Journalisten in der Ukraine Nichts ist planbar

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Unser Politik-Redakteur Knut Krohn ist in die Ukraine gereist, um von dort für die Stuttgarter Zeitung zu berichten. Was ein Journalist in so einer Extremsituation erlebt, ist bewegend, berichtet er.

Einige Hundert Protestler besetzen noch immer den Maidan, machen mit Plakaten auf sich aufmerksam. Foto: Knut Krohn
Einige Hundert Protestler besetzen noch immer den Maidan, machen mit Plakaten auf sich aufmerksam. Foto: Knut Krohn

Kiew - Wie fühlt man sich, wenn man in ein Krisengebiet reist? Vorher schlecht, wenn man mitten drin ist macht man seinen Job und wieder zuhause angekommen wähnt man sich im falschen Film. Das Schwierige ist nicht das Wegfahren, sondern das Zurückkommen.

Ein zentrales Problem an solch einer Reise ist: viele Dinge sind nicht planbar. Die Situation vor Ort verändert sich fast stündlich. Wo am Morgen noch Granaten einschlugen, herrscht jetzt Ruhe. Oder wenn die EU Sanktionen gegen Russland verhängt, wird für einen Journalisten aus dem Westen die Lage in den Gebieten der Separatisten unangenehm. Also: flexibel bleiben.

Nur der Flug war gebucht

Im Fall der Recherche im Osten der Ukraine heißt das: der Flug nach Kiew und die erste Nacht im Hotel waren gebucht. Danach stand eine große Unbekannte. Natürlich versucht man vorab so viel zu klären wie möglich, doch ist das in Zeiten des Krieges nicht immer möglich. So hatte ich geplant, an die russische Grenze nach Lugansk zu fahren, wo ich eine Familie treffen wollte, um über sie eine Reportage zu schreiben. Allerdings waren bei meiner Ankunft in der Ukraine die Kämpfe so heftig, dass es zu gefährlich gewesen wäre, sich dorthin auf den Weg zu machen. So saß ich in meinem Hotelzimmer in Kiew und

Knut Krohn Foto: Achim Zweygarth
musste Lugansk aus dem Reiseplan streichen. Nächster Plan: Donezk, die Millionenstadt in der Ostukraine, wohin sich die pro-russischen Separatisten zurückgezogen hatten. Doch der Kauf einer Fahrkarte nach Donzek scheiterte – an dem Morgen, an dem ich von Kiew aus losfahren wollte, hatte die ukrainische Armee in einem Vorort einen Bahnhof bombardiert und die Züge kamen nicht weiter. Also umplanen.

Neues Ziel: Slawiansk. Die Stadt in der Nähe von Donezk war vier Monate lang von den Separatisten besetzt und dann von der Armee wieder zurückerobert worden. Alle meine Informationen besagten, dass es dort relativ ruhig und sicher sein würde. Das heißt: Zug nach Charkow und weiter mit dem Bus. In Slawiansk erwartete mich eine traumatisierte Stadt. Niemand wollte über die Zeit der Belagerung durch die Separatisten reden. Jeder war einfach nur froh, dass der Schrecken vorbei war. Kriegsschäden waren erstaunlich wenige zu sehen. In einige Hausdächer waren Granaten eingeschlagen. Die Bewohner erzählten mir, dass der Beschuss eher die Wohnblöcke am Stadtrand getroffen habe.

Wie weit kann ich gehen?

Slawiansk sollte aber nicht die Endstation sein. Ein Mann wollte mich in seinem Auto weiter in Richtung in Richtung Donezk mitnehmen. Bald schon mussten wir in einem Dorf einen Checkpoint der ukrainischen Armee passieren, was kein Problem war. Ein Soldat erklärte, dass im nächsten Dorf die Separatisten das Sagen hätten. Die Frage, die sich in solch einer Situation stellt, ist: Wie weit kann ich gehen, ohne mich in allzu große Gefahr zu begeben? Die Grenze zwischen Mut und Übermut ist in solchen Situationen sehr schmal.

Am Checkpoint der Separatisten dann ein kurzes Gespräch mit einigen ziemlich wild aussehenden Männern – und weiter ging die Reise. Doch schon im nächsten Dorf wartete der nächste Kontrollpunkt. Hier machten die Separatisten einen weniger vertrauenswürdigen Eindruck. Ihr Kommandant, ein offensichtlich selbstherrlicher Choleriker, wollte dem Journalisten aus dem Westen wohl zeigen, wer in seinem Revier das Sagen hat. Mein Fahrer raunte mir zu, dass wir nun wohl eher den Rückzug antreten sollten. Also noch ein paar möglichst freundliche Worte, ins Auto gestiegen und wieder zurück in Richtung Charkow.

Auf dem Weg dorthin erhielt ich eine SMS von einem Kollegen, dass der Zug mit den Toten des Flugzeugabsturzes MH17 in Charkow ankommen wird. Dort würden sie dann in ein Flugzeug umgeladen, das die Opfer zur Identifizierung in die Niederlande fliegen würde. Das heißt, ich musste mich beeilen.

Zurück in Deutschland kommt die Befremdung

Gerade noch rechtzeitig kam ich in Charkow an. Die Ermittler aus Malaysia standen am Bahnhof und warteten. Eine gute Gelegenheit für Interviews. Am Nachmittag dann eine Pressekonferenz der OECD in einem Luxushotel in der Stadtmitte. Eine skurrile Situation – inmitten dieses Luxus reden wir über den Krieg und das Verladen von Dutzenden von Leichen.

Zwei Tage später geht es dann wieder zurück nach Kiew und von dort nach Deutschland. Das erste, was ich am Bahnhof sehe sind S-21-Demonstranten. Ich muss stehen bleiben und sehr lange die Szene betrachten. Ich merke, dass mein Kopf noch tief in der Ukraine ist, bei den traumatisierten Menschen in Slawiansk, bei dem Soldaten, der mir von seinem in Stücke zerrissenen Kameraden erzählte, bei den Aktivisten auf dem Maidan, die mir die blutigen Kleidungsstücke ihrer Freunde zeigten, die während der Proteste erschossen wurden. Ich stehe noch eine Weile auf den Treppen des Bahnhofs, dann gehe ich weiter und versuche, an nichts mehr zu denken.

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