Joint Venture von Daimler und Geely „Bonsai-Benz“ kommt bald aus China

Von I. Flaig und A. Guhlich 

Smart soll neu durchstarten: Der Daimler-Aktionär Geely übernimmt 50 Prozent an kleinen Bonsai-Benz. In China wird eine Elektroautofabrik für den Kleinwagen gebaut.

Elektrisch und urban: So präsentiert sich der neue Smart. Foto: MediaPortal Daimler AG
Elektrisch und urban: So präsentiert sich der neue Smart. Foto: MediaPortal Daimler AG

Stuttgart - In einem global ausgerichteten ­Gemeinschaftsunternehmen, an dem Daimler und Geely jeweils 50 Prozent halten, soll der Smart neu durchstarten. Ziel des Joint Ventures sei, Smart als führende Marke für Elektromobilität weiterzuentwickeln. Dies teilten Daimler und Geely am Donnerstag mit. Wie unsere Zeitung bereits berichtete, hatte es zuvor entsprechende Spekulationen gegeben. Der Vereinbarung zufolge wird die Produktion der nächsten Generation von Smart-Elektromodellen in einer neuen, speziell dafür gebauten Elektroautofabrik in China erfolgen. Der weltweite Vertrieb soll im Jahr 2022 beginnen.

Das Werk in Hambach übernimmt eine neue Rolle

„Für über 2,2 Millionen Kunden ist Smart ein Pionier urbaner Mobilität“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Besiegelung des Zusammenschlusses: „Auf Grundlage dieser Erfolgsgeschichte freuen wir uns darauf, die Marke zusammen mit unserem starken Partner Geely weiter voranzubringen.“ Zetsche war in den vergangenen Tagen in China und traf dort Geely-Eigentümer Li Shufu zur Unterzeichnung der Vereinbarung. Das Joint Venture wird voraussichtlich bis Ende 2019 gegründet. Nähere Details nannten beide Partner nicht, auch nicht, wie viele Mitarbeiter das Joint Venture haben wird. Man werde gemeinsam die nächste Generation elektrischer Smart designen, entwickeln und in China für den Weltmarkt bauen – mit „erstklassigen Produktionsstandards und dem hervorragenden Sicherheitsniveau“ von Smart.Im bisherigen Smart-Werk in Hambach (Frankreich) soll künftig ein kompaktes Elektrofahrzeug von Mercedes-Benz produziert werden, womit die Arbeitsplätze laut Zetsche an diesem Standort mit weiteren Investitionen gesichert sind. Daimler will dort 500 Millionen Euro investieren. In dem Werk sind rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. Damit übernehme Hambach im Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz Cars eine neue Rolle.

Die ursprünglichen Planzahlen hat er nie erreicht

Bis zur Markteinführung der neuen Smart-Modelle ab 2022 wird Daimler die aktuelle Smart-Generation weiterhin in Hambach, wo der Smart EQ Fortwo vom Band läuft, und in Novo Mesto in Slowenien produzieren. Dort wird der Smart EQ Forfour gebaut.

Der Geely-Einstieg bei Smart kommt einer Rettung des in der Branche mitunter als „Bonsai-Benz“ titulierten Fahrzeugs gleich. Der im Jahr 1998 eingeführte Stadtflitzer hat sich mittlerweile zum Sorgenkind des Daimler-Konzerns entwickelt. Die ursprünglichen Planzahlen von 200 000 Stück jährlich hat er nie erreicht – und immer Verluste eingefahren. Bei Daimler hieß es zuletzt, man spreche mit potenziellen neuen Partnern. Bislang wird der Smart, der ab 2020 nur noch mit E-Antrieb auf den Markt kommt, in Kooperation mit Renault gefertigt. Im vergangenen Jahr ging der Absatz schließlich um 4,6 Prozent auf 128 802 Fahrzeuge zurück.

Geely-Eigentümer hat „größten Respekt vor Smart“

„Wir hegen größten Respekt für Smart“, sagte der Geely-Eigentümer Li Shufu. Smart biete eine einzigartige Attraktivität und einen starken Markenwert. Als gleichwertige Partner setze man sich dafür ein, die Marke Smart weltweit zu fördern, sagte der chinesische Milliardär weiter. Gemeinsam wollen Geely und Daimler das Smart-Angebot ins wachstumsstarke B-Segment ausweiten, also auch Fahrzeuge in der nächsten Kompaktwagengröße anbieten.

Das Design stamme weiter aus dem Mercedes-Benz-Design-Netzwerk, entwickelt wird das Auto aber von ­Geely und eben auch in China produziert. Geely werde seine „Erfahrungen und globalen Kompetenzen in Markenmanagement, Forschung und Entwicklung, Produktion, Lieferantenmanagement und anderen Bereichen einbringen“, formulierte es der Geely-Gründer. Die Synergien der Kooperation würden beiden Seiten zugutekommen. Gleichzeitig werde man Technologien für Smart auch im Bereich Konnektivität weiterentwickeln, um in der Branche in Zeiten eines breiten Wandels auch künftig an der Spitze zu stehen. Mit dem Smart-Deal bindet Geely Daimler noch enger an sich. Vor gut einem Jahr war Geely als Großaktionär bei Daimler eingestiegen und hält 9,7 Prozent. Zudem kooperieren beide bei einem App-basierten Ride-Hailing-Dienst, für den sie ebenfalls ein Gemeinschaftsunternehmen gründeten. Vermittelt werden dabei in China Fahrten in Luxusautos.

Experten erwarten weitere Kooperationen im E-Bereich

Geely ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und drängt mittlerweile in die Top 10 der Autoriesen. Zu Geely gehören unter anderem auch die Marken Volvo, The London Taxi und Lotus. In China selbst ist Geely der siebtgrößte Fahrzeughersteller mit einem Marktanteil von sechs Prozent.

Das Joint Venture birgt tatsächlich eine große Chance: Gemeinsam können Daimler und Geely dem Smart einen Absatzschub verpassen, in dem sie ihn zu günstigeren Preisen anbieten – und das auf dem weltweit wichtigsten Markt für Elektroautos mit seinen zahlreichen Megacitys, in denen der kleine Smart gefragt ist: Aus China kommen 60 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Elektroautos. Vergangenes Jahr haben chinesische Kunden rund eine Million E-Autos und mehr als 200 000 elektrische Nutzfahrzeuge gekauft.

Branchenexperten halten es für gut möglich, dass Geely und Daimler weitere Kooperationen bei der Elektromobilität eingehen. Schon bei seinem Einstieg sagte Li Shufu: „Ich freue mich besonders, dass ich Daimler auf dem Weg zum führenden Anbieter von Elektromobilität begleiten kann.“

Die Arbeitnehmervertreter äußerten sich am Donnerstag nicht zu dem Deal. Unmittelbar hat der Zusammenschluss auch keine Auswirkungen auf die Beschäftigung. Perspektivisch schaffen die Auto-Allianzen allerdings Doppelstrukturen.