Im November 1926 wurde die hoch über der Pliensauvorstadt thronende Südkirche fertiggestellt. Das 100-Jahr-Jubiläum des vom Architekten Martin Elsaesser im expressionistischen Stil erbauten Sakralbaus feiert die Evangelische Kirchengemeinde Esslingen übers Jahr hin in vielen Facetten – mit Gottesdiensten, Vorträgen und Ausstellungen sowie Führungen durch das Kirchengebäude, das Traditionelles mit Modernem verbindet. Eine charmante Idee gibt den Feierlichkeiten den Rahmen: Die Jahrzehnte symbolisierend, sind zehn Konzerte Esslinger Formationen mit vielfältigen musikalischen Inhalten in das Jubiläum eingebunden.
„Mit der Einladung musikalischer Gruppen möchten wir möglichst vielen Menschen Gelegenheit geben, die Südkirche kennenzulernen und ihre hervorragende Akustik zu erleben“, sagte Pfarrerin Cornelia Krause. Die ungewöhnliche architektonische Innengestaltung sorgt in der Kirche für einen sehr differenzierten Raumhall. In diesem sowohl optisch wie klanglich bezaubernden Ambiente entfalteten sich am Sonntagabend beim ersten Jubiläumskonzert die Stimmen der Rhythmicals, des jungen Chors des Gesangvereins Neckarlust Esslingen, in idealer Weise.
SWR-Moderatorin Sonja Faber-Schrecklein führt durch den Abend
Nach dem eröffnenden Song „The final Countdown“ der schwedischen Rockgruppe Europe stimmte die aus zahlreichen SWR-Sendungen bekannte Moderatorin Sonja Faber-Schrecklein mit launigen Worten auf den Abend ein. „Heute erleben Sie ein Vollbad im Chorgesang. Und damit der Badeschaum etwas parfümiert wird, gibt es zwischen den Blöcken Gespräche mit Menschen, die hinter den Kulissen viel bewegen“.
In diesen lockeren Interviews erzählte Chormitglied Volker Kolonko über sein vielfältiges ehrenamtliches Engagement, und Mia Wögler, die Sprecherin des Jugendchors, schilderte in bewegenden Worten, welche Bedeutung das Singen in der Gemeinschaft für ihre persönliche Entwicklung hatte. Andere Töne schlug Gregor Wohak an, der die Rhythmicals seit 2013 als Keyboarder begleitet. „Die Zusammenarbeit mit der Chorleiterin Ellen Strauß-Wallisch wird nie langweilig. Sie sprüht vor Ideen, ist sehr herausfordernd, und wenn man mit ihr musiziert, bleibt es stets spannend“.
Der Chor war durch Grippewelle etwas ausgedünnt
Auch an diesem Abend war Ellen Strauß-Wallisch der Motor des Ganzen: Sie dirigierte mit Leidenschaft, steuerte ein veritables Gesangssolo bei und motivierte ihre Choristen zu vokalen Höhenflügen. Zwar war der Chor durch die aktuelle Erkältungs- und Grippewelle etwas reduziert, doch dies tat der beeindruckenden Gesamtleistung keinen Abbruch.
Ob beim meditativen Vortrag einer Vertonung des Bonhoeffer-Gedichts „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, dem spritzigen Mylie Cyrus-Hit „Flowers“ oder dem Gospel „Halleluja Salvation“, in dem Strauß-Wallisch den Solopart mit dunkel gefärbter Stimme sang: Stets überzeugten die Rhythmicals mit vokaler Präsenz und chorischer Präzision. Zuverlässig gestützt wurden sie dabei von einem professionellen Instrumentalensemble mit Florian Vogel (Violine), Anna-Sophie Dreyer (Viola) und Annika Möller am Violoncello. Für überraschende Klänge sorgte der Beatboxer Johannes Jäck, der mit virtuosen Mundgeräuschen das Schlagzeug imitierte, und Gregor Wohak am Keyboard.
Ellen Strauß-Wallisch leitet die Rhythmicals seit 25 Jahren
Neben aktuellen Hits und Filmmusik aus „The greatest Showman“ durfte auch ein Volkslied nicht fehlen. Dabei es gab eine Überraschung: „Kein schöner Land“ erklang nicht im gewohnten romantischen Satz, sondern in einem von Stefan Flügel eigens für den Chor geschriebenen modernen Arrangement. Die brillante klangliche Verarbeitung und stetig changierende Klangfarben machten die Wiedergabe zu einem Höhepunkt des Abends.
Nach einem Intermezzo des Jugendchors mit „Blinding Lights“ und dem Song „Wenn das Liebe ist“ von Nina Chuba gab es eine besondere Ehrung für Ellen Strauß-Wallisch, die die Rhythmicals bereits seit 25 Jahren leitet. Ihr Bruder Matthias Wallisch, der erste Vorsitzende des Gesangvereins Neckarlust, lobte das herausragende Engagement der engagierten Chorleiterin und überreichte unter tosendem Applaus des Publikums einen Geschenkkorb.
Dann bogen die Rhythmicals mit Volldampf auf die Zielgerade ein. „Sweet Child O’Mine“ brachte betörenden Chorgesang, und der fetzige Groove von „Don’t stop me now“ der Popgruppe Queen setzte den fulminanten Schlusspunkt.
Doch damit war das begeistert applaudierende Publikum längst nicht zufrieden: Mit einer melodiösen Zugabe beendeten die Rhythmicals ihr mitreißendes Konzert, das neugierig machte auf die nächsten musikalischen Events im Jubiläumsjahr.
Die Südkirche – ein einzigartiger Sakralbau
Außenansicht
Die weithin sichtbare Südkirche besticht durch ihre architektonisch außergewöhnliche Konzeption. Neben runden und geschwungenen Formen wird die nach Plänen des Architekten Martin Elsaesser aus rotem Backstein erbaute Kirche auch durch in die Höhe weisende Elemente geprägt, die an die Tradition der Gotik erinnern. Das Bauwerk lässt sich jedoch stilistisch nicht klar zuordnen: Elsaesser verwendete in seiner individuellen Architektursprache auch Elemente, die Bezüge zu romanischen Kirchen in Frankreich oder Italien herstellen.
Innengestaltung
Das zweiteilige Raumkonzept umfasst eine im Rund angelegte Feierkirche, die tiefer liegt als die rechteckig konzipierte größere Predigtkirche. Der dazwischenstehende Altar ist beidseitig nutzbar. Besondere Akzente setzen ein Terrakotta-Relief der Kreuzigung und das Relief „Mühselige und Beladene“. Für ein einzigartiges räumliches Erlebnis sorgen die Rundbögen, Lampen im Art-Déco-Stil und die nach Entwürfen des Architekten gestalteten Glasfenster.
Jubiläum
Neben Gottesdiensten, Vorträgen und Kirchenführungen nehmen im Jubiläumsprogramm die zehn Konzerte weiten Raum ein. Am 22. Februar ist das Duo Dipolàge in der Südkirche zu hören, und am 22. März gibt es ungewöhnliche Klänge mit Bratsche, Cello, Stimme und Body-Percussion. Am 26. April präsentiert das Esslinger Vocalensemble unter dem Motto „Jubilate! 100 Jahre Südkirche“ ein besonderes Programm, und am 21. Juni ist der Esslinger Kammerchor ExVocal zu Gast. Weitere Informationen unter: www.stadtkirchengemeinde-esslingen.de/100-jahre-suedkirche