Nazijäger aus Ludwigsburg Eingebrannt in die deutsche DNA

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Die Zentrale Stelle feiert ihr 60-jähriges Bestehen – und allein das ist eine kleine Sensation. Die Nazijäger aus Ludwigsburg haben sich große Verdienste um die Demokratie erworben und sind dennoch oft gescheitert. Sie werden weitermachen – bis nichts mehr geht.

Das Foto des Frauengefängnisses in Ludwigsburg wurde  1953 aufgenommen, 1966 zog die Zentrale Stelle in das Gebäude an der Schorndorfer Straße. Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke. Foto:   6 Bilder
Das Foto des Frauengefängnisses in Ludwigsburg wurde 1953 aufgenommen, 1966 zog die Zentrale Stelle in das Gebäude an der Schorndorfer Straße. Klicken Sie sich durch die Bilderstrecke. Foto:  

Ludwigsburg - Der baden-württembergische Justizminister wird die Ansprache halten, der Präsident des Landesarchivs einige Worte sagen, natürlich spricht auch Jens Rommel, der Gastgeber. Ganz sicher werden die Redner lobende Worte verlieren über die einzige Behörde des Landes, die weltweit bekannt ist, in Südamerika oder Osteuropa vielleicht sogar bekannter als in Deutschland. Trotz des sperrigen Namens: Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Berühmt geworden ist sie unter der Abkürzung Zentrale Stelle – oder, noch einfacher, als Zentralstelle. Für die Mitarbeiter fand sich ebenfalls ein prägnanter Begriff: Nazijäger.

Gefeiert wird an diesem Montag der 60. Geburtstag der Zentralstelle, und allein das ist ein Erfolg. Niemand hätte am 1. Dezember 1958, am Tag der Gründung, gedacht, dass diese Behörde lange existieren würde. Und dass sie einmal im Mittelpunkt eines Festakts stehen würde, war damals ebenfalls undenkbar. Es war eine andere Zeit.

Warum Ludwigsburg?

Dass die Zentrale Stelle in die Barockstadt gelegt wurde, ist reiner Zufall. Der damalige baden-württembergische Justizminister Wolfgang Haußmann hatte die Gründung einer solchen Einrichtung angeregt – als Reaktion auf den Ulmer Einsatzgruppen-Prozess von 1957, in dem überdeutlich geworden war, dass viele NS-Verbrecher noch frei herumlaufen. Das Verfahren hatte im In- und Ausland Aufsehen erregt, und die Gründung der Zentralstelle war unter anderem dem Druck geschuldet, etwas unternehmen zu müssen. „Sie war damit auch ein Aushängeschild des guten Willens“, sagt die Autorin Kerstin Hofmann, die ein Buch über die Anfangsjahre der Behörde geschrieben hat.

Die Justizminister in Deutschland knüpften ihre Zustimmung zu Haußmanns Vorschlag an die Bedingung, dass die Behörde in Baden-Württemberg installiert wird. Es wurde Ludwigsburg, weil dort, im alten Frauengefängnis an der Schorndorfer Straße, Räume leer standen, die dem Land gehörten. Es musste also nur wenig Geld in die Hand genommen werden.

Freund und Feind

„Die Zentrale Stelle wurde als temporäre Einrichtung gegründet“, sagt Hofmann. „Man dachte, innerhalb von zwei Jahren sei alles erledigt, alles ermittelt, seien alle Verbrechen aufgedeckt.“ Welch ein Irrtum, aber in den 1950er Jahren dominierte in Deutschland die Schlussstrich-Mentalität. Die Bevölkerung wollte das Dritte Reich hinter sich lassen, die wirtschaftliche Erholung stand im Vordergrund. Nazijäger störten da nur, sie galten als Nestbeschmutzer – so jedenfalls sahen es viele, auch in Ludwigsburg.

Einige Anekdoten sind überliefert. „Wenn Besucher mit dem Taxi zur Zentralstelle wollten, weigerten sich die Taxifahrer, sie zu befördern“, berichtet Hans Pöschko, der Vorsitzende des Fördervereins der Zentralstelle. Und wenn die Nazijäger in der Stadt eine Wohnung mieten wollten, verschwiegen sie besser, wo sie arbeiteten. Berüchtigt geworden ist die Aussage des Oberbürgermeisters Anton Sauer in einem Fernsehinterview: „Sowohl im Ausland als auch im Inland hat diese Stelle doch sicher einen bestimmten Geruch. Der uns natürlich als Stadt anhaftet.“

Die Nazijäger

Staatsanwaltschaften ermitteln, wenn ein Verdächtiger aus ihrem Bezirk stammt oder ein Verbrechen in diesem Bezirk stattgefunden hat. Für die im Ausland begangenen Verbrechen der Nationalsozialisten traf Letzteres nicht zu, und die meisten Täter waren unbekannt. Diese Lücke schließt die Zentrale Stelle. Sie sucht aktiv nach Verdächtigen, unabhängig von Tatorten. Sie sei damit eine in der Justiz einmalige Einrichtung in Deutschland, wenn nicht weltweit, sagt Jens Rommel, der die Behörde seit drei Jahren leitet. Die Ermittler durchforsten Archive auf der ganzen Welt, werten Akten aus, recherchieren.

Anfangs verfügte die Zentralstelle über nur zehn Ermittler: Richter, Staatsanwälte, Polizeibeamte, die für eine gewisse Zeit nach Ludwigsburg abgestellt wurden. Aber schon 1966 zog man in ein größeres Gebäude des ehemaligen Gefängnisses, und die Zahl der Mitarbeiter stieg langsam auf rund 120 an. Aktuell sind es 21 Mitarbeiter, darunter acht Ermittler. Die Zentralkartei umfasst mehr als 1,7 Millionen Karteikarten zu Personen und Tatorten. Seit ihrer Gründung hat die Stelle mehr als 7600 Vorermittlungen geführt, die in unzählige Prozesse gegen nationalsozialistische Verbrecher mündeten. Weitere werden folgen.

Ein Nazi jagt Nazis?

Bis heute umstritten ist die Rolle von Erwin Schüle, dem ersten Leiter der Zentralstelle. Der Jurist hatte sich als Anklagevertreter beim Ulmer Einsatzgruppenprozess Verdienste erworben, aber dunkelbraune Flecken in seiner Biografie: Er war im Dritten Reich Mitglied der NSDAP gewesen. Dessen ungeachtet wurde er nach Ludwigsburg und zum obersten Nazijäger befördert, und in ihrem Buch beurteilt Kerstin Hofmann sein Wirken vergleichsweise positiv. „Ohne ihn gäbe es die Zentralstelle nicht“, sagt sie.

Schüle hat die Behörde aufgebaut, Strukturen geschaffen und Arbeitsweisen festgelegt – und nicht zuletzt ein dichtes Netz an Kontakten geknüpft, das für die Ermittler unerlässlich war. Auch hat er sich durchaus kritisch mit seiner Nazivergangenheit auseindergesetzt. „Wir waren damals alle zu feige“, sagte er über die Deutschen und schloss sich selbst mit ein. Aber er hat nie eingesehen, dass seine Vergangenheit ein Problem für die Zentralstelle sein könnte. Schüle wurde dann selbst zum Problem. Die DDR wusste um seinen Makel und machte 1965 seine NSDAP-Mitgliedschaft öffentlich, es war ein Propagandacoup. Als Leiter der Zentralstelle war Schüle danach nicht mehr zu halten. Karriere machte er trotzdem und wurde später Generalstaatsanwalt.

Sein Nachfolger in Ludwigsburg, Adalbert Rückerl, durfte der Zentralstelle von 1966 an seinen Stempel aufdrücken. Wollte Schüle vor allem Straftaten aufklären und Täter vor Gericht bringen, verstand sich Rückerl auch als Aufklärer. Er rückte die Arbeit seiner Behörde bewusst in den Fokus der Öffentlichkeit.

Die spektakulärsten Fälle

Die berühmten Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main waren 1963 auf Initiative des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zustande gekommen, wären aber ohne die Vorarbeit in Ludwigsburg nicht denkbar gewesen. Zahlreiche ehemalige Mitarbeiter des Konzentrationslagers wurden verurteilt, darunter Robert Mulka, der Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß, oder Wilhelm Boger, der in Auschwitz Häftlinge gefoltert und nach dem Krieg lange unbehelligt in Zuffenhausen gelebt hat. Auch zu Josef Schwammberger besorgte die Zentralstelle entscheidende Informationen. Der Ghetto- und Lagerkommandant hatte gemordet und gefoltert, und das teils mit Vergnügen.

Der Staatsanwalt Kurt Schrimm übernahm 1991 das Verfahren vor dem Stuttgarter Landgericht, in dem Schwammberger wegen Mordes und Beihilfe lebenslänglich bekam. Schrimm wiederum wurde im Jahr 2000 Leiter der Zentralen Stelle und modernisierte die zu diesem Zeitpunkt eher verstaubte Behörde. Es war still um die Fahnder geworden.

Das änderte sich 2008, als Thomas Walther, ein renommierter Jurist und Ermittler der Zentralen Stelle, seine Recherchen über den KZ-Wachmann John Demjanjuk an die Münchner Staatsanwaltschaft aushändigte, ein Wendepunkt. 1969 hatte der Bundesgerichtshof bestimmt, dass potenziellen NS-Verbrechern konkrete Taten nachgewiesen werden müssen. Diese Rechtsauffassung wurde jahrzehntelang nicht hinterfragt, hat die Aufarbeitung extrem erschwert und die Zentrale Stelle zeitweise gelähmt. Mit dem Fall Demjanjuk stand man in Ludwigsburg daher auf verlorenem Posten, denn auch ihm konnten keine individuellen Taten zugeschrieben werden. Das Urteil vom 12. Mai 2011 war eine Sensation: fünf Jahre Freiheitsstrafe – nicht, weil Demjanjuk selbst gemordet hatte, sondern weil er als „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ Beihilfe zum Mord an 28 060 Menschen geleistet hatte.

Das Urteil wurde zwar nie rechtskräftig, weil Demjanjuk starb, aber die neue Rechtsauffassung setzte sich durch und wurde 2015 im Prozess gegen den Auschwitz-Wachmann Oskar Gröning höchstinstanzlich vom Bundesgerichtshof bestätigt. Die Zentrale Stelle hat seit dem Demjanjuk-Urteil neben dem Prozess gegen Gröning viele weitere Prozesse gegen ehemalige SS-Männer initiiert. Fünf Verfahren sind zurzeit anhängig, die auf Ermittlungen in Ludwigsburg fußen.

Der größte Fehler

Die Experten sind sich weitgehend einig: „Es war der Kardinalfehler, die Zentralstelle nicht mit den Kompetenzen einer Staatsanwaltschaft auszustatten“, sagt Kerstin Hofmann. Die Aufgabe der Behörde beschränkt sich auf die Recherche. Anklagen darf sie nicht – sie muss ihre Ergebnisse stets an Staatsanwaltschaften weiterreichen und hat danach keinen Einfluss mehr auf den Lauf der Dinge. Die Staatsanwaltschaften müssen dann ermitteln, prüfen, recherchieren, aber oft fehlt ihnen das Fachwissen, das in Ludwigsburg vorhanden ist. Und manchmal, so Hofmann, habe sicher auch der Wille gefehlt, die lange zurückliegenden Verbrechen aufzuarbeiten.

„Immerhin ein Versuch“ lautet der Titel von Hofmanns Buch, der die Ambivalenz gut zusammenfasst. Trotz der unbestreitbaren Leistungen der Zentralstelle, trotz des Engagements war bei der Fahndung nach NS-Verbrechern auf vielen Ebenen in Deutschland Sand im Getriebe. „Viele Täter sind zu billig weggekommen“, so Pöschko.

Die Zukunft

Die Täter von damals sind heute meist mindestens 90 Jahre alt, eher älter. Aber Mord verjährt nicht, und deshalb macht die Zentrale Stelle weiter – so lange, bis keine Chance mehr besteht, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Was danach passiert, ist nur in groben Zügen bekannt.

Das Gebäude soll als Ort des Gedenkens, der Mahnung, der Aufklärung und der Forschung dienen und zu einem Dokumentations- und Informationszentrum umgewandelt werden. Wo jetzt Fahnder sitzen, werden dann Forscher sitzen, aber die Zentrale Stelle wird der Stadt, wenn auch in anderer Form, erhalten bleiben. Inzwischen ist das längst ein Grund zur Freude. „Die Zentrale Stelle ist ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der Ludwigsburger Stadtarchivar Simon Karzel. Trotz aller Schwierigkeiten und Versäumnisse: Dass ein Staat sich derart intensiv mit den Verbrechen der Vergangenheit auseinandersetze, sei beachtlich. „Diese Auseinandersetzung ist Teil der bundesdeutschen DNA“, sagt Karzel. „Und damit ist auch die Zentrale Stelle ein Teil dieser DNA.“ Ludwigsburg könne froh sein, dass es diese Behörde gibt. Die Zeiten – ja, sie haben sich geändert.




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