30 Jahre Nirvana „Nevermind“ Das Album, das Nirvana zu Grunge-Superstars machte

Posterboys des Grunge: Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselic (von links) kurz vor der Veröffentlichung von „Nevermind“ Foto: imago/Future Image/Rudi Keuntje

Am 24. September 1991 erscheint das Album „Nevermind“. Es liefert den Soundtrack einer Generation und macht Nirvana zu den Posterboys des Grunge. Hinter den Reglern sitzt damals Butch Vig. 30 Jahre später erinnert sich der Produzent an die Nachwirkungen dieser denkwürdigen Platte.

Stuttgart - In den frühen Neunzigern tut sich etwas in Seattle im pazifischen Nordwesten der USA. Als Gegenreaktion auf die überproduzierten, glatten Heavy-Metal- und Glam-Rock-Alben der Achtziger blubbert eine neue Ursuppe im Akkord neue Bands an die Oberfläche. Sie alle spielen etwas, das später mehr oder weniger glücklich als Grunge bezeichnet werden soll: Bewusst rohe, unpolierte Rockmusik mit Punk-Ethos und Independent-Charakter, gespielt von Typen in zerschlissenen Jeans und weiten Flanellhemden, die sich existenzielle, gesellschaftskritische, von Themen wie Angst oder Depressionen beherrschte Texte von der Seele schreiben.

 

Der Sound aus Seattle sollte das nächste große Ding werden

Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Alice In Chains könnten zu diesem Zeitpunkt nicht weiter von Mötley Crüe oder Guns N’Roses entfernt sein. Auch ein unscheinbares Trio namens Nirvana zählt zu diesem Insiderzirkel. Das erste Album „Bleach“ erscheint 1989, hörbar geprägt von den Melvins und der Schwere Black Sabbaths. Obwohl es allerhöchstens ein moderater Achtungserfolg ist, steht die Band um Sänger Kurt Cobain bald darauf im Zentrum eines regelrechten Ringens. Mehr und mehr große Plattenfirmen spüren, dass dieser neue Sound aus Seattle das nächste große Ding sein könnte.

Die Band wurde bereits mit den Beatles verglichen

Nirvana, damals noch nicht mit Dave Grohl an den Drums, unterschreiben bei DCG Records, einer Plattenfirma das zum Majorlabel Geffen gehört. Es spricht sich herum, dass diese junge Band um den charismatischen, schüchternen Frontmann Kurt Cobain das Zeug zum Durchbruch hat – hohe Weihen, die Butch Vig nicht so ganz nachvollziehen kann. Der Produzent arbeitet damals in seinen Smart Studios in Madison, Wisconsin, und weiß 1990 noch nicht, dass sich sein Leben im September 1991 für immer ändern wird. Wie auch, er hält nicht viel von Nirvanas Debüt „Bleach“ und findet auch die Vergleiche, die Band würde so groß werden wie die Beatles, für reichlich übertrieben.

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Brennen bis zum Ende“

„Nevermind“ entstand innerhalb von 16 Tagen

Dennoch nimmt er den Auftrag an, ein Album zu produzieren, das Musikgeschichte geschrieben hat wie wenige andere, ein Album, das sich mehr als 30 Millionen Mal verkauft und einer ganzen Generation einen Soundtrack gegeben hat: „Nevermind“. Davon ist im Mai 1991 noch nichts zu spüren. Butch Vig und Nirvana treffen sich in den Sound City Studios in Kalifornien. Gute zwei Wochen brauchte es, um die Geschichte des Rock’n’Roll für immer zu verändern. „Die Arbeiten an sich waren eigentlich mühelos“, erzählt Vig im Zoom-Interview aus seinem Home Studio in Los Angeles. „Wir brauchten für das gesamte Album gerade mal 16 Tage, für den Mix gingen noch mal acht Tage drauf. Nirvana waren damals in ihrer Bestform, sie hatten so viel geprobt und wussten im Schlaf, was sie tun.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Kurt Cobain und sein Vermächtnis“

Kurt Cobain hatte extreme Stimmungsschwankungen

Die unbekannte Variable in der Grunge-Gleichung war Kurt Cobain. „Kurt war ein schwieriger Mensch“, so Vig. „Er hatte diese Stimmungsschwankungen, die aus dem Nichts kamen. Er schaltete von jetzt auf gleich ab, schmiss seine Gitarre weg und verkroch sich in einer Ecke. Ich musste mir also immer irgendeine andere Arbeit suchen, während er in einem dieser Löcher steckte. Irgendwann kam er dann zurück, und wir mussten sofort weitermachen. Er war bipolar, das machte es für ihn, aber natürlich auch für uns alle sehr anstrengend.“

Cobain wollte einen übergroßen Pophit schaffen

Nach dem für Vig eher durchwachsenen „Bleach“ war der Produzent vor allem von Cobains kompositorischen Qualitäten gefesselt. „Es war unglaublich, wie sich Kurt weiterentwickelt hatte. All diese Melodien und Hooks... im Grunde ist ‚Nevermind‘ ein waschechtes Pop-Album.“ Das wollte Kurt Cobain so: Insbesondere „Smells Like Teen Spirit“, das „Anarchy In The UK“ der Generation X, sollte seinen Vorstellungen nach ein übergroßer Pophit werden. Hätte er gewusst, was der Ruhm und das Rampenlicht mit ihm machen würden, er hätte es sich wahrscheinlich anders überlegt.

Das Album fühlte sich an wie eine Revolution

Heute, ist sich Butch Vig sicher, würde ein solches Album nicht mehr durch die Decke gehen. „Zeitgeist kann man nicht wiederholen. Es wäre immer noch ein großartiges Album, hätte aber niemals diese kulturelle Bedeutung gehabt. Damals war es perfektes Timing, es fühlte sich an wie eine Revolution.“ So etwas gebe es heute auch noch, betont er, aber eben in anderen Bereichen. „Billie Eilish hat etwas ganz Ähnliches gemacht“, sagt er. Sie spricht für eine ganze Generation – ähnlich wie damals Nirvana.“

Die Band wird zur Galionsfigur wider Willen

Befeuert von der vorab veröffentlichten Single „Smells LikeTeen Spirit“ nebst ikonischem Highschool-Video, wird „Nevermind“ zum unerwarteten Mega-Seller. Im Januar 1992 klettert es an die Spitze der US-Charts, allein in den Vereinigten Staaten geht das Album 300 000 Mal über den Ladentisch. Pro Woche. Überwältigt und überrumpelt vom Ruhm, wird die Band zur Galionsfigur wider Willen, zur Ikone, der die Sache schon sehr bald über den Kopf wächst. Trauriges Ende dieser beispiellosen und wie ein Komet verglühenden Karriere ist Kurt Cobains Suizid am 5. April 1994 – gerade mal zweieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung von „Nevermind“.

Das Album hat nichts von seiner manischen Energie eingebüßt

Auch für Butch Vig bleibt „Nevermind“ nicht ohne Wirkung. „Das Album hat mein Leben total umgekrempelt. Davor produzierte ich all diese kleinen DIY-Punk-Bands, und plötzlich konnte ich mir aussuchen, mit wem ich arbeite. Das Album hat alle daran Beteiligten für immer verändert.“ Heute wird „Nevermind“ 30 Jahre alt. Und hat nichts von seiner manischen Energie eingebüßt.

30 Jahre „Nevermind“ und der neue Streit über das nackte Kind

Coverboy
 Notorische Berühmtheit erlangt „Nevermind“ auch mit seinem Plattencover: Das nackte Baby, das ganz im Sinne der Grunge-inhärenten Kapitalismuskritik einem Geldschein am Angelhaken hinterher schwimmt, ist ein ikonisches Motiv der Musikgeschichte. Zu sehen ist Spencer Elden, ein heute ebenfalls 30-jähriger US-Amerikaner, der lange Jahre keinen Hehl aus seiner Begeisterung für seine Rolle als Covermodel einer derart legendären Platte machte. Mehrfach stellte er das Foto nach (wenn auch mit Badehose), den Schriftzug „Nevermind“ hat er sich sogar auf die Brust tätowiert.

Klage
Kurz vor der Feier zum 30. Geburtstag des Meilensteins kommt die Kehrtwende: Elden verklagt Nirvana wegen sexueller Ausbeutung eines Kindes. Seine Erziehungsberechtigten hätten niemals zugestimmt, dass das Bild als Covermotiv verwendet werden darf. Zudem beschreibt er das Bild als kinderpornografisch und behauptet, dass die Einigung, einen Sticker über seinen Penis zu machen, niemals ausgeführt wurde. Jetzt fordert Elden mindestens 150 000 US-Dollar für seine Ausbeutung und die lebenslangen Schäden, die er dadurch davongetragen hat.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Nirvana Jubiläum