Jürgen Kierspel aus Degerloch Der mit den Händen schafft

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Jürgen Kierspel aus Degerloch rückt fotografisch Dinge gerade – wie zum Beispiel schiefe Toilettenhäuschen. Seine Liebe gehört der Praxis, nicht der Theorie. Das vermittelt der Professor auch seinen Studenten.

Das Selbstporträt mit der Überschrift „Gib Stoff!“ bezieht sich auf ein Projekt von Jürgen Kierspels Studenten. Die Krone besteht aus Papierklammern. Foto: Jürgen Kierspel
Das Selbstporträt mit der Überschrift „Gib Stoff!“ bezieht sich auf ein Projekt von Jürgen Kierspels Studenten. Die Krone besteht aus Papierklammern. Foto: Jürgen Kierspel

Degerloch - Der große Tisch im Wohn- und Arbeitsraum von Jürgen Kierspel ist von 64 kleinen Pappschachteln belagert, in sie sind unterschiedliche Muster geschnitten. Sorgsam wurden sie auf- und nebeneinander gestapelt, ein freundliches Monument aus weißen Pizzaschachteln. „Null bis Unendlich“ hat der emeritierte Kunstprofessor seine Installation genannt. Doch eine ungeschickte Bewegung der Besucherin sorgt dafür, dass eine Schachtel nach der anderen umpurzelt. Eine Kettenreaktion, und das Kunstwerk ist vorerst perdu.

Mit Humor und Gelassenheit durchs Leben

Glücklicherweise ist Jürgen Kierspel ein entspannter Mensch. „Ich schicke Ihnen eine Rechnung, wenn ich etwas reparieren muss“, macht er sich über den Schreck der Übeltäterin lustig und stellt geduldig Schachtel für Schachtel wieder auf. Humor und Gelassenheit, das scheinen hervorstechende Eigenschaften von Kierspel zu sein, der nach seiner Karriere als Professor an der Kunstakademie in Stuttgart als „Rentner, Pensionär und freischaffender Künstler“, wie er selbst sagt, in Degerloch lebt.

Das Wort „Professor“ will so gar nicht zu dem bärtigen 65-Jährigen passen, und die Theorie ist auch seine Sache nicht. Er ist einer, der mit den Händen schafft, der eine Fülle von Ideen in unterschiedliche Kunstwerke verwandelt und seinen Studenten die Liebe zur Praxis vermittelt. Im Möhringer Kunstverein Gästezimmer fanden die jungen Vereinsgründer seine Art so erfrischend, dass sie gerne einwilligten, ihn als einziges Ehrenmitglied zu führen. „Ehrenmitglied auf eigenen Antrag“, betont Kierspel, der den Verein von Anfang an unterstützt hat.

Eigentlich sollte Kierspel Zahnarzt werden

In seinem Elternhaus im beschaulichen Gundelsheim am Neckar wusste man seine Originalität anfangs weniger zu schätzen: Der Vater hätte seinen Sohn gerne als Zahnarzt gesehen. Erst durch eine Freundin in Heidelberg wurde Kierspel darauf aufmerksam, dass seine Freude am Malen und Zeichnen und vor allem am Basteln und Experimentieren in einen künstlerischen Beruf münden könnte. „Ich bin ja total blind aufgewachsen. In der Schule hatte ich in Kunst befriedigend“, erinnert er sich.

Also studierte er zunächst drei Semester Latein, Kunstgeschichte und Volkswirtschaft in Heidelberg und bewarb sich schließlich an der Kunstakademie in Stuttgart. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er bei Grafikern und Designern als Reinzeichner, der die Ideen eines Art Directors umsetzt. „Das gab ziemlich gut Kohle“, sagt er. Und weil die Dachwohnung in Zuffenhausen und später ein Keller in Cannstatt nicht teuer gewesen seien, habe es gereicht, um den Lebensunterhalt und den Tabak zu finanzieren. Spricht’s und zündet sich eine neue Zigarette an.

Als nichts mehr ging, wurde er zum Professor

Doch als er 40 wurde, sei das mit dem freien Jobben nicht mehr so leicht gewesen, und so wurde er Assistent eines Fotografen. „Lampenschlepper“, erläutert Kierspel. Und als irgendwann gar nichts mehr ging, sei er Professor an der Kunstakademie geworden. Er bekam eine Professur für Schrift. „Dabei hatte ich keine Ahnung vom Unterrichten – und eigentlich auch nicht vom Fach“, meint er. Doch den angehenden Kunsterziehern an der Akademie konnte er wohl gut die Grundlagen vermitteln.

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