Johannes Kretschmann ist Grünen-Bundestagskandidat Kretschmann junior will nach Berlin

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Als bürgerlicher Grüner bezeichnet sich Johannes Kretschmann und hat Großes vor. Der Sohn des baden-württembergischen Ministerpräsidenten strebt in den Bundestag, das erscheint auf den ersten Blick aussichtslos.

Er habe einen eigenen Kopf und sei ziemlich grüblerisch, sagt Johannes Kretschmann. Beides habe er mit seinem Vater gemein, dem  baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Foto: dpa/Hanna Strauß
Er habe einen eigenen Kopf und sei ziemlich grüblerisch, sagt Johannes Kretschmann. Beides habe er mit seinem Vater gemein, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Foto: dpa/Hanna Strauß

Sigmaringen - Als Winfried Kretschmann sich überlegte, für eine dritte Amtszeit als Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu kandidieren, holte er sich Rat bei seinem Sohn Johannes, der ihm zusprach. Als Johannes Kretschmann sich überlegte, im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen für den Bundestag zu kandidieren, entschied er das ganz allein. „Mein Vater hat sich darüber gefreut, er hält mich für einen politischen Menschen“, sagt Kretschmann junior und macht es sich auf einem Sofa in seiner Gartenlaube bequem. Hausbesuch in Sigmaringen-Laiz bei einem, der Großes vorhat.

Johannes Kretschmann, überzeugter Schwäbischschwätzer, gerade fertig mit seinem ersten Roman, und bereit zum politischen Durchstarten, geht seinen eigenen grünen Weg. Es ist ein Zickzack und Ausprobieren, ein Lebenslauf zwischen dem Südwesten und Berlin, es ist eine Abnabeln und Andocken. Seine Eltern wohnen drei Minuten entfernt, gleich hinter der katholischen Kirche.

Das Netzwerken beginnt an der Basis

Im Kühlschrank steht noch ein Rest Crémant. Der Fraktionssprecher der Grünen im Kreistag ist am Tag zuvor 42 Jahre alt geworden, er hat nach einer ziemlich kontroversen Sitzung im Umwelt- und Kulturausschuss zusammen mit Freunden und Kreisräten gefeiert, auch die Landrätin saß am Donauufer mit dabei. Das Netzwerken beginnt an der Basis.

Johannes Kretschmann will Berufspolitiker werden. „Ich bin ausgesprochen zuversichtlich, dass es klappt“, sagt er und hat sich vorgenommen, in dem tiefschwarzen Landkreis die Verhältnisse aufzumischen. Seit er Anfang Juli bei der Nominierungsversammlung eine Kampfabstimmung gegen seinen grünen Konkurrenten Thomas Zawalski gewonnen hat, ist er siegesgewiss. „Ich habe das Gefühl, das war meine höchste Hürde“, sagt er.

Der Gegner ist ein CDU-Platzhirsch

Doch schwieriger geht es immer: Kretschmann tritt gegen einen CDU-Platzhirsch an. Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß ist Mitglied im Bundesvorstand der Christdemokraten und Mittelstandsbeauftragter. Er setze nicht alles auf eine Karte, zeigt sich Kretschmann realistisch. Sein Ziel sei „ein exzentrisch gutes Ergebnis“ für die Grünen und ein aussichtsreicher Platz auf der Landesliste, der ihn 2021 in den Bundestag einziehen lässt.

Bei der Beschleunigung der Karriere hilft der Name, so einen Promipapa mit hohen Beliebtheitswerten hat nicht jeder. Das hat Johannes Kretschmann immer wieder erlebt, es öffneten sich Türen, das Interesse an ihm sei groß, erzählt er. Zurzeit geben sich Medienvertreter aus ganz Deutschland die Klinke des kleinen Häuschens in die Hand, an dessen Fassade Kretschmann ein Transparent aufgehängt hat. „Kein Kalkabbau“ im Oberen Donautal ist dort zu lesen, der Naturschützer will den Rohstoffabbau im Naturidyll verhindern. Als „bürgerlichen Grünen“ beschreibt er sich selbst und holt über einer Tasse Kaffee – von Hand gemahlen und selbstverständlich fairtrade – erstmal in seiner Vergangenheit aus.

Mit 16 hat er die grünalternative Jugend in Sigmaringen-Laiz mitgegründet

Am Anfang war Tschernobyl und das Verbot für die Kinder, draußen zu spielen, da sei er gerade mal acht Jahre alt gewesen. Mit 16 hat er die grünalternative Jugend in Sigmaringen-Laiz mitgegründet – „das war eher so etwas Sozio-Kulturelles“ – und 1999 trat er der Partei bei. Kretschmann ist ein in der Wolle gefärbter Grüner, der als Quereinsteiger in die Politik strebt. Auf ein Magisterstudium in Berlin – Religionswissenschaft, Rumänistik und Linguistik – folgten etliche Jahre als Online-Redakteur für ein Newsportal der Swisscom. Um die Liste zu füllen habe er sich 2014 bei der Kommunalwahl für den Sigmaringer Kreistag aufstellen lassen – „ich bin reingekommen, ohne dass es ich gewollt habe. Das war vor allem dem Namen geschuldet.“ Mittlerweile ist er Vorsitzender der Grünen-Fraktion, die mächtig zugelegt hat, ein Öko-Schub, den er weiter befördern will.

Neue Laufschuhe zum Geburtstag

Ein Paar neue Turnschuhe hat Johannes Kretschmann zum Geburtstag geschenkt bekommen. Der Marathonläufer hat sich die Langstrecke vorgenommen, sportlich wie politisch. Eine Kandidatur für den Landtag sei für ihn niemals zur Debatte gestanden, eine Anfrage des Kreisvorstands habe er abgelehnt. „Da wäre ich im Schatten meines Vaters gestanden“, sagt Kretschmann, zu nah, zu eng. Schon jetzt sei der Name nicht nur Türöffner und hilfreich, sondern auch Bürde und Anspruch. „Das kann mir auch den Todesstoß versetzen, wenn ich hinter den Erwartungen zurückbleibe.“

Eine Mini-Affäre hat der mittlere Sohn des Ministerpräsidenten schon hinter sich. „Vetterleswirtschaft“ witterte die SPD vergangenes Jahr, weil der Sprachwissenschaftler das Staatsministerium in Dialektfragen beraten hat. Es stellte sich schnell heraus, dass es kein dickes Honorar gab, der Skandal war keiner. „Ich habe keinen Cent dran verdient, das war alles ehrenamtlich“, bekräftigt Kretschmann und weiß um die Kräfte, die an ihm zerren und auf mögliche Fehler warten. Abschrecken lässt er sich davon nicht.

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