So viel Enthusiasmus bei ihren Schülern hat Anke Krohn selten erlebt. Als Schulleiterin der Joseph-Haydn-Schule in Rohrau verlegte sie das Klassenzimmer in der Projektwoche vor den Ferien ins Freie. Genauer: In den nahe gelegenen Schönbuch, an dessen Trauf sich der Gärtringer Teilort schmiegt. „Die Schüler waren völlig begeistert“, sagt sie. Der Grund für den Unterricht im Grünen liegt in der Zertifizierung als Naturpark-Schule, die es anlässlich des Schulfests nach Jahren der Vorarbeit endlich gab.
Die Idee dazu entstand bereits im Corona-Jahr 2020, doch die Pandemie machte einen normalen Unterricht streckenweise unmöglich und schob andererseits das Projekt erst einmal beiseite. „Im Jahr 2022 haben wir das Vorhaben auf der Gesamtlehrerkonferenz vorgestellt, und die Rückmeldungen aus dem Kollegium waren sehr positiv“, sagt Krohn. So kam der Stein ins Rollen und im Jahr 2023 unterzeichnete sie im Gärtringer Gemeinderat den Kooperationsvertrag mit dem Naturpark Schönbuch.
Mehr als eine Formalität
Rohrau war damit die dritte Schule im Landkreis, die sich als Naturpark-Schule zertifizieren lassen wollte. Zuvor hatten schon die Oskar-Schwenk-Schule in Waldenbuch und die Gemeinschaftschule in Weil im Schönbuch diesen Weg beschritten. Denn das Zertifikat ist bei Weitem nicht nur eine Formalie. Bis es verliehen wird, sind an den jeweiligen Bildungseinrichtungen viele Vorarbeiten nötig: das Kollegium und die Eltern müssen überzeugt und Kooperationspartner ins Boot geholt werden.
Idee fiel auf fruchtbaren Boden
In Rohrau fiel die Idee allerdings auf fruchtbaren Boden. Anke Krohn: „Alle im Arbeitskreis waren wahnsinnig engagiert.“ So seien viele Ideen entstanden und heraus kam ein buntes Programm für die Schüler. Am ersten Tag ging es für sie im Schönbuch zunächst um die Verhaltensregeln im Wald, dann aber durften die Grundschüler selbst Hand anlegen. „Uns war es ganz wichtig, dass wir das Schulhaus verlassen und den Stoff anfass- und erlebbar machen“, sagt die Schulleiterin. Das eigentliche Highlight sei aber ein anderes gewesen.
Das Ministerium für ländlichen Raum unterstützte das Projekt mit Fördergeld, von dem eine mobile Kochschule finanziert werden konnte. So kam für die Aktionswoche ein Bus auf den Schulhof gefahren, in dessen Inneren sich eine Küchenzeile verbarg. Geschulte Mitarbeiter der Naturpark Kochschule brachten den Kindern das Kochen mit regionalen Lebensmitteln näher.
Selbst Rettich und Gurken eingelegt
Feuer und Tierspuren
An Bord der Küche auf Rädern war das Team der Familienwerkstatt Rausch aus Schallstadt, das sich auf die Ernährungsbildung von Kindern spezialisiert hat. Sie legten gemeinsam mit den Kindern Rettich und Gurken ein und machten ihn somit haltbar, buken Linsenplätzchen mit Käse aus Weil im Schönbuch und stellten selbst Ketchup her – ohne Zucker und stattdessen nur mit süßenden Früchten.
„Dass bei der Projektwoche der Fokus auf Ernährung lag, kam bei den Kindern gut an“, sagt Juliane Goerke, die das Projekt von Seite des Naturparks betreut, man wäre aber nicht darauf festgelegt.
Die Schulen können aus einem Angebot an Modulen wählen, die mit externen Partnern erarbeitet wurden. Goerke: „Die Schönbuchschule in Hildrizhausen etwa wird sich das Thema Wasser vornehmen, da in der Nähe der Schule die Würm ihre Quelle hat.“ Andere, wie etwa die Oskar-Schwenk-Schule in Waldenbuch, hätten den Wald genauer unter die Lupe genommen, selbst Feuer gemacht und Tierspuren gesucht.
„Den Stoff so zu vermitteln, trifft bei den Kindern auf große Begeisterung“, sagt Juliane Goerke. „Wir wollen zum Beispiel in Mathematik mal einen Baum vermessen oder auch fächerübergreifend arbeiten.“ In Rohrau steht im kommenden Jahr der Sand auf dem Programm. Oberhalb des Ortes wurde bis in die 1950er-Jahre Sand abgebaut, aus einem Steinbruch mit sogenanntem Stubensandstein. Dieser wurde im Ort zu feinem Scheuersand gemahlen, die historische Sandmühle im Ort erzählt davon noch heute.
In 2025 steht Sand auf dem Lehrplan
„Die Kinder sollen zunächst den historischen Steinbruch im Wald besichtigen und dürfen dann selbst den Sand fein sieben und im dritten Schritt damit alte Messing- oder Silbergegenstände scheuern“, sagt Goerke zu den Überlegungen für das kommende Schuljahr. So werde die Geschichte des Ortes in den Händen der Kinder lebendig und trockener Schulstoff spielerisch vermittelt. Ein Ansatz, der weiter Schule machen soll: Der Naturpark will seine Kooperationen nach Möglichkeit ausweiten.
Naturpark-Schule
Insgesamt drei
Naturpark-Schulen im und um den Schönbuch existierten bereits: die Oskar-Schwenk-Schule in Waldenbuch, die Gemeinschaftsschule Weil im Schönbuch und seit Kurzem die Joseph-Haydn-Schule Rohrau.
Aspiranten
auf diesen Titel sind die beiden Schönbuchschulen in Hildrizhausen und Dettenhausen (Kreis Tübingen).
Das Programm
ist auf fünf Jahre angelegt mit wechselnden Modulen je Schuljahr, für die externe Partner unterstützen.
Fördergelder
für das Projekt kommen vom Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg, der Lotterie Glücksspirale und der Europäischen Union.