Josef Hader im Interview „Es ist nie anders als im Dorfwirtshaus“

Von Michael Werner 

Josef Hader hat einen Thriller gemacht: In der Wolf-Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“ gibt der österreichische Schauspieler, Kabarettist und Autor den verkrachten Detektiv Brenner am Abgrund. Er liebe die Menschen, sagt der Künstler – wie ein Insektenforscher

Helden in Auflösung:   Simon Brenner (Josef Hader, rechts) hat im Film „Das ewige Leben“ einen starken Gegenspieler. Der kriminelle Polizeichef Aschenbrenner (Tobias Moretti, links) und er waren als Buben befreundet. Jetzt jagen sie einander. Foto: dpa, Verleih
Helden in Auflösung: Simon Brenner (Josef Hader, rechts) hat im Film „Das ewige Leben“ einen starken Gegenspieler. Der kriminelle Polizeichef Aschenbrenner (Tobias Moretti, links) und er waren als Buben befreundet. Jetzt jagen sie einander. Foto: dpa, Verleih
Stuttgart Josef Hader - Josef Hader (53) schreibt an den Drehbüchern seiner Filme mit – denn er beobachtet gerne Menschen. Die jedoch ändern sich seiner Ansicht nach nie, ob im Dorf, in der Stadt oder in der Kunst.
Herr Hader, in Ihrem neuen Film geschehen an den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt Graz grauenhafte Dinge. Hat sich nie eine Tourismusbehörde bei Ihnen beschwert?
Ich glaube, die Tourismusleute sind sehr glücklich mit den Fernsehserien, die alles schön herzeigen. Der Kinofilm als solcher ist ihnen, glaube ich, nicht so wichtig, weil der ist in Österreich nicht so bedeutend. Sie haben weder versucht, uns mit Geld zu bestechen, noch haben sie sich je beschwert. Ich glaube, die registrieren uns gar nicht so richtig.
Wie stehen Sie eigentlich der Spezies Mensch gegenüber?
Es ist absolute Liebe, aber wenn man schreibt, besteht eine große Lust auch darin, sich das Ganze mit einem gewissen Abstand anzuschauen. Diese Lust zu beobachten, wie Menschen sich in extremen Situationen benehmen, ist der eines Insektenforschers nicht unähnlich.
Aber wie verträgt sich diese Liebe mit der Darstellung grauenhafter Kreaturen in Ihren Filmen und Kabarettprogrammen?
Ich glaube, dass jeder, der sich Abgründe in der Kunst anschaut, oder sie auch selbst fabriziert, damit seine Angst verarbeitet. Wir tun das ja nicht, weil wir diese Leute verachten. Aus irgendeinem Grund mögen wir es als Zuschauer gerne, die Ängste und die Enge der eigenen Existenz projiziert zu erleben. Im Idealfall beschert uns das eine gewisse Leichtigkeit.
Der von Ihnen gespielte Detektiv Brenner fällt einen Baum, der Baum kracht auf ein Auto, und der Zuschauer lacht sich halb tot. Ist Ihnen dieser Lacher nicht zu einfach?
Dieser nicht. Dieser Witz kann glaubhaft passieren, und er setzt organisch den Niedergang des Helden fort: Jetzt hat er nicht nur kein Geld, sondern weiß zusätzlich nicht, wie er die Reparatur des zerstörten Autos bezahlen soll. Es ist nicht aufgesetzt. Ich habe nur Probleme mit Witzen, die sich mit dem Tragischen nicht vertragen.
An der Grazer Universität haben Sie vor einiger Zeit zu Studenten gesagt: „Ich bitte Sie, von Künstlern und Politikern immer das Banalste anzunehmen, das stimmt meistens.“ Fußt diese Empfehlung auf Ihren Beobachtungen anderer Zeitgenossen, oder stammt sie aus Ihrem tiefsten Inneren?
Beides. Man hat als ganz junger Mensch eine völlige Geringschätzung von allem. Gleichzeitig, als Gegenseite dieser Medaille, hat man die Grunderwartung, dass es irgendwo anders zugehen würde als im Dorfwirtshaus. Die Wahrheit ist: es geht nirgends anders zu als im Dorfwirtshaus. Auch die Intellektuellen reden im Grunde mit anderen Worten dasselbe wie im Dorfwirtshaus.
Ist Landflucht also sinnlos?
Naja, ich zum Beispiel habe mich als Kind als Bauer auf dem Land nie wohlgefühlt. Ich mochte die Arbeit nicht, hatte immer eine Stauballergie, das Heu war eine Katastrophe für mich. Mein Vater war sehr arm dran mit mir, weil ich alles nur widerwillig gemacht habe. Mich haben als Kind Bücher über ferne Länder interessiert, zum Beispiel von Karl May. Und dann ist plötzlich eines Sonntags ein Schlagzeug bei uns in der Kirche gestanden. Da war rhythmische Messe von diesem katholischen Internat, das einen Werbesonntag in der Pfarre gemacht hat. Am Nachmittag hat das Internat einen bunten Abend im Wirtshaus veranstaltet, mit Sketchen und einer Band mit E-Gitarren und Hammondorgel. Da habe ich gesagt: Ich möchte dorthin, wo das passiert.
Und dann?
Dann kommt man mit hohen Erwartungen ins Internat und denkt, man wird dort weniger verdroschen als in der Volksschule. Aber man wird genauso verdroschen. Später im Leben lernt man vielleicht am Zauberort Wien Personen kennen, die man aus dem Fernsehen kennt, und denkt, es wird anders als im Dorfwirtshaus. Aber es ist nie anders als im Dorfwirtshaus.