Juden wollen nach Spanien Der Traum der Verbannten wird wahr

Stimme der sephardischen Juden: Pierre Assouline Foto: AFP/Julien

Im Mittelalter wurden die Juden aus Spanien und Portugal vertrieben. Dieses historische Unrecht will Madrid jetzt sühnen. Die Nachfahren der Vertriebenen nehmen die Einladung an.

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)

Madrid - Seit fünf Jahrhunderten warte ich“, sagt der französische Schriftsteller Pierre Assouline. Er will Spanier werden, nicht aus Not – er ist EU-Bürger und könnte „morgen nach Madrid ziehen“ –, sondern aus symbolischen Gründen: Er hat spanische Vorfahren, Juden, die 1492 aus ihrer Heimat auf der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden. Sie träumten von der „Rückkehr nach Sepharad“: So hat Assouline sein jüngstes Buch genannt. Es handelt von diesem Traum, von der Verbundenheit, die viele der Nachfahren der Vertriebenen zu diesem fernen Heimatland bewahrten.

 

„Wir haben euch vermisst“

Der Franzose ist einer von mehr als 150 000 Nachfahren sephardischer Juden, die in den vergangenen vier Jahren einen Antrag auf Zuerkennung der spanischen Staatsbürgerschaft gestellt haben. Im Jahr 2015 hatte das spanische Parlament ein Gesetz beschlossen, das eine solche Einbürgerung erlaubt. Es war der Versuch, das einstige Verbrechen wiedergutzumachen: den Beschluss der später sogenannten Katholischen Könige im Jahr 1492, alle Juden des Landes zu verweisen, es sei denn, sie ließen sich taufen. Die Vertriebenen ließen sich im Norden Afrikas und auf dem Gebiet der heutigen Türkei nieder. „Wie sehr haben wir euch vermisst!“, sagte König Felipe VI. nach der Verabschiedung des Gesetzes zu denen, die nun in Spanien willkommen sein sollten.

Vier Jahre Zeit erhielten die Nachfahren, um den Antrag auf spanische Staatsbürgerschaft zu stellen. Schon bevor das Gesetz erlassen wurde, bekundeten in Israel Hunderte Menschen Interesse. Doch als das Gesetz in Kraft getreten war, kamen die Anträge nur tropfenweise. Die Hälfte aller Einbürgerungswünsche gingen im letzten Monat vor Ablauf der Frist ein. Die allermeisten kamen aus dem spanischsprachigen Amerika: etwa 34 000 aus Mexiko, 28 000 aus Kolumbien, 22 000 aus Venezuela, 8000 aus Argentinien. Aus Israel gingen 4300 Anträge ein, aus Deutschland 28.

Fast jeder hat jüdische Vorfahren

Ein Teil der Antragsteller hatte, wie der Schriftsteller Assouline, symbolische Motive für diesen Schritt, andere ganz praktische. „Mit einem spanischen Visum öffnen sich dir alle Türen“, sagte die Kolumbianerin Clara Inés Molina zur Netzzeitung „El Español“. Deswegen begann sie nachzuforschen, ob sie möglicherweise sephardische Vorfahren hatte – so wie in Spanien zahlreiche Notariate historische Detektivarbeit leisteten. Seit dem Jahr 1492 sind 527 Jahre vergangen, das entspricht etwa 21 Generationen. Wer mit den eigenen Großeltern und Urgroßeltern beginnt, kommt, wenn er 20 Generationen zurückgeht, auf mehr als eine Million Ahnen – falls sich denn die Nachfahren nicht wieder untereinander vermischt haben. Es ist also für einen Spanier gar nicht so unwahrscheinlich, sephardische Vorfahren zu haben. Das größere Problem ist, sie in den Archiven ausfindig zu machen.

Nach genetischen Studien hat jeder fünfte Spanier jüdische Vorfahren und stammt damit von einem der schätzungsweise 50 000 Juden ab, die 1492 im Land blieben und sich taufen ließen. Spanien wollte katholisch und „rein“ bleiben – wahnhafte Fantasien, die auch im 20. Jahrhundert auf fruchtbaren Boden fielen. Der Pass für die sephardischen Nachfahren ist vor allem eine Geste Spaniens gegen sich selbst: dass solcher Wahnsinn vorbei ist.

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