Johannes Vetter bei Olympia Die Gründe für das desaströse Abschneiden
Speerwerfer Johannes Vetter erlebt in Tokio ein Debakel: Der Favorit wird nur Neunter und bereitet sich schon jetzt gedanklich auf Paris 2024 vor.
Speerwerfer Johannes Vetter erlebt in Tokio ein Debakel: Der Favorit wird nur Neunter und bereitet sich schon jetzt gedanklich auf Paris 2024 vor.
Tokio - Johannes Vetter ist ein Athlet, der sagt, was er denkt. Mit ihm ein Interview zu führen ist deshalb hochinteressant, zumal er auch dann noch zu dem steht, was er rausgehauen hat, wenn es um die Autorisierung geht. Deshalb war vor den Olympischen Spielen immer wieder zu lesen, was er in Tokio holen will: Gold! Etwas anderes zählte nicht für den mit Abstand besten Speerwerfer der Welt. Umso schmerzhafter war hinterher der Fall. Denn Vetter ging nicht nur leer aus, er erlebte ein Debakel. Was auch seinem Trainer schwer zusetzte.
Boris Obergföll führte seine spätere Ehefrau Christina und Matthias de Zordo zu WM-Titeln, er weiß also ziemlich genau, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Gerechte Bedingungen gehören dazu, und gerade die vermisste der Coach in Tokio – weshalb er seinem Ärger freien Lauf ließ. Man fühle sich „beschissen und betrogen“, wetterte Obergföll nach dem neunten Platz von Vetter und sprach von einer „vollkommenen Chancenungleichheit“. Auslöser des Zorns war der im Olympiastadion verlegte Boden, der den klaren Favoriten aus Offenburg ausgebremst hatte. „Es ist bitter, dass bei Olympischen Spielen so ein Kindergartenbelag verwendet wird“, schimpfte Obergföll. „So ist uns die Chance auf Gold genommen worden.“
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Bei manchen Beobachtern des Speerwurf-Wettbewerbs blieb nach den Äußerungen von Obergföll und Vetter („Es ist zum Kotzen“) ein zwiespältiges Gefühl zurück. Weil genau das eingetreten war, was immer mal wieder eintritt, wenn ein Favorit scheitert – es werden Ausreden und Erklärungen geliefert, nur man selbst ist schuldlos. „Ich habe mir absolut nichts vorzuwerfen“, sagte auch Johannes Vetter, „ich bin einfach machtlos gewesen.“ Doch dann schilderte er, warum das so war.
Vetter (28) wiegt mehr als 100 Kilogramm, er ist der kräftigste und dynamischste Athlet im Feld der Speerwerfer. Wenn er kurz vor dem Abwurf sein linkes Bein in den Boden rammt, entstehen dabei Kräfte von bis zu einer Tonne. In Tokio fühlte er sich wie ein Autofahrer bei Aquaplaning, der versucht, seine Geschwindigkeit zu kontrollieren, und doch an der Mauer landet. „Ich muss nach dem Anlauf plötzlich abbremsen, damit ich vom Bein aus die Energie in die Schulter bekomme“, sagte er, „hier auf dem Boden, der nur eine dünne Oberschicht hat und darunter Luftlöcher wie bei einer Bienenwabe, habe ich keinen Halt gefunden, bin stattdessen 30 Zentimeter gerutscht. Da bricht das System komplett zusammen.“
Die Organisatoren im Olympiastadion wussten spätestens seit der Qualifikation um die Probleme. Vor dem Finale versuchten sie, den Anlaufbereich mit Säcken voller Eis herunterzukühlen und fester zu machen, die Löcher, die sich aufgetan hatten, waren notdürftig ausgebessert worden. Am Ende reichten diese Maßnahmen nicht aus. Der Boden war verlegt worden, um Rekorde im Laufen zu ermöglichen. Nicht, um Johannes Vetter glücklich zu machen: „Für einen Werfer wie mich, der hart stemmt, ist dieser Belag tödlich.“
19 Siege in Serie hatte der Offenburger vor Olympia geschafft, darunter die Weltjahresbestweite von 96,29 Metern. Keiner seiner Konkurrenten übertraf 2021 die 90-Meter-Marke. In Tokio warf Vetter 82,52 Meter, dann hatte er zwei ungültige Versuche und schied noch vor den letzten drei Durchgängen aus. Gold ging an den Inder Neeraj Chopra (87,58 Meter), Silber und Bronze an die Tschechen Jakub Vadlejch (86,67 Meter) und Vitezslav Vesely (85,44 Meter). Der Mainzer Julian Weber (85,30 Meter) verpasste das Podest um gerade mal 14 Zentimeter. „Mein vierter Platz ist komplett verrückt“, sagte er, „für Johannes Vetter ist das richtig bitter. Er hat so eine unheimliche Power, der kann die Bahn nicht standhalten.“ Allerdings wollte nicht jeder den Favoriten frei von Versäumnissen sprechen.
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„Ich bin mit Blick aufs Team extrem schockiert und traurig“, meinte Thomas Röhler, vor fünf Jahren Olympiasieger in Rio, „Vetter kann Monsterwürfe, das hat er oft bewiesen. Aber Olympia hat leider seine eigenen Gesetze.“ Noch deutlichere Kritik übte Klaus Wolfermann, der 1972 in München Gold holte. „Vetter war nicht sicher, er hat regelrecht Angst gehabt“, befand der 75-Jährige. Den Belag ließ er als Ausrede nicht gelten: „Die anderen haben doch auch geworfen und ihre Leistung gebracht.“
Das ist richtig – und motiviert Johannes Vetter. In den restlichen sechs Wettkämpfen dieses Jahres will er zeigen, wer die Nummer eins ist. Und 2024 die offene Rechnung mit den Olympischen Spielen begleichen: „Bis Paris muss ich zum Glück nur drei Jahre warten.“ Mal schauen, welcher Boden dort verlegt werden wird.