Joey Kelly Ein Asket marschiert durch Deutschland

Von Anna Bayer 

Es muss ja nicht immer Musik sein. Joey Kelly wandert von Wilhelmshaven bis zur Zugspitze und ernährt sich nur von dem, was er findet.  

 Foto: Thomas Stachelhaus
Foto: Thomas Stachelhaus

Stuttgart - Joey Kelly hat sich selbst schon so einige Strapazen auferlegt. Bei einem Lauf im Death Valley in Nevada quälte er sich bei 58 Grad über 200 Kilometer weit ins Ziel. Auch extreme Kälte kann den mit seiner Familienband Kelly Family berühmt gewordenen Sportler nicht stoppen: In Alaska legte er bei minus 37 Grad die vierfache Strecke eines Marathons zurück. Doch nichts hat ihn so sehr gefordert wie sein Gewaltmarsch durch Deutschland. Diesen Eindruck zumindest gewinnt, wer das Buch "Hysterie des Körpers" des 39-Jährigen gelesen hat, eine Dokumentation eben jener Tour. Das Buch, das am Samstag erscheint, trägt den Untertitel "Der Lauf meines Lebens".

Das Stichwort Überlebenstraining lässt eigentlich eher an die Ausbildungscamps amerikanischer Soldaten oder Abenteuerwanderungen mit der Machete durch den brasilianischen Dschungel denken. Eine Wanderung durch das friedliche Deutschland steht sicher nicht oben auf der Liste derjenigen Adrenalinjunkies, die stets nach dem nächsten Kick suchen. Doch glaubt man dem hartgesottenen Extremsportler Kelly, so kam er bei seinem Marsch durch Deutschland mehr als einmal an seine körperlichen und vor allem an seine psychischen Grenzen. Innerhalb von drei Wochen durchquerte er Deutschland vom tiefsten bis zum höchsten Punkt, von Wilhelmshaven auf die Zugspitze, und legte dabei knapp 900 Kilometer zurück. Zehn bis zwölf Stunden musste Kelly dafür täglich marschieren - und das ohne Zelt, ohne Proviant und ohne Wasser. Die größte Herausforderung dabei war, dass sich Joey Kelly neben der körperlichen Anstrengung noch um seine Verpflegung kümmern musste. Die Ausbeute war meist mager: bis auf ein paar unreife Pflaumen und Äpfel, die er aufsammeln konnte, standen nur noch ein paar aus Äckern ausgebuddelte Kartoffeln und Karotten auf seinem Speiseplan. "Man ist mit den Gedanken nur beim Essen", schreibt er.

Hundetrockenfutter - ein Hochgenuss

Da ist es fast nicht verwunderlich, dass Kelly sich über ein Stück Hundetrockenfutter freut, als hätte er eben ein Stück unversehrter Schwarzwälder Kirschtorte gefunden. Auch ein überfahrener Hase auf einer Landstraße wird, fachmännisch über dem Lagerfeuer gebraten, für ihn zum Festmahl. Der Sportler hat sich für die Dauer der Tour selbst strenge Regeln auferlegt: nicht betteln und keine Geschenke annehmen. Er darf nur essen und trinken, was er findet. Da ist es verständlich, dass er oft mit dem Gedanken spielt, alles hinzuwerfen um sich an der nächsten Tankstelle einen Schokoriegel zu kaufen. "Das Schwierigste war, dass ich jederzeit die Möglichkeit hatte auszusteigen", bekennt Kelly. Es war also der Kampf gegen sich selbst, der ihn gereizt, aber auch gequält hat. "Beim Laufen hat man Zeit ohne Ende."

Und so kommt es, dass er während des Laufens intensiv über sein Leben in der Kelly-Family nachdenkt. Die Dokumentation seines Gewaltmarsches ist von Erinnerungen an seine Kindheit durchzogen. In mehreren Kapiteln sinniert er über den Tod seiner Mutter und darüber, wie er mit seinen Geschwistern und seinem Vater durch Europa tourte. Kelly: "Der Kopf schüttelt das eigene Leben in tausend Puzzleteile und setzt es wieder zusammen." Es bleibt Spekulation, ob das exzentrische Leben mit dem irischen Familienclan im Wohnwagen ihn für seine Rolle als extremer Lebenskünstler vorbereitet hat. Was an Joey Kellys Experiment so fasziniert, ist die Ironie, die darin liegt, durch eine Industrienation zu wandern, in der ein Dach über dem Kopf, fließendes Wasser und ein voller Kühlschrank selbstverständlich sind. Joey Kelly bewegt sich innerhalb Deutschlands in einem isolierten Raum.

In Zeiten von Billigfliegern und Lebensmitteldiscountern wirkt eine solche Wanderung anachronistisch und die eigenständige Nahrungsbeschaffung scheint inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft völlig aus der Zeit gefallen.