Jüdische Gemeinde Torarolle als Zeichen der Verbundenheit

Filigrane Arbeit: Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Schreiber Yaakov Yosef Yudkowsky bei der Vollendung der Torarolle. Foto: LTBW
Filigrane Arbeit: Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Schreiber Yaakov Yosef Yudkowsky bei der Vollendung der Torarolle. Foto: LTBW

Die neue Torarolle der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach wurde am Freitag im baden-württembergischen Landtag in Anwesenheit von Vertretern aus Politik, Kirche und Religionsgemeinschaften vollendet. Sie soll auch eine Mahnung sein.

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Stuttgart/Lörrach - Behutsam berührt Muhterem Aras die Spitze der Schreibfeder, die Schreiber Yaakov Yosef Yudkowsky führt. Die Landtagspräsidentin durfte am Freitag wie andere Vertreter aus Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften Hand anlegen bei der Vollendung der neuen Torarolle der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach im Landtag. „Damit setzen wir ein gemeinsames Zeichen der wechselseitigen Verbundenheit und des Vertrauens“, sagte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). Die Zusammenkunft jüdischer, christlicher und islamischer Würdenträger, die in Baden-Württemberg heimisch seien, unterstreiche die Bereitschaft zum Dialog.

Das zehnjährige Bestehen der neuen Synagoge und 350 Jahre jüdisches Leben – die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach hat dieses Jahr mehrere Gründe zum Feiern. Deshalb ließ sie auch eine neue Torarolle anfertigen. Die Tora – „das Fundament der jüdischen Gemeinde“, wie Moshe Flomenmann, Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, sagte – wurde am Freitag im Landtag in Stuttgart vollendet. Sie zählt 304 805 Buchstaben, die ersten fünf Bücher Mose, und ist auf meterlangem Pergament geschrieben. Ein Jahr lang habe ein Sofer, ein Schreiber, an der Schriftrolle in Jerusalem gearbeitet und zwar in Handarbeit mit einer Feder. „Es gibt 248 Gebote, so viele Glieder hat der Mensch. Es gibt 365 Verbote. So viele Tage wie das Jahr hat“, ließ Flomenmann die jüdische Zahlensymbolik sprechen.

Das als heilig geltende Dokument soll nicht mit bloßen Fingern berührt werden

Landtagspräsidentin Aras durfte ebenfalls Hand anlegen. Aber nicht wortwörtlich. Denn das als heilig geltende Dokument soll nicht mit bloßen Fingern berührt werden. Der Schreiber Yaakov Yosef Yudkowsky führte behutsam die Feder, Aras berührte diese dabei an der Spitze.

Aras hob die Bedeutung der Tora hervor: „Ohne die Bewahrung und das Studium der Tora hätte das Judentum nicht überleben können.“

Auch Schüler der Klasse 10 a der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule und Realschule aus Stuttgart-Möhringen nahmen an der Tora-Vollendung teil. „Das ist anders und lebendiger als normaler Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler können es hautnah erleben“, betonte die Lehrerin Rabia Ayca Sener-Karabaloglu. Den Besuch ermögliche die Einrichtung „Lernort Geschichte“ der Jugendhausgesellschaft Stuttgart zum 80. Jahrestag der Pogromnacht, erklärte ihr Kollege Athanasios Panos.

Landtag ist bewusst als Ort für die symbolische Toravollendung gewählt worden

Hanna Scheinker, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, freute sich darüber, dass mit der Veranstaltung im Landtag die jüdische Tradition in der breiten Gesellschaft bekanntgemacht werden konnte. „Vor 80 Jahren wurden in den Parlamenten antijüdische Gesetze erlassen“, gab Landesrabbiner Moshe Flomenmann zu bedenken. Bewusst sei der Landtag als Ort für die symbolische Toravollendung gewählt worden. „Wir möchten das Judentum erklären und Vorurteile abbauen. Wir haben mehr Gemeinsamkeiten, als Dinge die uns trennen“, betonte er und gab den Zuhörern noch einen Appell mit auf den Weg: Nicht nur die NS-Zeit, auch aktuelle Tragödien, wie etwa der Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh, dürften sich nicht wiederholen.

Rasch, aber auch vorsichtig rollte Flomenmann die Schrift ein, nachdem sie von den Anwesenden bestaunt worden war. Eines wird jedoch im Landtag bleiben: Flomenmann schenkte Aras die Schreibfeder.

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