John Williams’ Roman „Augustus“ Des Kaisers blaue Augen

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Mit „Augustus“ des amerikanischen Romanciers John Williams krönt der Deutsche Taschenbuch-Verlag die Wiederentdeckung dieses großen Autors. Gegenwärtiger kann eine ferne Epoche nicht werden.

John Williams macht ein Standbild zum Menschen: Augustus von Prima Porta (20 bis 17 v. Chr.)  aus der Villa Livia in Prima Porta Foto: Wikipedia
John Williams macht ein Standbild zum Menschen: Augustus von Prima Porta (20 bis 17 v. Chr.) aus der Villa Livia in Prima Porta Foto: Wikipedia

Stuttgart - „Wir sind Rom“ – mit diesen Worten reagierte der US-amerikanische Basketballtrainer Gregg Popovich auf die Wahl Donald Trumps zum nächsten Präsidenten. Er hatte in seinen wütenden Einlassungen gegen die fremdenfeindlichen, homophoben und rassistischen Entgleisungen des künftigen Imperators wohl Namen wie Caligula oder Nero im Sinn, mit denen sich die Dekadenz der einstigen Weltmacht verbindet. Wie das mahnende Beispiel Rom überhaupt immer dann begegnet, wenn es darum geht, eine reife, entwickelte Zivilisation an die Möglichkeit ihres Untergangs zu erinnern.

Rom ist ein Spiegel der Zeiten; die einen erblicken darin den Vorschein künftiger Größe, die anderen Zeichen des Verfalls. Noch dem lärmendsten Sandalenfilm lässt sich eine Diagnose über den Zustand einer Gesellschaft ablesen, die es sich leisten kann oder muss, derart gewaltige Mittel für die Kolonisierung der Fantasie bereitzustellen, gemäß der cäsarischen Maxime Brot und Spiele.

Legionen von Künstlern, Regisseuren und Autoren sind in ihren Arbeiten romwärts gezogen, um von den viris illustribus der Geschichte ein der eigenen Gegenwart gemäßes Bild zu zeichnen: Im hohen Stil wie der österreichische Autor Hermann Broch, der in Zeiten, in denen Germania die Welthauptstadt eines neuen Imperiums heißen sollte, in seinem „Tod des Vergils“ an der Legitimität des Schönen und der Kunst verzweifelt. Oder im massenkompatiblen Breitwandformat Hollywoods. Einsam zwischen diesen Polen steht der „Augustus“ des amerikanischen Romanciers John Williams, mit dessen Übersetzung der Deutsche Taschenbuch-Verlag die Wiederentdeckung dieses großen Autors krönt – nach dem Gelehrten-Melodram „Stoner“ und dem desillusionierten Naturstück „Butcher’s Crossing“.

Tiefenscharfe Gegenwärtigkeit

Lange bevor die Doku-Fiction zum Mittel der Wahl wurde, Lust an der Kolportage mit dem Kitzel der Wirklichkeit zu unterfüttern, macht John Williams ein vergleichbares Erzählverfahren für seinen Roman fruchtbar. Wie ein Historiker arrangiert er Quellen, Briefe, Erlasse, Memoranda, Tagebuchnotizen. Nur dass dieses Material bis auf wenige Ausnahmen frei erfunden ist – so frei, wie es das historische Gewissen und das darstellerische Ingenium dieses schreibenden Wissenschaftlers, der an der University of Denver gelehrt hat, eben zulassen.

Der Effekt ist ein ungeheurer. Denn die Perspektivität verleiht dem historischen Stoff eine tiefenscharfe Gegenwärtigkeit, die den ganzen Historienplunder beiseitewischt, mit dem die Vorstellungskraft vom gravitätischen Monumentalschinken bis zu Asterix zugerümpelt wurde. Was sind Richard Burton und Elizabeth Taylor als Marcus Antonius und Cleopatra in Joseph L. Mankiewicz’ gleichnamigem Film gegen die vielschichtigen Figuren, die der Leser hier aus unterschiedlichem Blickwinkel bei ihrer weltgeschichtlichen Amour fou beobachten kann.

Die dokumentarische Fiktion entwickelt eine andere Intensität als die einfühlende, weil sie es dem Leser überlässt, auf der Basis des freilich mit kluger Hand geordneten Materials die Geschichte jener Epoche und der sie überragenden Hauptfigur zusammenzusetzen. Deshalb kommt einem dieses Buch nahe, auch dann, wenn man das Faible für römische Geschichte nicht teilt. Der Mord an Julius Cäsar, der Sieg gegen die Verschwörer Brutus und Cassius, die Konsolidierung der Macht, der ungeheure und blutige Preis für den langen Frieden, der sich mit Augustus’ Name verknüpft – aus der gleichsam archäologischen Lektüre treten diese immer wieder buchstabierten Ereignisse in einer ungeglätteten Lebendigkeit ins Licht.

Rumoren der Sinnlosigkeit

Das ist spannend wie ein Thriller, doch entgegen der Devise des von Augustus geförderten Horaz, wonach Dichter entweder unterhalten oder nützen wollen, schafft dieser Roman beides zugleich. Über den Abgrund der Zeiten hinweg zeichnet er das subtile Porträt eines Mannes, der in jungen Jahren die Welt verbessern wollte, der viel erreicht hat, aber vielleicht noch mehr verloren, und der wegen der zahlreichen Rollen, die er spielen musste, am Ende nicht mehr weiß, wer er ist. „Ist es das wert gewesen?“, fragt ihn seine innig geliebte Tochter, die ihr Leben rebellisch des Vaters zweiter Liebe, Rom, abtrotzen musste und dafür schließlich in der Verbannung endet. „Ich muss daran glauben“, lautet die Antwort, „wir müssen beide daran glauben.“ So reden keine Standbilder, sondern komplexe Charaktere, die inmitten einer zivilisatorisch befriedeten Welt das dunkle Rumoren der Sinnlosigkeit vernehmen.

Augustus selbst kommt erst im letzten des in drei Teile gegliederten Romans zu Wort. Nach dem Aufstieg zur Macht im ersten Buch, dem inneren Niedergang und der familiären Zerrüttung im zweiten, vertraut sich hier im Angesicht des Todes eher ein gebrochener King Lear als ein strahlender Weltenlenker in einem langen Brief seinem Philosophenfreund Nikolaos von Damaskus an. Die Lebensbeichte mündet in die Erzählung eines Traums, in dem der junge Feldherr, um die Götter und jene, die an sie glauben, zu versöhnen, einen prächtigen weißen Ochsen opfert. Ruhig blickt dieser der erhobenen Axt mit seinen blauen Augen entgegen. Es sind die Augen des künftigen Kaisers; was sie verfolgen, ist das Selbstopfer, das der Weg zur Macht erheischt.

Etwas Hässliches liegt in der Luft

Sein politisches Vermächtnis vergleicht Augustus einmal einem Werk der von ihm so geschätzten Dichter: ein in all seinen Teilen geordnetes Ganzes, das anders als deren Epen aber dem Untergang und der Zeit unterworfen ist. John Williams’ großer Roman zeigt, wie sehr das der Vergänglichkeit geweihte Lebenswerk des Kaisers gerade in den Momenten der Gefährdung die Zeiten überdauert. Denn die Ahnung, dass etwas Hässliches in der Luft liege, dass eine lange Friedensperiode zu Ende gehen könne und die Barbaren sich die Hände reiben – diese Ahnung treibt nicht nur den greisen Kaiser um. Sie spricht auch aus der eingangs zitierten Bemerkung jenes besorgten Basketballtrainers. „Wir sind Rom.“

Damit uns der Weg von Augustus zu Caligula oder Nero erspart bleibt, sollte man dem gärenden kollektiven Hass mit der liebenden Weisheit dieses alten Mannes begegnen, vom Übersetzer Bernhard Robben in lateinischem Geist aus dem Amerikanischen ins heutige Germanische gerettet: „Noch im schwächsten Menschen habe ich Adern voller Kraft gefunden wie Goldgänge im zerbröselnden Fels, im grausamsten Manne blitzten Zärtlichkeit und Leidenschaft auf, im eitelsten Menschen Momente der Schlichtheit und Anmut.“

John Williams: Augustus.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. DTV, München. 480 Seiten, 28 Euro.