„Gemeinsam feiern, erinnern und Zeichen setzen für ein tolerantes Leben in der Stadt“: Mit eindrucksvollen Worten begrüßte Elena Braginska, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW), die Gäste im Tagungshaus Econvent in der Esslinger Ritterstraße. Der Gesprächsabend war der Auftakt zur dritten Auflage der Veranstaltungsreihe „Le Chaim - Jüdisches (Er)Leben in Esslingen“. In elf Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur bietet der Unterstützerkreis Jüdische Kultur Esslingen, in Kooperation mit weiteren Verbänden und zahlreichen Institutionen der Stadt, noch bis zum 30. November Gelegenheit, mit dem Judentum in Berührung zu kommen und jüdisches Leben zu erkunden.
Überschrieben war der Gesprächsabend mit „Wenn nicht jetzt, wann dann?“. Damit nahm die Podiumsdiskussion Bezug zum Titel des 2022 erschienenen Buchs „Wenn nicht wir, wer dann?“, das Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der IRGW, zusammen mit Michael Blume – er ist Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben – in Form eines regen Briefdialoges geschrieben hat.
Mehr Anfeindungen gegen jüdische Gemeinde seit Terrorangriff der Hamas
„Seit euer Buch erschienen ist, hat sich die Welt grundlegend verändert“, sagte Michael Rubinstein, der Moderator des Abends. Er ist Gemeindedirektor der IRGW in Stuttgart. Rubinstein erinnerte an die Corona-Pandemie, insbesondere jedoch an den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 mit 1182 Todesopfern, der viel Leid über die Menschen gebracht hat.
Im Rückblick schilderte Barbara Traub, dass die jüdische Gemeinde in Stuttgart vor 30 Jahren ein Rückzugsort gewesen sei, der heute jedoch zunehmend durch Angriffe von außen bedroht werde. Es gebe viel Hass und Anfeindungen – trotzdem wolle man sich nicht abschotten, sondern auf die Menschen zugehen. Aber man müsse sich wehren gegen alte Ressentiments gegenüber den Juden, die heute wieder in neuer Form aufbereitet würden. Dankbar zeigte sich Traub für die Unterstützung aus weiten Kreisen der Öffentlichkeit und durch die Politik.
Antisemitismusbeauftragter: „Die jüdischen Menschen haben die volle Unterstützung“
Michael Blume schilderte ein Erlebnis aus dem Stuttgarter Landtag. Nachdem er eine Rede über die aktuelle Situation des Judentums in Deutschland gehalten hatte, erhoben sich die Fraktionen von Grünen, CDU, SPD und FDP und applaudierten. Eine Fraktion habe jedoch den Saal verlassen. Trotzdem ist sich Blume sicher: „Die jüdischen Menschen haben in Deutschland die volle Unterstützung der demokratischen Parteien“.
Der Landesbeauftragte beobachtet, dass in den vergangenen zwei Jahren insbesondere jüdische Studenten unter den Angriffen antiisraelischer Gruppen zu leiden haben. Auch werde er bei Diskussionen in Schulen oft sehr hart wegen der Politik Israels angegangen. Obwohl sicherlich Manches kritisch zu sehen sei, sei das Existenzrecht Israels nicht in Frage zu stellen: „Man darf sich nicht daran gewöhnen, irgendeine Gruppe auszuschließen“. Wer jüdisches Leben angreife, greife alle an. Eindrücklich forderte Blume: „Antisemiten dürfen nie wieder das letzte Wort haben“.
Internet verstärkt Hass: Jugendliche durch TikTok beeinflusst
Mit Barbara Traub ist er sich einig, dass das Internet eine brisante Rolle spielt: Der Hass habe sich verstärkt. Insbesondere Jugendliche würden durch Videoportale wie TikTok massiv beeinflusst und in eine bestimmte politische Richtung getrieben. Auch im islamischen Bereich würden junge Leute durch einseitige Propaganda stark indoktriniert.
Solchen Fehlentwicklungen müsse man entschieden gegensteuern. Barbara Traub forderte: „Alle Religionen gehören an einen Tisch. Man muss das Gespräch suchen und Gräben überwinden.“