Jürgen Möller kritisiert Schule „Kind hat keine Lust zu lernen“ – Vier Punkte, bei denen Eltern ansetzen können

, aktualisiert am 05.02.2026 - 11:03 Uhr
Jürgen Möller hielt seinen Vortrag mit viel Witz, Charme und Leidenschaft. Foto: Stefanie Schlecht

Der Lehrer Jürgen Möller kritisiert das Schulsystem und gibt in Herrenberg Tipps, wie Kinder trotzdem leichter lernen können. Seine Techniken kann jede Familie im Alltag anwenden.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Wer wünscht sich, dass das Familienleben in Bezug auf die Schule mehr Leichtigkeit hat? Viele Hände im Publikum schnellten nach oben, als Jürgen Möller am Dienstag seinen Vortrag „Das Lernen lernen“ in der Stadthalle Herrenberg mit dieser Frage eröffnete. Möller ist Lehrer, Lerncoach und Dozent der Akademie für Lernpädagogik und tourt mit seinen Tipps durch ganz Deutschland.

 

Möller machte keinen Hehl daraus, dass er große Missstände im deutschen Schulsystem sieht und Reformen dringend nötig seien. Weil heutige Schüler darauf aber nicht warten können, zeigt er auf, wie sie unter den gegebenen Umständen leichter lernen können. „Mein persönliches Ziel ist, dass kein Kind am System Schule scheitern darf.“

Möller ist sich sicher: Lernen macht glücklich. Foto: Stefanie Schlecht

Jürgen Möller: Alle Kinder lernen gerne – bis zur Schule

Denn Möller ist sich sicher: Alle Kinder lernen gerne. Die Wissenschaft belege, dass im Hirn Glücksstoffe frei gesetzt werden, wenn etwas gelingt, das vorher nicht geklappt hat. „Kleine Kinder stellen wahnsinnig viele Fragen, sie fallen vom Rad und üben weiter, weil sie lernen wollen“, sagte Möller. In der Schule werde ihnen suggeriert, dass fragen bedeute, dass man etwas nicht versteht oder nicht gut genug kann. Manche stellten das Fragen plötzlich komplett ein.

Wie also können Kinder die Freude am Lernen behalten? Möller hatte Impulse zu vier Bereichen:

  • Lerntechniken
  • Konzentration
  • Motivation
  • Selbstorganisation

1. Lerntechniken: Kostenloses Seminar für Familien

Lerntechniken riss Möller grob an, da sie ein weites Feld sind. Zur Vertiefung bietet er Familienseminare an.

2. Konzentration: Pausen sind Entscheidend

Zum Thema Konzentration gab er den Eltern mit: „Jedes Kind kann sich konzentrieren. Euch fällt bestimmt mindestens eine Sache ein, wo es voll dabei ist.“ Entscheidend seien die Pausen. Es gelte die Formel, dass Kinder sich doppelt so viele Minuten wie sie alt sind konzentrieren können. Sprich: ein Achtjähriger kann 16 Minuten am Stück aufpassen.

 „Mit bewussten Minipausen schaffen wir bis zu 20 Prozent mehr und machen weniger Fehler. Pausen einzulegen ist eine ganz wichtige Erfolgstechnik“, sagte der Lehrer. Er rät, Kinder mithilfe einer Eieruhr üben zu lassen, bei den Hausaufgaben zwischendurch zwei Minuten zu pausieren. Länger nicht, sonst sei es schwer, in die Konzentration zurückzufinden. Zuhause eingeübt, könnten sie dies bei Tests anwenden. „Angst, nicht fertig zu werden, ist ein fataler Irrtum.“

3. Motivation: Kinder nicht für Leistung loben

Das Problem, mit dem Eltern sich am häufigsten an Möller wenden, betrifft die Motivation. „Mein Kind hat überhaupt keine Lust zu lernen“, sei der gängige Eindruck. Für Möller wurzelt das Problem oftmals in der Kommunikation. Er regte an, Kinder nicht für gute Leistungen zu loben, sondern für ihre Anstrengungen und Lernfortschritte. Schon Kleinkinder würden für ein gemaltes Bild gelobt, „dabei möchte das Kind einfach nur gesehen werden“. Statt zu sagen: „Toll gemacht“, könnten Eltern fragen: „Hat dir das Spaß gemacht?“

Außerdem riet Möller, nicht mit Druck und Bestrafung zu arbeiten. Das funktioniere zwar kurzfristig, aber „das Risiko ist hoch, dass das Kind die Freude am Lernen verliert und sich nichts zutraut“. Auch wenn es schwer auszuhalten sei, müsse man Kinder manchmal „gegen die Wand fahren lassen“. „Man sollte sich die Kämpfe zuhause genau aussuchen und die Beziehung zu den Kindern nicht wegen den Noten verschlechtern“, ist Möller überzeugt. Wenn seine Tochter ihre Hausis nicht mache, müsse sie selbst die Erfahrung machen, wie sich das anfühle. „Wir sollten das Thema Schule nicht so dominant werden lassen.“

Kinder sollen keine Angst vor Fehlern haben

Um Kinder zu motivieren, rät er, auf eine positive Sprache zu achten. Statt: „Du hast nur zwei Fehler gemacht“, könne man sagen: „Du hast acht richtig gemacht.“ Statt: „Du brauchst keine Angst vor Mathe zu haben“, lieber: „Du schaffst das!“ Gedanken beeinflussten die Fähigkeiten. „Glaubt an eure Kinder, dass sie alles schaffen können! Wir alle wissen, wie gut sich das anfühlt.“ Und aus „Ich kann das nicht“ werde schnell ein „Ich will das nicht“. Es gehe nicht darum, Fehler zu ignorieren, aber kein Kind sollte Angst vor ihnen haben oder sich für sie rechtfertigen müssen. „Dann wird Schule richtig anstrengend.“

Ein lebensnaher Tipp von Möller war, das Thema Schule am Esstisch auszuklammern. Schnell noch die 9er-Reihe abzufragen, solle man sich verkneifen. „Wenn ein Kind Angst haben muss, dass am Tisch über Schule gesprochen wird, hat es keine Freude mehr daran.“

4. Selbstorganisation: Nach dem Lernen 20 Minuten ohne Handy und Fernsehen

Um Kinder bei der Selbstorganisation zu unterstützen, riet Möller, ihnen auch für die Nachmittage zuhause einen Stundenplan zu machen, auf dem Lernzeit und Freizeit festgehalten sind. Wichtig sei außerdem, dass Kinder nach dem Lernen für mindestens zwanzig Minuten nicht fernsehen oder am Handy sind, weil so lange der Prozess der Lernstoffumwandlung im Gehirn dauere. „Ein digitaler Reiz ist emotional stärker und überlagert diesen Prozess. Dann kann Gelerntes nicht optimal abgespeichert werden.“

Tipps zum leichteren Lernen

Lerntechniken
Möller vermittelt Schülern der dritten bis achten Klasse in kostenlosen, 75-minütigen Familienseminaren Lern- und Konzentrationsübungen. Termine stehen auf der Homepage unter www.akademie-lernpaedagogik.de/familienseminar.

Rechtschreibung
Um beim Schreiben weniger Leichtsinnsfehler zu machen, rät Möller Kindern, ihre Texte am Ende von hinten nach vorne zu lesen. Denn im normalen Lesefluss arbeite das Hirn nur oberflächlich und korrigiere automatisch. „Rückwärts, wenn das Wort aus dem Satzgefüge rausgerissen ist, fallen Flüchtigkeitsfehler viel besser auf“, weiß der Lerncoach.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Lernen Schule Familie Bildung