Kurt Kurz ist am 18. November 1918 geboren und hat jetzt seinen hundertsten Geburtstag mit den Turnkameraden des VfL Waiblingen gefeiert.

Geburtstag - Wenn das Wort „Fahrrad“ fällt, dann funkeln die knitzen Augen von Kurt Kurz. Am Sonntag ist er 100 Jahre alt geworden, bis vor ein paar Monaten war er in Waiblingen noch mit seinem Herrenfahrrad unterwegs. Etliche Kilometer sind so jedes Jahr zusammengekommen Jetzt sei er aber doch so „wackelig geworden“, dass seine Tochter Helga die Zeit gekommen sehe, sein Fahrrad in den Keller zu stellen. „Er will halt partout mit einem Herrenfahrrad fahren, ein Damenfahrrad ohne Mittelstange akzeptiert er nicht“, erzählt sie, und ihr Vater lacht bestätigend dazu. Man muss laut reden, damit Kurt Kurz der Unterhaltung folgen kann. Auf Hilfsmittel greift er ungern beziehungsweise gar nicht zurück. In seiner Wohnung ist er langsam, aber ohne Stock unterwegs. Ein Hörgerät gibt es, aber es liegt in der Schublade. Er lächelt und sitzt entspannt am Tisch in seinem Wohnzimmer, dessen Möblierung noch die Sprache der 1950er Jahre spricht.

Mit fünf Geschwistern in Stuttgart aufgewachsen

Kurt Kurz ist in eine bewegte Zeit hineingeboren worden – der Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges war ein paar Tage alt, das Frauenwahlrecht auf den Weg gebracht. Er ist in Bad Cannstatt zusammen mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Bruder Adolf ist im Krieg gefallen, eine Schwester lebt heute noch in Frankfurt. Der Vater ist früh verstorben, die Mutter musste die sechs Kinder alleine groß ziehen. Da war Einfallsreichtum für die Gestaltung der Freizeit gefragt. „Wir hatten einen extra Eingang in die Wilhelma“, schmunzelt Kurt Kurz lausbübisch und deutet an, dass sie beim Rosensteinpark ein Schlupfloch gefunden hatten, um ohne Eintritt in den Zoologischen Garten zu gelangen. „Löwen, Seelöwen, Giraffen und ganz viele Vögel“, hätten sie dort bewundert. Auch das Baden im Neckar gehört zu seinen Kindheitserinnerungen. „Wir sind von der Brücke unten beim Kanal reingesprungen.“

Aber der Ernst des Lebens hat auch ihn eingeholt. Kurz hat Bäcker gelernt, was ihn nicht vor dem Arbeitsdienst bewahrte - „vom Anfang des Krieges bis zum Ende“. Er erinnert sich an alles – an die fünf Jahre in der Tundra in Norwegen, wo er als Sanitäter eingesetzt war und die Lappen versorgt hat. Als er zurückkam gab es für ihn keine Arbeit als Bäcker. „Geh´ zur Polizei“, habe man ihm geraten. Er wurde genommen und hat sich für Waiblingen entschieden – „weil es da au was zom Esse gebe hot.“

Seit 1946 beim VfL Waiblingen

Das Fahrrad hatte Kurz schon damals als Fortbewegungsmittel und Sportgerät für sich entdeckt. Als Mitglied im Radfahrverein Stuttgardia in Stuttgart hat er Mannschafts-, Bahn- und Einzelrennen gefahren. Mit seinem legendären Herrenfahrrad fuhr er nach Norwegen, um sich auf die Spuren seiner Zeit im Arbeitslager zu begeben. Dennoch – die Kriegszeit kommt in seinen Erzählungen so gut wie nicht vor. 1946 ist er in den VFL Waiblingen eingetreten und gehört zu den Gründungsmitgliedern der „Heinrich-Arnold-Riege“, einer Männerturn- und Gymnastikgruppe im VFL. Jeden Freitagabend haben sie sich zum Prell- und Faustballspiel getroffen. Die beiden kleinen Finger von Kurt Kurz stehen krumm nach außen ab. „Des kommt drvo“, lacht er und erzählt, dass er bis Anfang des Jahres auch treuer Mitturner bei den VFL Unruheständlern war. Die Seniorengruppe trifft sich zweimal in der Woche in der VFL-Halle an der Rems zur Gymnastik. Für Kurt Kurz war es Ehrensache, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Jetzt steht ein Hometrainer bei ihm im Wohnzimmer. Er liebt ihn nicht und bringt das mit einer abwertenden Handbewegung zum Ausdruck.

Er habe immer sehr diszipliniert, genügsam und gesund gelebt, sagt Tochter Gerda, „mit Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten“. Bereits vor 40 Jahren ist Kurt Kurz Witwer geworden und hat sich nach dem Tod seiner Frau Hedwig immer selbst versorgt. Vor sieben Jahren zog die einzige Tochter von Stuttgart zu ihm ins Haus, dennoch lebt der Jubilar weiter in seiner eigenen Wohnung.

Kurt Kurz hat drei Enkel und fünf Urenkel. Seinen Geburtstag hat er am Sonntag im Kreis seiner Turnkameraden im VFL-Heim gefeiert. Er ist ein Gentlemen der alten Schule, bis heute hilft er Damen in den Mantel.