Jubiläumskonzert im Hospitalhof Exzellentes Niveau – So war das Konzert der Hugo-Wolf-Akademie
Die Internationale Hugo-Wolf-Akademie hat im Stuttgarter Hospitalhof ihren 40. Geburtstag standesgemäß mit einer „Wolfiade“ gefeiert.
Die Internationale Hugo-Wolf-Akademie hat im Stuttgarter Hospitalhof ihren 40. Geburtstag standesgemäß mit einer „Wolfiade“ gefeiert.
Denkt man beim Thema Hochzeit an einen Abgrund? In Eduard Mörikes „Bei einer Trauung“ ist das so. Weswegen der Komponist Hugo Wolf das Gedicht in die erstarrte Klangwelt eines Trauermarsches überführte. Denn Mörike ging es um das Gegenteil einer Liebesheirat: um eine Zwangsverbindung.
Hugo Wolf, der 1903 gerade mal 43-jährig in einer Wiener Psychiatrie starb, hat eine Menge komponiert. Sein Oeuvre umfasst viele Gattungen – ob Streichquartett oder Oper. Aber bekannt ist er heute als der bedeutendste romantische Liedkomponist neben Schubert und Schumann. Denn er stieß in seinen Liedern in ungewohnte, extreme und neue Ausdruckswelten vor.
„Bei einer Trauung“ ist ein gutes Beispiel: Nur zwei Minuten reichen Wolf, um blitzartig die furchtbare Zukunft dieser Ehe erahnen zu lassen. Und die beiden Interpreten auf der Bühne des Paul-Lechler-Saals im Hospitalhof Stuttgart, der Tenor Daniel Behle und Burkhard Kehring am Flügel, kosten das plastisch aus: dass die Braut „greulich“ weint, ihr Gatte ein „abscheulich“ Gesicht macht, und dass das Ende, „Keine Lieb’ ist nicht dabei“, in die völlige Leere, Kälte und Hoffnungslosigkeit führt.
Das Lied erklang im Jubiläumskonzert der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie für Gesang, Dichtung und Liedkunst (IHWA). Sie wurde vor 40 Jahren, 1985, als Stuttgarter Verein gegründet, ihre Geschichte ist aber wesentlich länger: Sie geht zurück bis in die Lebenszeit ihres Namensgebers, als Wolf-Fans sich zum Freundeskreis zusammentaten, um den stets mittellosen Komponisten zu unterstützen. Die IHWA zählt sich heute weltweit zu den traditionsreichsten Institutionen zur Förderung und Erhaltung des Kunstlieds – einer Kunstform, die es heute schwer hat, weil ihre Zielgruppe immer kleiner wird. Dem höchst anspruchsvollen Kunstlied ist die Verbindung zu den Lebenswelten jüngerer Generationen abhanden gekommen. Es fordert Kontemplation ein; mit den zugrunde liegenden Texten, meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert, können Jüngere kaum noch etwas anfangen.
Doch die IHWA und ihre Leiterin Cornelia Weidner arbeiten emsig daran, das zu ändern: durch Liederabende, Meisterklassen, Wettbewerbe, die Würdigung herausragender Liedinterpreten und -interpretinnen mit der Hugo‑Wolf‑Medaille und das Bestreben, dem Lied auch digital eine internationale, zeitgemäße Plattform zu bieten.
Zur Geburtstagsfeier gab es standesgemäß eine „Wolfiade“, in der ausschließlich Werke ihres Namensgebers erklangen. Im abwechslungsreichen Programm aus melancholischen, humoresken und abgründigen Liedern interpretierten Behle und Kehring vor allem solche auf Texte von Wolfs Lieblingsdichtern Mörike, Goethe und Eichendorff. Und zwar auf exzellentem Niveau. Beide sind subtile Gestalter, Voraussetzung für die Interpretation von Wolfs poetisch fein nuancierter Dichtungsdeutung.
Behle, profilierter Mozart-Opern-Interpret, besitzt eine weniger lyrische als kernige, klare, kraftvolle Tenorstimme. Feinheiten löst er nicht über die Farben, sondern über seine breite theatrale Ausdruckspalette. Dass er das Programm nicht auswendig, sondern aus den Noten sang, störte die Performance zwar ein bisschen. Und die extrem trockene Akustik des Paul-Lechler-Saales, der für klassische Konzerte eher ungeeignet ist, entzogen seiner Stimme ein wenig die pralle Fülle, aber Behle hatte ja den Liedgestalter Burkhard Kehring zur Seite, und der glich Letzteres aus. Ja, sein Klavierspiel trug und ergänzte Behles Stimme, wie es perfekter gar nicht geht. Sein strukturelles, durchsichtiges Spiel und seine glänzende Pedaltechnik wie auch das feine Austasten dynamischer und farblicher Möglichkeiten – das alles ließ die sublime, feinnervige Klangwelt Wolfs zu ihrem Recht kommen – mal zerrissen, schwermütig oder finster, mal flammend, zart oder sehnsuchtsvoll strömend, mal hart, pointiert und witzig. Großartig!