Judoka Alina Böhm Warum sich die Europameisterin als „Wildschwein“ bezeichnet

Alina Böhm (links) zählt auf Mut, Stärke und Aggressivität. Foto: Baumann

Alina Böhm ist in Sofia Judo-Europameisterin in der Gewichtsklasse bis 78 Kilo geworden. Was das Erfolgsgeheimnis der 23-Jährigen ist – und warum sie keine Hobbys hat.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Sich selbst einzuschätzen, ist keine leichte Aufgabe, doch bei der Frage nach ihrem Kampfstil, da fackelt Alina Böhm nicht lange. „Ich würde mich als Wildschwein bezeichnen“, sagt die Judokämpferin mit fester Stimme und begründet ihre außergewöhnliche These mit ihrer Herangehensweise im Zweikampf. Mutig, stark und aggressiv geht sie zu Werke. „Ich überstürze nichts im Kampf, aber wenn ich angreife, dann konsequent.“

 

Neulich ist Alina Böhm aus allen Wolken gefallen. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia wurde sie mit ihrer Strategie Europameisterin. Alles funktionierte da ganz wunderbar, vom ersten Kampf bis zum letzten. Ihr Selbstbewusstsein wuchs mit jedem Erfolg, sodass sie im Finale nach eigenem Bekunden „unaufhaltsam“ war. Als der Titel feststand, fiel die 23 Jahre alte Judoka dann völlig vom Glauben ab. „Es war ein Feuerwerk der Gefühle – ich kann das gar nicht in Worte fassen.“

Sofia – ein magischer Ort

Das Unfassbare an diesem bislang größten Erfolg von Alina Böhm war unter anderem die Tatsache, dass sie vor sieben Jahren in derselben Halle in Sofia bereits U-18-Europameisterin geworden war. Ihre Freundinnen gaben ihr deshalb auch schon den Rat, einfach abzuwarten, bis die Olympischen Spiele mal nach Bulgarien vergeben werden. So weit wird es in den kommenden zwei Jahrzehnten vermutlich nicht kommen, doch sind der Fantasie bekanntlich keine Grenzen gesetzt und die Idee ist ja auch charmant: dieselbe Halle, dieselbe Frau, gleiche Medaille – und die wäre dann wieder aus Gold.

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Mit ihrem Erfolg ist Alina Böhm angekommen bei den Besten. Die Weltrangliste führt sie auf Platz zwölf. Die EM-Teilnahme sicherte sie sich durch zwei Grand-Slam-Medaillen, eine holte sie im vergangenen Jahr, die andere 2022. „Damit habe ich den Sprung in die Spitze geschafft“, sagt Böhm, die ihren Titel gar nicht ausgelassen feiern konnte, weil es für sie nach der Rückkehr vom Flughafen direkt zu einem dreiwöchigen Bundeswehrlehrgang in Warendorf ging. „Toll, dass die Bundeswehr uns Sportler so unterstützt“, sagt die Soldatin der Sportfördergruppe. Deshalb sei es für sie auch selbstverständlich gewesen, an dem Übungsleiterlehrgang teilzunehmen.

Hobbys? Hat sie keine

Alina Böhms Anfänge führen zurück ins Judozentrum Heubach im Ostalb-Kreis. Um weiterzukommen, wechselte sie für sieben Jahre an den Bundesstützpunkt in Sindelfingen. Erst seit einem halben Jahr trainiert sie am Olympiastützpunkt in Köln. Mit ihrer Schwester hat sie in der Domstadt eine Wohnung bezogen – und seit sie dort ist, kann sie kaum durchschnaufen. „Lustig, dass Sie mich nach meinen Hobbys fragen – ich habe nämlich keine“, sagt Alina Böhm.

Morgens und abends wird hart trainiert. Zwischendrin muss in der Küche für die richtige Ernährung gesorgt werden. Sie hat bereits den Bachelor in Sportpublizistik gemacht, möchte bald per Fernstudium noch den Master-Abschluss draufsatteln. Dann ist da noch die Bundeswehr, bei der sie sich auch hin und wieder blicken lassen muss – da wird der Leistungssport zum Dauerstress. Durch den Sold und die Sporthilfe kommt eine Athletin wie Böhm ganz gut über die Runden. Sanieren wie etwa ein Fußballprofi kann sie sich mit ihren Einkünften nicht. Was sie später braucht, ist ein seriöser Beruf.

Judo kann sehr schmerzhaft sein

Macht aber nichts – Alina Böhm geht trotzdem im Judo auf. Sie trägt den zweiten Dan, kämpft in der Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm, und sie weiß, warum Judo für sie genau das Richtige ist. „Als unbrutal würde ich unseren Sport nicht bezeichnen, er kann sehr schmerzhaft sein. Doch was mich reizt, ist die enorme Vielfalt“, sagt die Europameisterin. Kraft gehört dazu, genauso sind Schnelligkeit, Ausdauer und Technik gefragt. Besonders interessant werde es beim Bodenkampf. „Das ist für mich wie das Lösen eines Rätsels“, beschreibt sie das Kunststück, sich aus den Griffen der Gegnerin zu befreien – oder diese so in Schach zu halten, dass sie ihrerseits nicht mehr herauskommt und aufgibt. „In dieser Sportart ist nie etwas ausgeschöpft, es wird nie langweilig – ein ,wie immer’ gibt es nicht.“

Die Weltmeisterschaften in Taschkent im Blick

Das nächste große Ziel von Alina Böhm sind die Weltmeisterschaften im Oktober. Die finden in der usbekischen Hauptstadt Taschkent statt, dagegen war Sofia ein Katzensprung. Doch wie schon bei der Europameisterschaft soll auch dort der Weg weiter nach oben führen, denn halbe Sachen, die macht das selbst ernannte „Wildschwein“ der Judoszene ganz bestimmt nicht. „Ich fahre immer auf einen Wettkampf, um Gold zu gewinnen“, sagt Alina Böhm, „für etwas anderes musst du dich erst gar nicht auf die Reise begeben.“

Von Böbingen nach Köln

Schule
 Alina Böhm (23) ist in Böbingen (Ostalb-Kreis) aufgewachsen. Mit 16 Jahren wechselte sie ins Sportinternat, trainierte am Bundesstützpunkt Sindelfingen und besuchte bis zum Abitur 2016 das Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart-Untertürkheim.

Studium
 In Tübingen hat sie Sportpublizistik bis zum Bachelor studiert und will im Fernstudium den Master draufsatteln.

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