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Joey Kelly Der Marathon-Mann

Von Christiane Neubauer 

Einmal von Los Angeles bis nach New York - in weniger als drei Wochen bewältigte Joey Kelly mehr als 5000 Kilometer quer durch die USA. Ohne eigenes Geld.

Geschafft! Nach weniger als drei Wochen und mehr als 5000 Kilometern erreicht Joey Kelly mit seinem Baby Jogger müde, aber glücklich den New Yorker Time Square. Foto: Stachelhaus
Geschafft! Nach weniger als drei Wochen und mehr als 5000 Kilometern erreicht Joey Kelly mit seinem Baby Jogger müde, aber glücklich den New Yorker Time Square. Foto: Stachelhaus

Herr Kelly, was Sie gemacht haben, ist als Reise ziemlich einzigartig. Wie sind Sie darauf gekommen?
Einmal die USA zu durchqueren, war ein Jugendtraum von mir. Seinerzeit wollte ich das allerdings auf einem Motorrad oder mit einem Cabrio tun (lacht). Ausschlaggebend, dass ich die Reise letztlich nicht mit einem Fahrzeug, sondern quasi zu Fuß angetreten habe, war meine Deutschland-Reise 2010. Damals bin ich von Wilhelmshaven an der Nordsee bis auf die Zugspitze gewandert. Die Tour durch die USA war natürlich eine ganz andere Dimension. Deshalb war ich dort auch als Anhalter, mit der Eisenbahn, dem Überlandbus oder dem Fahrrad unterwegs. Für mich war das übrigens ein Pilotprojekt für eine noch viel aufregendere Idee: In zwei bis drei Jahren möchte ich auf die gleiche Weise die Welt umrunden.

Wenn Sie die Wanderung durch Deutschland und die Tour durch die USA miteinander vergleichen: Was hatten diese gemeinsam? Was war ganz anders?
Es gibt natürlich Parallelen. Auf beiden Touren war ich ohne Geld unterwegs, hab immer unter freiem Himmel übernachtet. Doch insgesamt lassen sie sich nur sehr schwer vergleichen. Denn in den USA ist es um einiges gefährlicher als in Deutschland. Jeder weiß, dass viele Menschen dort eine Waffe tragen. Ich musste also umso vorsichtiger sein und habe mich gleichzeitig trotzdem nie so sicher gefühlt wie in Deutschland. Und dann war die Distanz, die ich in Amerika überwunden habe, mehr als fünfmal so groß wie in Deutschland. Deshalb war diese Tour auch viel abwechslungsreicher. Das gilt für die Natur und die Landschaften, die ich kennenlernen durfte, ebenso wie für die Menschen und die Kulturen. Es war großartig, ein unfassbar tolles Abenteuer.

Mit der Kelly Family waren Sie von 1974 bis 2002 zunächst als Straßenmusiker, später als Mitglied einer mit Preisen ausgezeichneten Pop- und Folkband weltweit unterwegs. Werden Sie oft erkannt?
Als ich mit meinen Eltern und Geschwistern in den USA tourte, waren wir ganz normale Straßenmusiker. Die Kelly Family als Band ist in Amerika nicht wirklich bekannt. Deshalb hat auch keiner gerufen: „Das ist ja Joey.“ Mit einem Promibonus wäre es wohl auch nicht wirklich eine Herausforderung für mich gewesen. So musste ich erst mal Überzeugungsarbeit leisten. Ich musste auf die Leute zugehen und ihnen erklären, wer ich bin und was ich vorhabe. Ich hatte auch Fotos dabei - von mir als Musiker, aber auch von mir als Leistungssportler. Sogar eine CD von der Kelly Family hatte ich dabei, allerdings keinen CD-Spieler, mit dem ich sie hätte vorspielen können (lacht). Auch ohne Promibonus hat es erstaunlich gut geklappt. Von zehn Menschen, die ich angesprochen habe, waren acht spontan bereit, mich zu unterstützen. Von manchen bekam ich zwei, von anderen zehn oder 15 Dollar. Was mich am meisten beeindruckt hat, war, dass die am meisten gaben, die am wenigsten hatten.

Ohne einen Cent unterwegs zu sein, ist das eine befreiende oder eher eine beängstigende Erfahrung?
Am Anfang war es beängstigend. Es ist kein schönes Gefühl, morgens nicht zu wissen, ob man am Ende des Tages satt oder hungrig in den Schlafsack schlüpfen wird. Ich hab dann aber sehr schnell bemerkt, dass die Menschen mir helfen wollen. An manchen Tagen konnte ich mich vor Essen gar nicht retten.

Ihre Leidensfähigkeit haben Sie schon auf ganz andere Proben gestellt - bei Marathon- und Triathlon-Events, die zu den härtesten der Welt zählen. Was treibt Sie an?
Sagen wir es so: Es macht mir Spaß, meinen inneren Schweinehund zu besiegen. Und was das Reisen angeht: Ich habe eine Leidenschaft fürs Abenteuer. Bei einem Marathon geht jeder an seine Grenzen.

Gab es auch bei Ihrer Tour durch die USA Momente, in denen Sie sich gefragt haben: „Was mache ich hier eigentlich? “
Es gab während der Reise einige Tage, an denen es extrem heiß gewesen ist: über 40 Grad im Schatten tagsüber! Selbst in den Abendstunden fiel das Thermometer nicht unter 35 Grad. Das macht selbst jemandem, der wie ich sehr fit ist, zu schaffen. Doch eine Grenzerfahrung, wie bei der Deutschlandtour, wo ich wirklich so Hunger hatte, dass ich mit den Wölfen hätte heulen können, hatte ich während der Reise durch die USA nicht.

Haben Sie sich speziell vorbereitet?
Ja, aber Sie würden nicht erraten, wie . . . (lacht). Ich habe rund 500 Kleeblätter gepresst, foliert und fein säuberlich ausgeschnitten. Die Kleeblätter bekamen meine Unterstützer - als Dank, als Anerkennung und als Glücksbringer natürlich.

Was war sonst noch im Gepäck?
Ein Schlafsack, eine Plane als Unterschlupf, Klamotten, Messer, Topf, Zündhölzer und eine Taschenlampe sowie drei Flaggen, eine deutsche, eine amerikanische und eine irische. Alles hab ich auf einen Baby-Jogger gepackt, also so einen Kinderwagen, den man - falls nötig - recht kompakt zusammenklappen kann. Bevor man so eine Tour macht, muss man sich in die Leute hineinversetzen, die einem unterwegs vielleicht helfen wollen. Wenn ich mich mit drei fetten Reisetaschen an die Straße stelle, kann mich jemand mit einem Kleinwagen nicht mitnehmen, selbst wenn er es gerne möchte.

Welches Erlebnis hat Sie in den USA besonders beeindruckt?
Die Ankunft in New York! Als ich mit meinem Baby-Jogger über den Times Square gelaufen bin. New York ist eine tolle Stadt, die sich sehr zum Positiven verändert hat, seit ich in den 90er Jahren als Straßenmusikant zuletzt dort gewesen bin.

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