John Mayall im Wizemann Bereit für den Blues

Von Thomas Morawitzky 

John Mayall ist mittlerweile 85. Aber den Blues hat er immer noch so wie damals, als er die britische Bluesexplosion der Sechziger mit zündete. Im Stuttgarter Wizemann war er voll auf der Höhe.

Altblueser John Mayall tauscht die Mundharmonika immer wieder auch für die Gitarre. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone 11 Bilder
Altblueser John Mayall tauscht die Mundharmonika immer wieder auch für die Gitarre. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Stuttgart - „Are you ready for the Harmonica?“, fragt er schon beim zweiten Song im Wizemann am Sonntagabend. Als sei unter den 700, die den Saal mehr als zu Hälfte füllen, auch nur einer nicht bereit für das Instrument, das John Mayall so fantastisch bedient wie die Gitarre und das Keyboard. Mayall spielt den Blues seit fast 70 Jahren: bei den Bluesbreakers, 1963 von ihm gegründet, wechselte die Besetzung häufig. Eric Clapton, Peter Green, John McVie, Mick Taylor – sie alle waren bei ihm, bevor sie selbst berühmt wurden. Wohin die Wege seiner einstigen Gefährten auch führten, Mayall blieb dem kräftigen, erdigen, elektrischen Blues treu. Er ist nun 85 Jahre alt, der große alte Mann des britischen Blues.

Gebrechlich wirkt er nicht. Im Gegenteil. Spät am Abend singt er „Mother, talk to your Daughter“, ein Stück des 1967 verstorbenen J. B. Lenoir. „One of my favourite Blues Singers of all Time“, sagt er, bellt den Refrain hinaus in die Halle, hebt die Hand, und alle antworten ihm, im drängenden, schweren, schwitzenden Rhythmus.

Eine Powerfrau an der Gitarre

Vor wenigen Wochen veröffentlichte John Mayall ein neues Album und lud viele große Gitarristen ein, ihn zu begleiten. Mit ins Wizemann gebracht hat er eine große Gitarristin. Carolyn Wonderland heißt sie, stammt aus Texas, zupft den Blues mit bloßen Fingern und singt. Keiner ist im Saal, der dabei nicht an Janis Joplin dächte. John Mayall spielt die Rhythmusgitarre, schaut der Powerfrau mit rotem Haar bewundernd zu, und Wonderland schleudert ihre Seele ins Mikrofon.

Dann wieder singt Mayall selbst, mit zerklüftet lebensfroher Stimme, streunt durch seine Diskografie. Einer, der so lange im Geschäft ist wie er, besitzt ein großes Repertoire aus eigenen und fremden Stücken, spielt, wonach der Sinn ihm steht – und dabei ist kaum einmal ein Song, den er zwei Tage zuvor, bei seinem Konzert in der Zeche Bochum, ebenfalls auf der Liste hatte. Eine Version von „Walking on Sunset“, veröffentlicht zuerst vor 51 Jahren auf seinem Klassiker „Blues from Laurel Canyon“, darf aber nicht fehlen.

Wuchtiges und Leises

Und John Mayall spielt die Harmonika, die Blues Harp, während Jay Davenport mit seinen Besen leise und dynamisch neben ihm hertrippelt. Der Schlagzeuger aus Chicago bildet gemeinsam mit Greg Rzab, geboren in derselben Stadt, seit Jahren Mayalls Rhythmusgruppe. Davenport kann so diskret wie energisch sein. Rzab dagegen agiert wuchtig, fließend, hämmert bei „Congo Square“, dem Stück, mit die Band sich zuletzt austobt, das Thema von „Another one bites the Dust“ in seine Saiten.

John Mayall zitiert kurz Stevie Wonder, spielt zuvor schon seinen eigenen Song „Demons in the Night“, lässt die Blues Harp in seinen Händen lange zittern, zieht sie sich schließlich mit einem Ruck von den Lippen, hält sie hoch, legt den Kopf schief und lacht.