Josef Hader auf Tournee „Wien war nie eine österreichische Stadt“

Josef Hader in seinem Element: Szene aus seinem Programm „Hader on Ice“ Foto: imago images/Manfred Siebinger

Der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader spielt in seinem Bühnenprogramm „Hader on Ice“ einen alten, weißen Wohlstandsgrantler. Im Interview spricht er über das Ende der Aufklärung und österreichischen Humor.

Auf der Kabarettbühne brilliert Josef Hader ebenso mit schwarzem Humor wie im Kino, dort unter anderem als unglücklicher Kommissar Brenner. Nun ist der Kabarettist wieder auf Tournee.

 

Herr Hader, Sie spielen gerne Typen, die demoliert und gedemütigt werden, den Kommissar Brenner oder den Musikkritiker in „Wilde Maus“. Woran liegt das?

Wahrscheinlich wiederhole ich ständig meine Kindheit. Meine Figuren haben immer so eine Grundbeleidigtheit auf die Welt. Ich war ein ziemliches Einzelkind und glücklich, solange ich mit meinen Großeltern zu tun hatte. Mit sechs wurde ich in die Hölle der Gleichaltrigen geworfen und habe lange gebraucht, mich zurechtzufinden, weil ich schlecht Fußball spielen und nicht gescheit raufen konnte. Zuerst habe ich mich gerettet über Lesen. Ich war ein Kind, das verschwunden ist mit einem Buch und dreimal laut angeschrien werden musste, um aus der fiktiven Welt wieder rauszukommen. Da ist mein großes Interesse für Kultur erwacht.

In „Hader on Ice“ spielen Sie nun die Karikatur eines Wohlstands-Egomanen. Wie ist der zu ihnen gekommen?

Ich habe nach einer Figur gesucht, die gerade noch ich sein könnte und die ideal verkörpert, dass wir in einer Zeitenwende sind mit Verteilungskämpfen. Das Lebensgefühl ist weg, dass alles immer besser wird. Als Vorbereitung habe ich Grimmelshausen gelesen, denn in so wilden Zeiten kommt man als Kabarettist nicht weit damit, intelligent auf der Bühne herumzustehen und Moral zu predigen. Ich finde es besser, das Schauerliche auf die Bühne zu holen, damit allen das Grausen kommt. Wir haben ja erwartet, dass alles gescheiter wird, wenn alle Zugang zu Informationen haben, einen Sieg der Aufklärung. Und sind genauso enttäuscht worden wie alle vor uns, die von bloßer Technologie menschlichen Fortschritt erwartet haben.

Ihre Figur wettert gegen Öko-Wahn und Work-Life-Balance der Jugend – wie schmal ist dieser satirische Grat?

Ich spiele ihnen ihre Elterngeneration vor als Zerrbild. Der Angriff geht gegen meine Generation, wir haben ja versagt. Ich spiele keine Kurzausschnitte mehr, weil das bei dem Programm keinen Sinn hat. Es ist wie ein Theaterstück, wo man den Anfang nur versteht, wenn man bis zum Schluss bleibt. Ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich Stellen einzeln spielen würde, in denen der alte weiße Mann die Sau rauslässt. Da würde ich ja um Missverständnisse betteln. Nur anhand des ganzen Abends wird klar, dass ich den runterrocke bis nur ein jämmerliches Würstchen übrig bleibt.

Das Verschwörer- und Querulantentum ist eine Steilvorlage für Kabarettisten...

Ich habe schon vor Corona zu schreiben begonnen und musste nichts ändern, weil die Pandemie wie ein Vergrößerungsglas oder Treibsatz gewirkt hat. Wir sind an einem Punkt der Weltgeschichte, an dem wir bestimmte Errungenschaften preisgeben wie die, dass Informationen überprüft werden und solange gelten, bis das Gegenteil bewiesen ist. Man findet diese Zeitenbrüche in der gesamten Weltliteratur. Meine Generation dachte halt, sie würde der Weltgeschichte ein Schnippchen schlagen. Erwachsene haben die wahnwitzige Idee verbreitet, wir wären am Ende der Geschichte angelangt. Man dachte, bestimmte Dinge sind überwunden. Der Verdacht drängt sich auf, dass nur nach zwei Weltkriegen in ein paar Erdteilen die Leute für kurze Zeit klüger wurden. Jetzt sind die Generationen weg, die das noch erlebt haben – und jetzt werden wir wieder genauso blöd wie vorher. Das macht mich als Bürger natürlich sehr besorgt. Aber als Künstler bin ich fasziniert davon, wie sehr der Mensch ewig gleichbleibt in seinem Wahnsinn und seinen Dummheiten. Das war der Stoff für Satire zu allen Zeiten.

Haben Sie das Kabarett wirklich während ihrer Schulzeit entdeckt?

Wir haben bei Faschingsfeiern Sketche über Lehrer aufgeführt. Die Schule ist eine Mischung aus Diktatur und Demokratie, da hatte Kabarett eine sehr große Wirkung.

Sie verknüpfen die Flüchtlingsfrage mit der Sklaverei – wie kommt man darauf?

Die Sklaverei als modernes Modell haben schon brillante Kollegen vor mir aufgeworfen. Ein Vorbild ist Jonathan Swift, dessen Satire aus dem 18. Jahrhundert heute noch provozieren kann. Ich habe als Vorbereitung seinen Aufsatz gelesen, in dem er vorschlägt, die Hungersnot in Irland zu bekämpfen, indem Iren ihre Einjährigen als Sonntagsbraten an Engländer verkaufen.

Georg Kreisler, David Schalko, Ludwig Hirsch: Woher kommt dieser schwarze österreichische Humor?

Das ist ein Wiener Humor. Und Wien war nie eine österreichische Stadt, sondern ein Schmelztiegel aller östlichen Provinzen der Monarchie unter starker Beteiligung des Judentums. Aus diesem Druckkochtopf ist dieser spezielle Wiener Humor entstanden, der ja nichts mit Tiroler Skilehrern zu tun hat. Ich denke an Kabarettisten wie Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner und Georg Kreisler, von denen zwei Juden waren, die in Nazi-Österreich ermordet worden wären, hätten sie nicht rechtzeitig die Flucht geschafft. Oder Autoren wie Josef Roth und Stefan Zweig. Die große Kultur der vorletzten Jahrhundertwende war zu einem Großteil eine jüdische Kultur, der wir heute noch viel verdanken. Zum Glück waren einige jüdische Kabarettisten großmütig genug, nach 1945 wiederzukommen. Das war das Kabarett meiner Kindheit, das übers Fernsehen bis zu unserem Bauernhof kam.

Sie haben im Film „Vor der Morgenröte“ sehr ernsthaft den Autoren Stefan Zweig verkörpert. Wie war das als Kontrast zu ihren sonstigen Charakteren?

Das ist ein Drama mit sehr rührenden und auch komischen Momenten und mit einer Figur, die schon im Drehbuch etwas zum Klingen gebracht hat in mir. Das brauche ich. Ich mache das ja nicht so oft. Ich bin auch gar kein richtig guter Schauspieler, ich suche mir das nur gut aus. Ich kann ohne Schauspielausbildung nur jemanden spielen mit österreichischer Färbung und habe nur wenig Zeit, weil schon Tourneen ausgemacht sind. Ich freue mich immer, wenn’s klappt, aber hauptberuflich ziehe ich herum und mache mein Kabarettsolo. Kabarett ist eine minimalistische Form jenseits dieser Einteilung in E- und U-Kultur – das mag ich sehr daran.

Haben Sie Pläne für einen weiteren eigenen Film als Regisseur?

Wir haben gerade abgedreht. Der Arbeitstitel lautet „Andrea lässt sich scheiden“. Es ist mein zweites Drehbuch ohne Vorlage nach „Wilde Maus“ und so eine lakonische Mischung aus Drama und Komödie auf dem Land. Birgit Minichmayr spielt eine Polizistin, die auch alle Einheimischen straft und überhaupt in immer größere Schwierigkeiten kommt. Der Film spielt auf einer großen Ebene nördlich von Wien, wo die tschechische Grenze nicht mehr weit ist und ein paar Ölpumpen herumstehen – das kleine Amerika Österreichs.

Josef Hader spielt am 26., 27., 29., und 30.11. im Theaterhaus, jeweils 20 Uhr.

Josef Hader und sein Werk

Leben
 1962 in Waldhausen in Oberösterreich auf einem Bauernhof geboren, besucht er das katholische Stiftsgymnasium Melk, wo er Theater spielt und sich als Kabarettist versucht.

Werk
  1990 erhält er den Deutschen Kleinkunstpreis, sein Programm „Privat“ (1994) sehen allein in Österreich rund 500 000 Zuschauer. 1991 schreibt er mit Alfred Dorfer das Theaterstück „Indien“, das 1993 verfilmt wird. 2004 mischt er in „Hader muss weg“ Kabarett und Schauspiel, wobei er sieben Rollen spielt, bis zu vier gleichzeitig. Seine bekannteste Filmrolle ist die des Simon Brenner in den bislang vier Verfilmungen von Krimis des österreichischen Autors Wolf Haas, bei denen Wolfgang Murnberger Regie führte. In Maria Schraders episodischem Drama „Vor der Morgenröte“ (2016) spielt Hader den österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. 2017 bekommt er den Dieter-Hildebrandt-Preis für profilierte Kabarettisten.  

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