Jörg Kachelmann wirbt auf der Buchmesse für seine Abrechnung mit Medien, Justiz und Polizei – während vor der Tür schon die Anwälte seiner Ex-Geliebten warten.
Frankfurt - Eigentlich fehlt nur Oliver Pocher. Wie damals zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Mannheim. Doch noch etwas ist anders: Jörg Kachelmann hat seine Ehefrau mitgebracht. Rechts neben ihm sitzt seine, wie er sie nennt „Gemahlinnenzeugin“ Miriam, die ihn fortan vor „Falschbeschuldigungen“ anderer Frauen schützen soll. Ansonsten ist der Medienzirkus zur Vorstellung ihres gemeinsamen Buches auf der Frankfurter Buchmesse ähnlich dem, der er immer ist, wenn es um den „Fall Kachelmann“ geht. Unter den Journalisten sind nicht wenige, die damals aus Mannheim berichtet haben, was die Begegnung mit dem Ehepaar Kachelmann an diesem Freitagmorgen in Halle 3 nicht einfacher macht. Und draußen vor der Tür warten die Anwälte von Claudia D.
Man hatte die joviale Art Kachelmanns, mit denen er einst die „Blumenkohlwolken“ beschrieb, schon fast vergessen. Doch an diesem Tag ist sie wieder da. Er scherzt mit dem Dutzend Fotografen, das ihm zu Füßen liegt, und sagt zu einem Journalisten mit diesem leichten Schweizer Singsang in der Stimme: „Schön, Sie mal wieder zu sehen.“ Dabei lächelt er ein Lächeln, das nur ein Haifischlächeln sein kann.
Das Buch ist aus mehreren Gründen lesenswert
Kachelmann wurde im Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Seitdem spricht er Medien, Justiz und Polizei schuldig, sich am Rechtsstaat und vor allem am Grundsatz der Unschuldsvermutung vergangen zu haben. Tatsächlich schrieben nicht wenige Journalisten mit unprofessionellem Eifer über das Intimleben des angeklagten Wettermoderators, bis sein Anwalt sie zur Vernunft brachte. Kachelmann revanchiert sich, indem auch er persönlich wird. Auf 384 Seiten werfen er und seine 26-jährige Frau der Justiz, den Ermittlungsbehörden und der „Journaille“ Voyeurismus, Inkompetenz und Populismus vor. Die Anklageschrift trägt den Titel „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“. Sie ist aus mehreren Gründen lesenswert.
Kachelmann schreibt über seine 132 Tage in der Untersuchungshaft, über die Zeit während des Prozesses und danach. Er gewährt Einblick in Gutachten, Gerichtsbeschlüsse, in Mails von angeblichen und echten Ex-Geliebten und lässt seine Frau über ihre nicht öffentliche Vernehmung vor Gericht berichten („das Entblößendste, das ich mir vorstellen kann“). Die Prozessakten, aus denen er auszugsweise zitiert, sind bisher nicht bekannt gewesen. Unbekannt ist daher auch, welche Passagen er auslässt.
Die Kachelmanns wollen eine Stiftung gründen
Die Schwäche des Buches ist, dass Jörg Kachelmann naturgemäß die Distanz und damit manches Mal die Sachlichkeit fehlt, etwa wenn er beobachtet haben will: „In seiner nachahmlichen Art (. . .) würgte der Vorsitzende den Freispruch förmlich aus sich heraus.“ Er selbst bestreitet, dass es sich bei dem Buch um eine persönliche Abrechnung handelt. „In mir wohnen weder Wut noch Hass noch irgendwas“, sagt er in Frankfurt und fügt lächelnd an: „Es geht mir wirklich um die Sache.“
Kachelmann will mehr als bloß seine eigene Geschichte erzählen. Er will die Gesellschaft verändern, damit „das, was mir passiert ist, am besten niemandem nach mir passiert“. Claudia D. bezeichnet er in seinem Buch als „die eigentlich Kriminelle“, die auf seine Kosten „berühmt werden und Geld verdienen oder sich einfach nur rächen wollte“. Lächelnd und mit großer Verbindlichkeit in der Stimme sagt der 54-Jährige: „Es ist kein Kachelmann-armer-Kachelmann-Jammerbuch, weil es nicht um mich, sondern um die vielen Opfer von Falschbeschuldigungen geht.“
Viele Männer würden zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Die Zahl der Falschbeschuldigungen sei „erschreckend hoch“, und eine „womöglich deutliche Mehrheit“ aller Vergewaltigungsanzeigen hätte keine reale Basis, heißt es in dem Buch. Zahlen aber liefern die Autoren nicht. Sie wollen nun eine Stiftung gründen, sagt Frau Kachelmann – um Männern zu helfen, die zu Unrecht angeklagt wurden, und Frauen, „die wirklich einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind“. Teile des Bucherlöses sollen in die Stiftung fließen.
Der Verlag darf das Buch vorerst nur geschwärzt verkaufen
Um wie viel Geld es sich dabei handeln wird, ist ungewisser denn je. Claudia D. hat erreicht, dass der Heyne-Verlag das Buch ungeschwärzt nicht mehr ausliefern darf, weil darin ihr voller Name genannt wird. Die 40 000 Bücher, die bereits im Handel sind, dürfen noch verkauft werden. Bis Ende der kommenden Woche soll dann die gerichtsfeste Version in den Läden sein. Claudia D. beruft sich auf die Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts. Jörg Kachelmann zeigt sich gänzlich unbeeindruckt: „Das Landgericht Mannheim wird nicht die letzte Instanz sein im Fall D. Next stop Karlsruhe“, twitterte er schon, als der Beschluss kaum draußen war. Statt D. schreibt er wieder ihren Namen. Um genau dies zu verhindern, hat die Frau am Freitag nun auch Kachelmann selbst gerichtlich verbieten lassen, öffentlich ihren Namen zu nennen. Wenn er dagegen verstößt, droht ihm ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro.
„Hat er sich daran gehalten?“, will D.s Anwältin draußen vor der Tür wissen. Ja, das hat er. Obwohl Kachelmann sagt, dass er nichts von dem Beschluss wisse, nennt er die Frau, deren Namen er nicht mehr nennen darf, an diesem Morgen tatsächlich nur noch „Frau D“. Fortsetzung folgt.