Eine aufgehetzte Masse, die ein Todesopfer fordert, ein Politiker mit Gewissensbissen, ein ängstlicher Gegendemonstrant, der seine Gesinnung verleugnet: Könnte irgendwo spielen zwischen Rostock-Lichtenhagen und Washington, bei Pegida-Aufmärschen oder Kapitolstürmen. In naher Zeit jedenfalls. Oder in sehr ferner: Es ist die Konstellation im Passionsbericht des Johannes, vertont von Johann Sebastian Bach. Läuft es also auf eine Leidensgeschichte im Zeitalter des Rechtspopulismus hinaus, wenn der Regisseur Ulrich Rasche die „Johannespassion“ jetzt als szenisches Oratorium im Stuttgarter Opernhaus inszeniert? „Auch“, sagt Rasche. Aber nicht nur.
Fremdgesteuerte Maschine
Sein Regiestil scheint geeicht auf die politische Lesart. Rasche zählt zu den prägenden „Chorleitern“ der Szene. Als solcher war er in der Intendanz Hasko Webers am Stuttgarter Staatsschauspiel zugange – unter anderem mit „Kirchenlieder“ (2005) und „30. September“(2011, das Datum im Titel meint den Schwarzen Donnerstag der Stuttgart-21-Proteste). Der strenge Formalismus von Rasches Chor-Choreografien zielt nicht auf Abstraktion, sondern die Gewalt des Kollektivs als einer fremdgesteuerten Maschine.
Er untersucht die Bewegungsmuster der Macht, die das Individuum aus dem Kollektiv hervor- und in es zurücktreten lässt. Seine Inszenierungen von Schillers „Räubern“ (2016 in München) oder Ágota Kristófs „Das große Heft“ (2018 in Dresden) sieht er als Mahnmale gegen das nach rechts marschierende Wutbürgertum. „Aber“, sagt er, „es gibt auch ganz andere Arbeiten von mir.“ Zum Beispiel zu Sarah Kanes individuell-dissoziativem Text „4.48 Psychose“.
„Es geht um den Mob von heute“
In der „Johannespassion“ will Rasche beides zusammenbringen: politische Dimension und – mehr noch – Seelenschilderung in vielfachen Bedrängnissen. Jedenfalls betont er: „Anders als man von mir vielleicht erwarten würde, habe ich das Stück nicht wegen der Hasschöre gewählt, die Bach mit ungeheurer Härte vertont hat.“
Was dem Werk in jüngerer Zeit den Vorwurf einbrachte, den Antijudaismus des Evangeliums noch zu verstärken. Für Rasche zählt jedoch das Exemplarische der Konfrontationen: „Wir verzichten auf historische Kostümierung und auf alle religiöse Zeichenhaftigkeit. Es geht nicht um die ,Jüden’, wie es im barocken Original heißt. Es geht um den Mob von heute, der auch auf Juden Jagd machen könnte.“
Den Fokus indes will er richten „auf die Auseinandersetzung der Passion mit den elementaren Erfahrungen von Schmerz, Leid, Gewalt und Tod, denen Liebe und Empathie gegenüberstehen“. Erfahrungen, die jüngst in der Corona-Pandemie virulent wurden, verbunden mit den Abgründen der Einsamkeit und des Verlassenseins in Lockdowns und Kontaktsperren. Solche emotionale Erschütterungen sieht Rasche in der „Johannespassion“ vorgezeichnet. Und zwar in den reflektierenden Arien, denen deshalb sein besonderes Augen- und Ohrenmerk gilt.
Am Ende ein Zeichen der Hoffnung
Bleibt die Gretchenfrage an einen Künstler, der vor 18 Jahren „Kirchenlieder“ inszenierte und jetzt ein Hauptwerk der evangelischen Kirchenmusik: Wie hält er es mit der Religion? „Ich bin religiös erzogen und habe viel über Religion nachgedacht. Aber im Theater gehe ich eher mit ihren Relikten um und der Frage, was sie uns in einer säkularisierten Welt erzählen können.“ Im Fall der „Johannespassion“, sagt Rasche, die Tragödie einer mehrfach gespaltenen Gesellschaft: Anhänger und Gegner Jesu, jüdische Israeliten und römische Besatzer, Fraktionierungen innerhalb des Judentums.
Aber wie das geistliche Werk selbst will Rasches Inszenierung den trostlosen Befund überschreiten. Die Kostüme von Sara Schwartz und Romy Springsguth signalisieren zwar radikale Schwarz-Weiß-Polarität, erläutert der Regisseur. „Aber es gibt Kostüm- und damit Rollenwechsel zwischen den verfeindeten Gruppen, und am Ende tragen alle Weiß als Zeichen der Hoffnung.“
Als sein eigener Bühnenbildner wiederum setzt Rasche die Spaltung drastisch in Szene: mit fünf großen Wänden, die vom Schnürboden herabschweben wie Fallbeile in Zeitlupe.
„Wie Sprache mithilfe der Musik Gestalt erhält“
Die „Johannespassion“ wäre Rasches erste Arbeit an einem Opernhaus gewesen, hätte nicht Corona die Premiere im Frühjahr 2021 verhindert. So aber kam eine „Elektra“ im Januar 2022 in Genf dazwischen. Reichlich spät, denn eigentlich hat er doch immer Musiktheater gemacht mit seinen rhythmisierten Live-Mobiles aus bisweilen sogar singenden Darstellerformationen. Dass er nun mit der „Johannespassion“ ein Oratorium auf der Opernbühne inszeniert, kommt ihm entgegen: „Die Struktur mit einer Erzählerfigur – dem Evangelisten – liegt mir näher als eine dialogisierte Oper.“
Rasche braucht aber auch die Brechung seiner bewegten Bühnengeometrien in „Figuren, Geschichte, Psychologie“. Opern der Minimal Music, etwa von Phil Glass oder John Adams, die man vorschnell mit seinem Stil assoziieren könnte, interessieren ihn deshalb wenig: „Da würde nur Form auf Form treffen.“ An Bach und seiner Passion schätzt er, „wie Sprache mithilfe der Musik Gestalt erhält statt mit einem illusionären Realismus der Bilder“.
Bach im Opernhaus
Termine
Die Premiere beginnt an diesem Sonntag, 2. April, um 19 Uhr im Stuttgarter Opernhaus. Die nächsten Vorstellungen folgen am 7., 9., 14., 16., 20., 22., 25. und 29. April.
Besetzung
Die musikalische Leitung hat der Barockspezialist Diego Fasolis. Moritz Kallenberg singt den Evangelisten, Shigeo Ishino den Jesus, Andreas Wolf die kleineren Partien des Petrus und des Pilatus.
Stück
Die 1724 in Leipzig uraufgeführte „Johannespassion“ist die ältere der beiden erhaltenen Passionen Johann Sebastian Bachs. Bis zu seinem Lebensende hat Bach das Werk mehrfach aufgeführt und dabei teils stark verändert. Jedoch hinterließ er – anders als von seiner „Matthäuspassion“ – keine Fassung letzter Hand. Heute wird meist eine Kombination aus der unvollendeten Reinschrift vom Ende der 1730er-Jahre und der Spätfassung von 1749 aufgeführt.