Judith Hermann hat mit „Aller Liebe Anfang“ ihren ersten Roman vorgelegt. Die Figuren sind in die Jahre gekommen und bleiben sich dennoch merkwürdig treu.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Mit ihren frühen gefeierten Erzählbänden „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ wurde Judith Hermann zu einer Art Geisterseherin ihrer Generation. Die Dinge, die sich zwischen ihren Personen zutrugen, waren dieselben wie eh und je: Geschichten ersehnter und enttäuschter Liebe also, und doch verfuhr die 1970 in Berlin geborene Autorin damit so, als gelte es, sie erst aus einer anderen Sphäre herbeizubeschwören. Diese Liebschaften glichen spiritistischen Sitzungen. Unverhofft – oder in der Hermann-typischen Wendung „nicht wirklich“ – gewann ein Gefühl in der kettenrauchenden Trance der Protagonistinnen Gestalt, um sich ebenso rasch und spurlos wie Rauch wieder zu verflüchtigen. Zurück blieben Räume, Städte, Landschaften wie kostbar gezeichnete melancholische Interieurs, Orte einer vorübergehenden bedeutungsvollen Einwohnung, der keine Dauer beschieden war.

Was aber passiert, wenn die Figuren dieses flüchtigen Gegenwärtigkeitszaubers in die Jahre kommen? Davon erzählt Judith Hermann in ihrem ersten Roman „Aller Liebe Anfang“, in dessen Mittelpunkt die Altenpflegerin Stella steht, jemand also, der mit dem Leben Anderer alltäglichen Umgang pflegt. Bei der Hochzeit ihrer Freundin hat sie den Brautstrauß gefangen, für sie ein Zeichen, dass es an der Zeit ist, sesshaft zu werden.

Wenn die Dinge aufsässig werden

Im Flugzeug verliebt sie sich in den häuserbauenden Jason und landet als Mutter einer kleinen Tochter in einer Siedlung irgendwo am Rande, wo Stadt und Wildnis ineinander übergehen. Jason ist wie der gleichnamige Held der Argonautensage viel außer Haus, Stella dagegen wohnt vor allem, wartet auf ihren Mann, holt die kleine Ava vom Kindergarten ab, pflegt nebenbei ältere Menschen, den kauzigen Walter, die bittere Esther, den weltklugen Dermot.

So verstreicht die Zeit. Man kann dieses Lebensmodell der einst so zeitgemäßen Judith Hermann leicht als etwas säuerlich und altbacken empfinden. Doch muss man ihr zumindest zugute halten, dass sie die teilzeitbeschäftigte Alltäglichkeit dieser Mutter mit Kind mindestens so beflissen veredelt wie einst den eitlen Plunder preziöser Lebenskreise, die Sonnenbrillen, Kleider, den ganzen Lifestyle saturierter Bohemiens. Mit dem Sesshaftwerden werden werden die Dinge aufsässig.

Kunstvolle Arrangements

Weite Teile dieses Buches bestehen aus der Beschreibung kunstvoller Gegenstandsarrangements, in denen das Leben zum Stillleben gerinnt: „Die Stofftiere lehnen ordentlich und wichtig aneinander, der Tiger und die Katze, das zerzauste Igelchen. Avas Stapel Memorykarten auf dem roten Tisch ist deutlich größer als Stellas. Über dem Schaukelstuhl hängt ein zerknittertes Prinzessinnenkleid. Im Regal eine Reihe von Fotos in Rahmen, die Stella manchmal vorkommen wie eine Schmetterlingssammlung, aufgespießte, festgehaltene Zeit, die extreme, wie irre Schönheit einzelner Augenblicke.“

Aus der einstigen Sehnsucht ist eine Sehsucht geworden. Das Bild setzt sich dem ewigen Fluss entgegen, der die eigenen Erfahrungen unablässig in die Vergangenheit abtreibt. Das Panoramafenster ist der Mittelpunkt dieses verwunschenen Wohnreiches, zum Motiv erstarrt, was es rahmt: den Blick nach außen ebenso wie den nach innen. Es zeugt von merkwürdiger Konsequenz, dass die Katastrophe, die in diese Beschaulichkeit einbricht, darin besteht, dass Stellas Welt selbst zum Gegenstand der Betrachtung eines anderen wird. Ein Stalker aus der Nachbarschaft macht sich in ihrem Leben breit, klingelt in regelmäßigen Abständen an ihrer Tür, hinterlässt Botschaften, Bilder, Gegenstände, die sie in einem Wäschekorb sammelt.

Eins Stalker stört die Ordnung der Dinge

Der Einbruch in die Intimität stört die Ordnung der Dinge. In das wortkarge Einvernehmen mit ihrem Mann wird der Zweifel getrieben, ein „Zweifel am Gefühl des anderen, am eigenen Gefühl“. Aus der Irritation entsteht eine geheime Komplizenschaft zu jenem, dessen alternative Sicht ihr Leben plötzlich als ein anderes erscheinen lässt. „Sie sieht sich selbst von außen, von einem Blickpunkt außerhalb des Hauses, einem Winkel im Garten vielleicht, vom Zaun aus, im hohen Gras der wilden Wiese. Sie sieht eine Frau alleine an einem Tisch unter einer Lampe sitzen, lesend.“ Am Ende prügelt Jason, auch hier seinem antiken Namensvetter gleichend, seinen Nebenbuhler aus der Wildnis fehlgeleiteter Gefühle halb tot. Die Familie zieht weiter.

Hermann entwickelt diese Geschichte des leisen Scheiterns bei dem Versuch, in der Welt heimisch zu werden, in der ihr eigenen Weise: langsam, indirekt und radikal reduziert. Bei ihren früheren Büchern haben die Kritiker vor Entzücken über dieses Verfahren mit der Zunge geschnalzt und den stilbildenden Einfluss des amerikanischen Kargheitsvirtuosen Raymond Carver auf die junge deutsche Literatur gefeiert. Nun rümpfen viele die Nase. Dabei erweisen sich diese Darstellungsformen jetzt erst recht als geeignet, zu zeigen, was aus den vagen Hoffnungen der jungen Leute von einst geworden ist.

Die stickige und beklemmend prätentiöse Atmosphäre rund um das bestalkte Geisterhaus ist insofern nicht der Effekt eines aus der Zeit gefallenen Instrumentariums, sondern das natürliche Resultat eines Alterungsprozesses. Genau der aber ist Gegenstand dieses Buches. Der modische Zeitgeistnippes von früher erwacht in den spröden Dingkatalogen dieses Romans erst zu seiner eigentlichen Wahrheit.