Der US-Dokumentarfilmer Matt Sarnecki beleuchtet in „Tödliche Recherchen – Der Mord an Jan Kuciak“ auf Arte die mafiösen Zustände in der Slowakei des Jahres 2018.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Wenn in rechtsstaatlichen Demokratien investigative Journalisten ermordet werden, steht nicht nur die Meinungsfreiheit auf dem Spiel – meist sind solche Verbrechen ein Indiz dafür, dass generell was faul ist im Staat. 2017 wurde die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch eine Autobombe getötet; sie hatte Verbindungen hergestellt zwischen Finanzdelikten aus den Panama Papers und dem maltesischen Ministerpräsidenten Joseph Muscat.

2018 traf es in der Slowakei den investigativen Journalisten Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova. Sie wurden ermordet, weil Kuciak mafiöse Strukturen zwischen Oligarchen und Spitzenpolitikern offenlegte. Diesem Verbrechen widmet sich der US-Dokumentarfilmer Matt Sarnecki in seinem Werk „Tödliche Recherchen – Der Fall Jan Kuciak“, das nun bei Arte zu sehen ist.

Sarnecki setzt das Recherche-Mosaik zusammen

Sarnecki rekonstruiert Kuciaks Recherche-Mosaik mithilfe von dessen Kollegen. Stück für Stück offenbaren sie das Regime um den Geschäftsmann Marian Kocner und den damaligen Ministerpräsidenten Robert Fico, der seit 2006 an der Macht war.

Jan Kuciak habe die Geldströme lesen können wie niemand sonst, „er sah die Geschichte in den Zahlen“, sagt die Journalistin Pavla Holcova. „Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass Marian Kocner den Mord angeordnet hat.“ Der Soziologe Michal Vasecka erklärt: „Kocner war in jeden politischen Skandal verwickelt.“ Die Oligarchen hätten „das Land systematisch unter ihre Kontrolle gebracht“, politische Parteien gegründet und „politische Marionetten“ installiert. „Er war gefährlich, man wollte nicht mit ihm reden“, sagt die Journalistin Monika Tiodiova über Kocner, der zu sehen ist, wie er sie bei einer Pressekonferenz frontal angreift. „Lange Zeit war er unantastbar.“

Die Zivilgesellschaft geht auf die Barrikaden

Als Kuciak und Holcova belegen können, dass die Regierung Fico mit der italienischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta verstrickt ist, wird Kuciak umgebracht. In einer absurden Szene steht Ministerpräsident Fico vor einem Tisch, auf dem eine Million Euro in Geldscheinbündeln liegt – die er als Belohnung für Informationen zum Mord anpreist. „Wir waren entsetzt, haben aber auch gelacht“, sagt Vasecka. „Niemand hat dieser Regierung mehr geglaubt, und die Wut der Bevölkerung wurde immer größer – die Täter haben die slowakische Zivilgesellschaft unterschätzt.“

Zehntausende demonstrieren, Fico und seine Getreuen müssen zurücktreten und werden ebenso wegen organisierter Kriminalität angeklagt wie Kocner und seine Handlanger, darunter die bald gefassten Mörder. Sarnecki illustriert ihre Ergreifung und den Prozess mit polizeilichem Beweismaterial, das slowakischen Journalisten zugespielt wurde.

„Die wahren Helden sind Kuciaks Kolleginnen und Kollegen“

„Das waren 70 Terabyte, wir haben Monate gebraucht, es überhaupt zu sortieren“, sagt Sarnecki im Interview beim Kongress Dokville im Juni in Stuttgart. „Ich bin hier aber nicht der Mutige, als ich dazukam, saß der Drahtzieher ja schon hinter Gittern. Die wirklichen Helden sind die Journalistinnen und Journalisten, die mit Jan Kuciak gearbeitet und ihre Informationen mit mir geteilt haben.“ Darunter sind Verhöre, Zehntausende Handynachrichten, Material von Überwachungskameras und ein Video der Polizei, die mit dem geständigen Täter am Tatort den Mord nachstellt. Sarneckis Montage ist atemberaubend wie ein Krimi, er zeigt aus der Nähe, wie investigativer Journalismus funktioniert.

Direkt gefährdet fühlt er sich nicht. „Ich sage meinen Eltern immer: Ich stehe vielleicht an zehnter Stelle. Wenn jemand nicht gewollt hätte, dass diese Geschichte publik wird, wären sie zuerst auf Pavla und die anderen losgegangen.“ 2016 in der Ukraine sei das anders gewesen. Da untersuchte Sarnecki den Mord an dem weißrussischen Journalisten Pavel Scheremet, einem scharfen Korruptionskritiker, der die Regierungen in Minsk, Moskau und Kiew vor sich hertrieb: „Das war viel gefährlicher, da war ich mittendrin in den Mordermittlungen“, sagt Sarnecki. „Und bis heute ist niemand gefasst, angeklagt oder der Tat überführt worden. Da könnten Geheimdienste verwickelt sein.“

Sarnecki möchte nicht mehr über tote Journalisten berichten

„Killing Pavel“ heißt der Film, bei dem er viel gelernt habe für den Fall Kuciak. Nun möchte Sarnecki keinen Film mehr über tote Journalisten machen – „weil es mir emotional zu hart wäre, noch einmal so tief in so eine Geschichte einzutauchen“. In „Tödliche Recherchen“ sind die fassungslosen Eltern der Opfer zu sehen, die die Welt nicht mehr verstehen: „Sie wollten heiraten“, sagt Jan Kuciaks Vater. „Stattdessen hatten wir jetzt eine Beerdigung.“

Matt Sarnecki arbeitet für das Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) in Bukarest. Rumänisch lernte er schon als Student, als ihn ein Auslandsaufenthalt mit dem Peace Corps schon einmal dorthin verschlug. Eine bulgarische Professorin vermittelte ihm dann den Kontakt zum OCCRP. „Niemand hätte es für möglich gehalten, dass in einem Land der Europäischen Union solche Zustände herrschen könnten“, sagt er, „vor allem in einem, das als wirtschaftliches Musterland galt. Das hat mich an dieser Geschichte so gepackt: Während wir den Mord untersucht haben, haben wir auch ans Licht gefördert, was hinter der scheinbar perfekten Kulisse vor sich ging.“