Vor drei Wochen entgleiste ein Regionalzug bei Riedlingen. Der Ludwigsburger Joscha Loibl saß darin und überlebt – nicht das erste Mal, dass er dem Tod nur knapp entkommt.

Volontäre: Frederik Herrmann (hef)

Joscha Loibl erinnert sich noch genau, wie es passiert ist. Detailliert erzählt er von dem Tag, an dem er von einem Familienbesuch in Mengen nach Ludwigsburg zurückkehren möchte und dabei nur knapp dem Tod entkommt.

 

„Plötzlich hat es einen Schlag getan, und ich wurde in die Luft geschleudert“, berichtet er. Das Abteil, in dem der 26-Jährige sitzt, kippt und fällt auf die Seite. Loibl, der direkt hinter der Fahrerkabine sitzt, stürzt durch den Waggon und landet eingeklemmt zwischen einer heruntergebrochenen Sitzreihe, zwei weiteren Fahrgästen und einem großen Koffer.

 Der Regionalexpress RE55, der Sonntagabend, 27. Juli, auf dem Weg nach Ulm war, entgleist in der Nähe von Riedlingen (Kreis Biberach). Nach tagelangem Starkregen war ein Abwasserkanal übergelaufen, der einen Hangrutsch verursachte. Erde, Schlamm und Matsch flossen auf die Gleise und lösten das Unglück aus.

Beim dem Zugunglück in Riedlingen starben drei Personen, mehrere Personen werden verletzt. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

„Zuerst sekundenlang Stille, dann Schreie“ schildert Loibl den Moment nach dem Aufprall. Von der Seite drückt ihn ein Ast in die Hüfte, und Diesel fließt ihm übers Gesicht. „Ich konnte nicht richtig atmen, mich kaum bewegen und hatte überall Schmerzen“, sagt er. „Da dachte ich, dass wir alle draufgehen werden.“

Drei Menschen sind bei dem Zugunglück verstorben

Doch Joscha Loibl überlebt leicht verletzt. Er zieht sich ein paar Prellungen und eine Schnittwunde zu. Seit dem Unfall hat er Probleme beim Laufen und seine Nierenwerte seien aufgrund einer Quetschung erhöht.

Drei Menschen sterben bei dem Unglück. Darunter der 32-jährige Lokführer, ein 36-jähriger Auszubildender der Zuggesellschaft aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis sowie eine 70 Jahre alte Frau aus dem Kreis Sigmaringen. Weitere 36 Menschen werden verletzt, zum Teil schwer.

Ihre Chatgruppe haben sie „Trauma-Buddies“ genannt

An der Unglücksstelle richten Einsatzkräfte ein Notfallzentrum ein. Verletzte erhalten dort medizinische und psychologische Betreuung. Später habe Loibl im Krankenhaus weitere psychologische Unterstützung angeboten bekommen. Die nimmt er auch bis heute wahr.

Denn der 26-Jährige möchte über das Zugunglück sprechen. Das findet er wichtig, Verdrängen sei nicht seine Art. Es dauere aber noch, bis er das Ganze verarbeitet habe. Deshalb tauscht er sich auch mit anderen aus, die das Unglück überlebt haben. Die drei, die sich gemeinsam aus den Trümmern befreiten, wollen sich bald auf einen Kaffee treffen. Sie seien im gleichen Alter. „Wir hätten uns auch beim Feiern kennenlernen können“, sagt er. Sie haben eine Chatgruppe eingerichtet und nennen sich die „Trauma-Buddies“. Aktuell gehe es ihnen allen gut. „Wir sind alle glimpflich davongekommen – aber ich glaube, das Trauma kommt erst noch“, sagt Loibl.

Loibl ist schon einmal knapp dem Tod entkommen

Für den 26-jährigen Veranstaltungstechniker ist es nicht das erste Mal, dass er einen Unfall überlebt. Vor einigen Jahren hatte er einen schweren Autounfall. Damals sprang ein Reh auf die Straße. Loibl kommt von der Straße ab, überschlägt sich und prallt gegen einen Baumstumpf. Einen Airbag hatte der alte VW-Lupo nicht.

Verletzt hat er sich aber nicht. „Ich bin ausgestiegen und habe mit einem vorbeifahrenden Fahrradfahrer auf den Rettungsdienst gewartet und dabei eine Kippe geraucht“, erzählt er. „Die Ärzte sagten damals, es sei ein Wunder, dass mir nichts passiert ist“, so Loibl.

Das habe er sich auch nach dem Zugunglück gedacht. „Vielleicht gibt es einfach noch ein paar Aufgaben für mich im Leben, die ich erfüllen muss“, sagt er. Seitdem schätzt er viele kleine Sachen im Leben mehr und freut sich darauf, am Wochenende wieder seine Familie zu besuchen.

Zugfahren fühle sich noch komisch an

Er plant wieder mit dem Zug nach Mengen zu fahren. Allerdings auf einer anderen Strecke als vor zwei Wochen. Denn diese sei nach wie vor gesperrt und sowieso nur eine Alternative gewesen, weil auf einer anderen Bauarbeiten stattgefunden haben.

Angst vor der Fahrt habe er keine. Es sei nicht das erste Mal, dass er seit dem Unglück wieder in einem Zug sitzt. Zwar sei es noch komisch. „Bei lauten Geräuschen zucke ich auch noch zusammen“, aber eigentlich sei der Zug ja auch das sicherste Verkehrsmittel, sagt er. „Und ich möchte anfangen, Zugreisen wieder mit schönen Erinnerungen zu verknüpfen.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 16. August und wurde am 19. August aktualisiert.