CDU-Fraktionschef Manuel Hagel liest Kindern in der jüdischen Grundschule vor. Foto: Sellner
Die einzige jüdische Grundschule Baden-Württembergs befindet sich in Stuttgart. Im November ist sie 15 Jahre alt geworden. Aus Sicht der Schulleiterin ist es „eine kleine heile Welt“, die auch Kindern aus anderen Religionen offensteht. Ein Besuch.
Es ist ein besonderer Morgen an der Eduard-Pfeiffer-Schule in Stuttgart: Im Religionsunterricht wird anlässlich des jüdischen Lichterfests Chanukka die letzte von acht Kerzen entzündet. Außerdem hat sich ein besonderer Gast angekündigt: Manuel Hagel, der CDU-Landesvorsitzende und -Fraktionschef im Landtag, stattet der im Hospitalviertel neben der Synagoge gelegenen Schule einen Besuch ab. Es ist die einzige jüdische Grundschule in Baden-Württemberg; im November hat sie ihr 15-jähriges Bestehen gefeiert. Hagel will sie kennenlernen, Solidarität demonstrieren – und den Kindern vorlesen.
Damit ist er nicht alleine. Beim Betreten der Schule trifft er auf eine Vorlesepatin des Stuttgarter Vereins Leseohren. Die angehende Lehrerin kommt regelmäßig hierher, um Kindern beim Spracherwerb zu helfen; die meisten stammen aus Russland und der Ukraine; viele lernen schnell. „Toll, dass Sie das machen“, sagt Hagel. „Da wird einem richtig warm ums Herz.“ Lächelnd hält er der Vorlesepatin eine Visitenkarte hin. „Wenn mal was ist, Anruf genügt.“
In der zweiten Klasse sitzen auch zwei muslimische Mädchen
Die Gruppe steht im Eingangsbereich der privaten einzügigen Schule, die auf maximal 60 Schüler ausgelegt ist. Wer hier reinkommt, hat das Gefühl, Jerusalem zu betreten – ein großes Wandgemälde zeigt die „goldene Stadt“. Davor steht ein Chanukka-Leuchter. Gegenüber hängt ein Porträt Eduard Pfeiffers (1835-1921), des Stuttgarter Sozialreformers und Wohltäters, nach dem die Grundschule seit diesem Jahr benannt ist.
Hagel ist nicht alleine gekommen. Mit dabei sind sein Fraktionskollege Christian Gehring, Michael Kashi von der Israelitischen Religionsgemeinschaft und Claudia Rugart, die ehrenamtlich Scora betreut, ein Schulprojekt, das sich gegen Antisemitismus und Rassismus wendet. Schulleiterin Agnieszka Engelmann ist über den Besuch hoch erfreut. Sie begrüßt es, wenn ihre Schule Beachtung findet und wahrgenommen wird – auch als ein Ort der religiösen Bildung.
Die Jüdische Grundschule versteht sich als Bekenntnisschule. Sie steht aber nicht nur jüdischen Kindern offen. In der zweiten Klasse, die Hagel an diesem Tag besucht, sitzen auch zwei muslimische Mädchen. Im einen Fall war es den Eltern wichtig, dass ihre Tochter überhaupt mit dem Thema Religion in Berührung kommt.
Das Morgengebet geht den Schülern fließend über die Lippen
Und das geschieht hier intensiv. Gerade hat der Religionsunterricht begonnen. „Guten Morgen die Herrschaften“, sagen die anwesenden neun Kinder im Chor, auf die sanfte Aufforderung des Lehrers hin. Raphael Weisz unterrichtet Hebräisch und jüdische Religionslehre. Die Schulstunde beginnt mit einem jüdischen Morgengebet, das den Kindern, wie viele andere Gebete auch, fließend über die Lippen kommt. Der Lehrer erklärt den Gästen: „Wir bedanken uns mit diesem Gebet für das Aufwachen. Dafür, dass uns die Seele nach dem Schlaf zurückgegeben wird.“ Und die Gäste erfahren noch vieles mehr. Etwa, dass sich an der Tür, durch die sie eben in den Klassenraum getreten sind, eine Mesusa befindet. Dem achtjährigen Noah in der ersten Reihe geht das Herz über, wenn er von dieser traditionell an Türpfosten befestigten Schriftkapsel spricht. Sie enthält ein Pergament mit zwei Abschnitten des Gebets Schma Jsrael. Noah weiß noch vieles mehr. „Sehr gut!“, lobt Lehrer Weisz.
Jeder Schüler hat ein eigenes Fach. Foto: Sellner
So geht es weiter. Hagel und Gehring, die auf Stühlchen zwischen den Kindern Platz genommen haben, sehen staunend, wie die Chanukka-Kerzen mit einem Schamasch angezündet werden, einer speziellen „Diener“-Kerze. Dann feiern die Kinder das Chanukka-Wunder mit einem kleinen Theaterstück. „Bildung ist das Oberste“, wird Schulleiterin Engelmann anschließend sagen, denn Bildung schafft Verständnis. Sie selbst ist übrigens Katholikin. Kein Problem: Außer den beiden Religionslehrern sind die Lehrer, die hier unterrichten, Christen.
Dann ist Manuel Hagel mit dem Vorlesen dran. Er platziert sich vor der Tafel und liest aus dem Buch „Herschel und die Channukka Kobolde“. Eine lange Geschichte, der die Kinder geduldig lauschen. Lehrer Weisz wird sie ihnen später zu Ende erzählen, denn eine Schulstunde hat nur 45 Minuten. Noah, Marta, Bella, Ben und die anderen springen auf, sie haben Pause. Die Gäste verabschieden sich und gehen beeindruckt weiter.
Nach dem Terrorangriff der Hamas herrschte große Verunsicherung
Wie steht es mit der Bedrohungslage?, fragt Hagel die Schulleiterin zum Abschluss und reicht auch ihr seine Visitenkarte („Anruf genügt“). Engelmann antwortet: „Die Polizei ist immer da. Auch bei Ausflügen. Sie hilft und unterstützt uns großartig.“ Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober seien Eltern zunächst sehr verunsichert gewesen. Man habe sich in der Schule regelrecht eingeschlossen. Schwimmen, Sport, der wöchentliche Besuch der Ökostation – all das war plötzlich nicht mehr möglich. Die Lehrer hätten versucht, die Verunsicherung von den Kindern fernzuhalten. Inzwischen laufe das Schulleben in „unserer kleinen, heilen Gemeinschaft“ wieder normal, sagt Engelmann: „Alles wunderbar.“ Zu dieser Normalität gehört, dass der Unterricht in der zweiten Klasse hinter Sicherheitsglas stattfindet. Es ist der einzige Raum mit Fenstern zur Straße hin.