden Kerle stattdessen getrieben haben, sieht man beim Probenbesuch im Theater, wo das intensive Zeit- und Generationenporträt als Live-Hörspiel uraufgeführt wird. In Sekundenschnelle springen die Schauspieler Ronja Schweikert, Tobias Wagenblaß und Sebastian Schäfer in ein Dutzend Rollen, wobei sie mit Requisiten an Mischpulten allerlei Sounds und Hintergrundgeräusche erzeugen. Das Gläserklirren an der Bar, die Lärmkulisse im Müsli: neben erzählerischen Passagen sind es die vor den Augen des Publikums entstehenden Töne und Klänge, die den Roman in das besagte Live-Hörspiel verwandeln, das es im Rundfunk als Genre seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Auf der kleinen Bühne aber ist unter der Regie von Günter Maurer bei aller Präzision mächtig was los, was der Rasanz, Frische und Unbekümmertheit von Rohleders Prosa sehr entgegen kommt.

Bloß Nicht in „Schwabylon“ versauern

Maurer, 1965 in Cannstatt geboren, ist Profi. Fürs Studio-Theater hat der SWR- Regisseur schon vier Stoffe als Live-Hörspiel produziert, drei davon mit lockerem Stuttgart-Bezug: Schorlaus „Blaue Liste“, Steinfests „Haischwimmerin“ und Angela Elis‘ „Mein Traum ist länger als die Nacht“, die Biografie der couragierten Automobilistin Berta Benz. Mit den „Lokalhelden“ aber betreibt er Stadt- und Regionalgeschichte zwischen Aral-Tankstelle, Fanta-4-Konzert und spätpubertärer Identitätsfindung. Bei Wolle, auch er ein Lokalheld, hört sich das so an: „Wichtig ist zu wissen, was man nicht will: kein Arschloch werden, nicht in Schwabylon versauern, die Spielregeln brechen, sich ausklinken, sein eigenes Ding machen.“ Und? Hat sich der Mann vom „Focus“ an die Anleitung zum Nonkonformismus gehalten? „Die Absolutheit, mit der ich früher Postulate formuliert habe, ist weg“, sagt Jörg Harlan Rohleder, „ich will keine Städte mehr abbrennen, um die Welt zu verändern. Kleine Schritte halte ich für sinnvoller. Aber ein Arschloch bin ich keines geworden.“