Herr Klinsmann, können wir Sie denn persönlich zum 120. Geburtstag der Stuttgarter Kickers auf der Waldau begrüßen?
Nein, leider nicht. Es wäre natürlich schön gewesen, alte Bekannte zu treffen, aber mein Lebensmittelpunkt ist in Kalifornien.
Sie zog es 1978 vom SC Geislingen in die Jugend der Stuttgarter Kickers. Wie kam dieser Wechsel damals zustande?
Eigentlich vor allem wegen meiner Noten in der Schule. Zuvor waren wir von Geislingen nach Botnang umgezogen, wo mein Vater eine Bäckerei gekauft hatte. Ich fuhr aber noch immer nach Geislingen zum Training, weil dort meine Freunde waren und wir ein Super-Team hatten. Aber dann wurden meine Noten in der Schule immer schlechter, so dass mein Vater entschieden hat: Schluss mit der Fahrerei.
Herausragende Persönlichkeiten
Was verbinden Sie persönlich mit den Stuttgarter Kickers?
Eine ganz wichtige Phase in meiner Karriere, ausschließlich positive Erinnerungen. Aber ich verbinde es vor allem mit Personen, von meinen Jugendtrainern bis hin zu den Profitrainern Slobodan Cendic, Horst Buhtz, Dieter Renner und Jürgen Sundermann. Alle hatten großen Anteil an meiner Karriere, weil sie mich menschlich wie auch sportlich geführt haben. Ich bin bei den Blauen durch die Lehre gegangen, wie man so schön sagt.
Was zeichnet diesen Verein aus?
Ich kann da vor allem für meine Zeit sprechen, in der ich dort war. Damals war es sehr familiär – und vor allem hatten junge Spieler Zeit zu reifen. Ich denke, davon haben auch die anderen Talente vor und nach mir profitiert. Heute haben die jungen Spieler über diese Nachwuchsleistungszentren und über ihr eigenes Umfeld sicherlich viel mehr Druck von allen verschiedenen Ecken – damals war das alles leichter.
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Welche Trainer und Mitspieler sind Ihnen besonders in Erinnerung? Wer hat Sie besonders geprägt in dieser Zeit?
Wie gesagt: Alle meine Trainer hatten viel Geduld mit mir. Slobodan Cendic hatte den Mut, mich als A-Jugendspieler schon bei den Profis einzusetzen. Wer macht das schon? Dieter Renner war immer an meiner Seite und Jürgen Sundermann sowie Horst Buhtz haben mich behutsam aufgebaut. Bei den Blauen war alles schon sehr ruhig und familiär.
Können Sie sich noch an den Satz an die Adresse des damaligen Kickers-Präsident Axel Dünnwald-Metzler erinnern: „Eines schwöre ich, zu denen geh‘ ich nie?“ Wann und wo machten Sie diese Aussage?
Ich war damals schon ein schlechter Verlierer, und sie fiel nach einem verlorenen Derby gegen den VfB. In diesem Spiel ging es richtig zur Sache. Ich habe das arg persönlich genommen, die Hektik auf dem Spielfeld erst auf meinen Gegenspieler, dann auf die gegnerische Mannschaft und anschließend auf den gesamten Verein übertragen. Das war sicherlich auch nicht in Ordnung von mir.
ADM und das Versprechen
Und wie hat Sie ADM von diesem Versprechen entbunden?
Damals gab es noch richtige inhaltsvolle Gespräche, viel Vertrautheit und auch viel Respekt. Und als klar war, dass ich die Kickers verlassen werde und ADM gesagt hatte, dass es für meine weitere Entwicklung das Beste wäre, wenn ich in der Stadt bliebe, sagte ich: Dann müssen wir aber auch über diesen einen Satz reden. Aber so war das: Bei aller Rivalität zum VfB hat ADM meinen Wechsel dorthin sogar unterstützt, weil er neben dem Verein und der Ablösesumme auch mich als individuelle Person im Auge hatte.
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Wie haben Sie die Rivalität zwischen Blau und Rot empfunden?
Ich denke, bei den handelnden und entscheidenden Personen war das bei aller Rivalität immer sehr respektvoll. Natürlich gab es von Gerhard Mayer-Vorfelder oder auch von Axel Dünnwald-Metzler mal einen Spruch. Aber wenn es darauf ankam, hat man sich auch mal unterstützt. Aber die Zeiten haben sich halt geändert, daran sind nicht die Personen schuld. Damit muss man sich abfinden.
Welche Rolle könnten die Kickers in der heutigen Zeit als zweite Kraft in der Stadt Stuttgart spielen?
Eine wichtige. Die Kickers haben eine große Tradition, die auch gepflegt werden muss. Sie können Nähe bieten, Identifikation, Familie und vor allem auch Talent-Entwicklung ohne den ganz großen Druck. Stuttgart verträgt zwei Vereine dieser Größenordnungen. Ich bin überzeugt: Je mehr Globalität und Größe der Fußball ganz oben hat, umso mehr steigen die Chancen für die kleineren Vereine, weil sie Nähe und Identifikation anbieten können. Man muss seine eigene Identität wahren.
Oberliga viel zu niedrig
Der Tiefpunkt der Vereinsgeschichte war 2018 erreicht: Die Kickers stürzten in die Oberliga ab und spielen nun unter anderem auch gegen den Club aus Ihrer Geburtsstadt, den 1. Göppinger Sportverein, um Punkte. Wie haben Sie diesen Niedergang der Blauen aus der Ferne erlebt? Tat er Ihnen weh?
Natürlich tat er weh. Ich sitze jetzt nicht in Kalifornien und schaue nach den Halbzeitständen – aber ich schaue natürlich immer im Laufe des Tages nach den Endergebnissen. Und Oberliga ist natürlich viel zu niedrig für die Kickers. Aber eine ernsthafte Analyse kann ich da nicht abgeben.
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Wie beurteilen Sie den aktuellen Weg der Kickers?
Aus den sozialen Medien, über mein Netzwerk und auch über den Sportlichen Leiter Lutz Siebrecht, den ich bei unserem Benefizspiel in Geislingen getroffen habe, spüre ich schon, dass sich was bewegt. Ich sehe auch keine andere Chance für die Kickers, als auf den jetzt eingeschlagenen Weg mit jungen, meist regionalen Spielern, Tempo und Spaß wieder nach oben zu kommen. Auch wenn dazu Geduld gehört. Viele anderen Möglichkeiten haben die Kickers nicht.
Was wünschen Sie den Kickers für die Zukunft?
Dass sie diese Geduld haben, mit Spaß und Freude diese Aufgaben angehen. Dann werden sie auch Erfolg haben und wieder weiter nach oben kommen.
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