Joosten Ellée beim Podium-Festival Esslingen Klassische Musik darf ruhig auch mal dreckig sein

Joosten Ellée plant Konzerte mit mehr Diversität, mehr Relevanz und mehr Partizipation – und schlägt dafür auch sehr ungewohnte Wege ein. Foto: Miki Nagahara

Unter seinem neuen Künstlerischen Leiter, dem Geiger Joosten Ellée, setzt das Podium-Festival Esslingen ab Donnerstag seine Experimente mit Konzertformaten und Präsentationsformen von klassischer Musik fort.

Barockmusik und Elektronik, Bachs „Johannespassion“ für drei Musiker, Klassik als Dunkelkonzert, Terry Rileys Minimalismus-Ikone „In C“ als begehbare Raumkunst: Das alles hat es beim Podium-Festival Esslingen seit dessen Gründung 2009 schon gegeben, und die Überraschung hat sich dabei als Konstante etabliert. So soll es auch weitergehen, nachdem der Mitbegründer des Festivals, Steven Walter, beschlossen hat, im Bonner Beethovenfest als Künstlerischer Leiter mächtig Staub aufzuwirbeln.

 

In Esslingen wirbelt jetzt Joosten Ellée, ein Geiger, der Wert darauf legt, dass er bis Ende des Jahres noch 29 ist („Ich habe Angst vor der Nummer“). Ein Barockgeiger, der zuletzt wieder vermehrt zum modernen Instrument greift. In Stuttgart hat er schon das Stuttgarter Kammerorchester vom ersten Pult aus geleitet und ist mit dem Freiburger Barockorchester aufgetreten. Komponiert hat er außerdem: elektronische Musik. Joosten Ellée kommt aus Ostfriesland, da ist der Himmel weit, und vielleicht liegt es daran, dass er den Blick in verschiedene Richtungen für sich wichtig und fruchtbar findet – „nur so bleibt man interessant“. Zum diesjährigen Podium-Festival (28. April bis 7. Mai) bringt Ellée sein eigenes Ensemble mit: Reflektor. „Wir wollten selbst bestimmen können, was wir machen. Nicht in der Anonymität eines Streicherapparates verschwinden. Bei Reflektor prägt jeder den Klang mit seiner Persönlichkeit mit.“

Musiker und Musikerinnen sind heute auch Kulturmanager

Immer mehr junge Musizierende heute wollten „nicht nur Musik machen, sondern überlegen auch, wie sie das Konzert drum herum gestalten“. „Selfmade-Kulturmanagertum“ nennt Joosten Ellée diese neue Qualität, und das Ergebnis der Entwicklung liegt auf der Hand: „Das Konzert ist die Kunstform, nicht nur das einzelne Stück.“ Das passt. Der neue Künstlerische Leiter will fortführen, was das Podium-Festival begonnen hat: Grenzen zwischen den Genres einreißen, neue Orte und junges Publikum erobern, Altbekanntes durch neue Kontexte wieder spannend werden lassen.

Neue Ideen hat er außerdem. Erstens: mehr Diversität. Ellée gehört zu der Generation, die beim Sprechen schon selbstverständlich gendergerechte Kurzpausen einfügt. Von Freund-Innen redet er, von Musiker-Innen, und so wundert es nicht, wenn in diesem Jahr 80 Prozent der beim Podium-Festival aufgeführten Werke von Komponistinnen stammen. „Auch in vergangenen Epochen“, sagt er, „gibt es noch ganz viel Qualität zu entdecken.“

Musik wird durch Kontextualisierung relevanter und politischer

Zweiter Punkt: gesellschaftliche Relevanz. Klimawandel, soziale Konflikte, Krieg: Das alles könne und müsse heute in Konzerten eine Rolle spielen. „Musik hatte immer eine politische Ebene, selbst in der Reproduktion des klassischen Kanons schwingt sie immer mit.“ Und falls nicht? Muss man Kontexte schaffen. Zum Beispiel bei Bruckners Siebenter: Da ersetzen die Musiker in Esslingen den langsamen Satz durch ein Stück einer französischen Résistance-Kämpferin. Musik könne zwar keine Fakten und Meinungen darstellen, wohl aber das Gefühl, das sich mit diesen verbinde. Wie am 1. Mai beim Stück „Fuel“ der US-amerikanischen Komponistin Julia Wolfe in einem Autohaus: „Da spürt man, wie sich Umweltverschmutzung anfühlt.“ Im Idealfall, so Ellée, sollten Konzerte ähnlich kuratiert werden wie eine Museumsausstellung: Da gehe es um Licht, um Atmosphäre, um den Raum, die Hängung der Bilder. Außerdem müsse man Musik auch in Räume hineinholen, die eigentlich nichts mit Kunst zu tun haben, „denn das zeigt, wie nahe Musik am echten Leben sein kann, wie dreckig“.

Drittens schließlich: Partizipation. In zwei großen Konzerte werden Laien mit auf der Bühne stehen. Eine wichtige Aufgabe für das Festival in den nächsten Jahren: „Wir wollen“, sagt Joosten Ellée, „den Spagat schaffen, uns auf überregionaler Ebene als Innovationsmotor zu behaupten und spannend zu bleiben, und gleichzeitig eine starke Verwurzelung vor Ort hinbekommen.“

Einen weiteren Spagat wagt das Festival seit jeher: den zwischen älterem und jungem Publikum. „Die sogenannte Klassik hat das Potenzial, alle Generationen zu begeistern“: Davon ist der Geiger fest überzeugt. Und davon, dass klassische Musiker oft viel zu stark in Routinen feststecken – manchmal sei es aber wichtig „loszulassen und sich auch mal unsicher und zerbrechlich zu fühlen, um wirklich emotional werden zu können“. Mehr Bauchmusik: Dahin will das Podium-Festival unter Joosten Ellée auch kommen. Und das mit 23 Konzerten, die allesamt Eigenproduktionen sind – das Festival als Musikmanufaktur. Ein einzigartiges Wagnis, immer wieder.

Podium-Festival 2022

Zeit
Das Podium-Festival beginnt an diesem Donnerstag (28. April) um 19 Uhr in Esslingen mit einem Eröffnungskonzert in St. Dionys: Unter dem Titel „Ewigkeit“ spielen das Ensemble Reflektor und Nachwuchsmusiker der Musikschule Filderstadt Werke von der Renaissance bis heute. Am 7. Mai endet das Festival um 18 Uhr in der Bechtle-Druckerei mit der Multi-Instrumentalistin Maria Schneider und einem grenzsprengenden Programm zwischen Klassik und Pop.

Informationen/Karten
unter www.podium-esslingen.de und bei allen Reservix-Vorverkaufsstellen.

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