Jürgen Schweikardt (TVB Stuttgart) und Wolfgang Strobel (HBW Balingen-Weilstetten) „Diese Liga ist nicht mehr kalkulierbar“

Die Geschäftsführer Wolfgang Strobel (li.) vom HBW Balingen-Weilstetten und Jürgen Schweikardt (TVB Stuttgart) stecken mit ihren Clubs im Abstiegskampf der Handball-Bundesliga. Foto:  

Es ist ein Derby, und es geht für beide gegen den Abstieg. Im Handball-Bundesligaspiel HBW Balingen-Weilstetten gegen TVB Stuttgart steckt jede Menge Brisanz. Wir haben uns mit den beiden Geschäftsführern unterhalten.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Der TVB Stuttgart (14:36 Punkte) könnte mit einem Sieg an diesem Donnerstag (19.05 Uhr) beim HBW Balingen-Weilstetten (11:37 Punkte) einen sehr wichtigen Schritt in Richtung Klassenverbleib in der Handball-Bundesliga machen. TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt hofft im Doppelinterview mit seinem HBW-Kollegen Wolfgang Strobel, dass am Saisonende beide am Saisonende drin bleiben.

 

Herr Schweikardt, haben Sie den Spieltag am Sonntag schon verdaut?

Schweikardt Erst einmal noch Glückwunsch, Wolfgang, zum Sieg bei Frisch Auf. Natürlich wäre es besser für uns gewesen, wenn Balingen in Göppingen verloren hätte. Und auch der Mindener Sieg in Lemgo war nicht gut für uns, aber letztendlich müssen wir schauen, dass wir selbst die Punkte holen – egal gegen wen. Diese Liga ist nicht mehr kalkulierbar. Lübbecke hat zum Beispiel zwei seiner zehn Punkte gegen den THW Kiel geholt. Das war früher undenkbar.

Herr Strobel, wäre Ihr Team bei einer Niederlage in Göppingen mit eineinhalb Beinen in der zweiten Liga gewesen?

Strobel Sagen wir es so: Durch den Sieg haben wir uns die Möglichkeit erkämpft, weiter mitspielen zu dürfen. Wenn wir verloren hätten, wären es vier Punkte Rückstand plus die schlechtere Tordifferenz auf einen Nichtabstiegsplatz gewesen.

Schweikardt Das wäre eine Monster-Hypothek für euch gewesen, da nur noch neun oder zehn Spieltage ausstehen. So aber ist der HBW voll im Rennen.

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Was bedeutet dies für das Derby am Donnerstag?

Strobel Dass wir uns unheimlich auf dieses Spiel freuen können. Die Atmosphäre, dieses Gemeinschaftsgefühl auf den Rängen war schon in Göppingen bemerkenswert, die Leute wirkten ohne die Beschränkungen wie befreit, insgesamt viel offener.

Schweikardt Die Menschen werden weitererzählen, dass es sich wieder lohnt, zum Handball zu gehen. Wir haben eine Umfrage durchgeführt, da haben 30 Prozent unseres früheren Stammpublikums gesagt, dass sie seit Pandemiebeginn noch nie in der Halle waren.

„Balingen hat mehr Druck“

Welchen Stellenwert hat das Derby sportlich?

Schweikardt Die Bedeutung kann man sicher nicht kleinreden. Aber da wir drei Pluspunkte Vorsprung auf den HBW haben, können wir sehr viel gewinnen und – ohne irgendwelche Spielchen machen zu wollen – Balingen hat schon einen Tick mehr Druck als wir.

Strobel Ich denke, dass es für beide Mannschaft um gleich viel geht, und bei aller Derby-Brisanz darf man nicht vergessen, dass im Tabellenkeller auch noch TuS N-Lübbecke und GWD Minden in der Verlosung sind.

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Erlangen und Hannover rutschen nicht mehr ganz unten rein?

Strobel Nein, das glaube ich nicht. Dennoch wird der Abstiegskampf ein Ritt auf der Rasierklinge – bis zum letzten Spieltag. Entscheidend wird die Tagesform sein und auch das Glück, welchen Gegner du wann bekommst.

Schweikardt Eine mögliche Schwächung durch Coronaprobleme kann auf der Zielgeraden eine große Rolle spielen, genauso kannst du auf einen Gegner treffen, der zwischen zwei Europapokalspielen oder vor dem Pokal-Final-Four den Fokus nicht auf der Liga hat.

„Clevere Strategie“

Herr Strobel, beneiden Sie eigentlich Jürgen Schweikardt um seine Möglichkeiten in der Landeshauptstadt?

Strobel Unsere Region ist vom Mittelstand geprägt. Wir haben kleinere Firmen, was sich aufs Sponsoring natürlich auswirkt. Ob ich Jürgen deshalb beneide, weiß ich nicht. Die Erwartungshaltung in der Großstadt ist natürlich auch etwas höher, die Stimmung schwenkt viel schneller um. Fest steht: Jürgen ist es gelungen, den Handball in Stuttgart mit einer cleveren Strategie nachhaltig zu etablieren, viele Projekte davor sind an diesem Standort gescheitert. Und Potenzial für mehr ist sicher da.

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Schweikardt Man muss beide Seiten der Medaille sehen. Der HBW hat den Vorteil, der local hero, der absolute Platzhirsch in seiner Stadt, in seiner Region zu sein – mit einem entsprechendem Zugriff auf die Halle. Wir haben riesige Konkurrenz durch den VfB, die Kickers, die Bundesliga-Volleyballerinnen, die Ludwigsburger Basketballer und haben Frisch Auf vor der Haustür. Schauen Sie, am Sonntag wurde in der EWS-Arena mein Vater als ein Mitglied der Göppinger Meistermannschaft von 1972 geehrt. Da sieht man, was für eine Profihandball-Tradition dort in der Gesellschaft verwurzelt ist, während wir seit ein bisschen mehr wie fünf Jahren in der ersten Liga spielen.

„Ehre, in dieser Liga zu spielen“

Aber Ihre Ambitionen haben Sie mit den Verpflichtungen von Silvio Heinevetter und dem schwedischen Europameister Oscar Bergendahl doch deutlich unterstrichen.

Schweikardt Wir wollen nach oben klettern. Aber es kann doch nicht jeder Europapokal spielen. Ich finde es keineswegs langweilig, wenn es das Ziel eines Clubs ist, jedes Jahr Teil der stärksten Liga der Welt zu sein – und das gilt nicht nur für Balingen. Auch für uns ist es eine Ehre, in dieser Liga zu spielen.

Strobel Dieser Nervenkitzel im Abstiegskampf hat seine Reize. Ich wüsste gar nicht, wohin mit meiner Energie, wenn wir im Niemandsland stehen würden (lacht).

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Es gibt einen markanten Unterschied und mindestens eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen beiden. Kommen Sie drauf?

Schweikardt Der Wolfgang muss noch Trainer machen.

Strobel Ich bin jetzt als Co-Trainer bei der B-Jugend meines Sohnes eingestiegen.

Wenn Bundesliga-Chefcoach Jens Bürkle wackelt...

Strobel Bin ich definitiv der falsche Mensch für die Nachfolge.

Schweikardt Du bereitest dich doch schon vor, gib es doch zu. (lacht).

Strobel Ich rufe dich dann an, wenn ich Tipps brauche.

Herr Schweikardt, ich hatte das Gefühl, bei Ihnen hat nicht viel gefehlt und Sie wären in dieser Saison erneut auf der Trainerbank gelandet.

Schweikardt Das war nur Ihr Gefühl. Aber was ist die Gemeinsamkeit zwischen Wolfgang und mir?

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Dass Ihre beiden jüngeren Brüder handballerisch die feinere Klinge bevorzugten.

Schweikardt Das halte ich für ein Gerücht (lacht).

Strobel Vielleicht sind die Qualitäten von Michael Schweikardt und meinem Bruder Martin besser eingesetzt worden, als unsere.

„SG BBM darf gerne aufsteigen“

Wie geht’s aus am Donnerstag?

Strobel Ich tippe nie.

Schweikardt Ich hoffe auf einen Sieg für uns, das wird jetzt sicher keinen überraschen.

Über die beiden Absteiger sind Sie sich einig?

Strobel Ich hätte nichts dagegen, wenn es nächstes Jahr wieder ein Erstliga-Derby zwischen uns und dem TVB geben würde.

Schweikardt Je mehr Derbys, umso höher der Stellenwert des Handballs in der Region. Von daher darf auch gerne die SG BBM Bietigheim noch aufsteigen. Aber es wird jedes Jahr ein härteres Brett, um aus der immer professionelleren zweiten Liga hoch zu kommen.

Infos

Jürgen Schweikardt
Er wurde am 23. April 1980 in Waiblingen geboren und begann mit sechs Jahren beim TV Bittenfeld mit dem Handball. Lediglich in der Saison 2001/02 spielte Schweikardt kurzzeitig beim TV Kornwestheim. Seit 2008 ist der Diplom-Betriebswirt Geschäftsführer. Zweimal war er seitdem auch schon in einer Doppelrolle als Trainer tätig. Sein Vertrag läuft bis 2026.

Seine Zwillingssöhne Mika und Niko spielen in der U 15 des TVB. Hobbys sind neben Handball Tennis und Skifahren.

Wolfgang Strobel
Er wurde am 15. Dezember 1983 in Rottweil geboren. In der Jugend begann der jüngere Bruder von Ex-Nationalspieler Martin Strobel beim SV Hausen. 2001 wechselte der Kreisläufer und Abwehrspezialist zum TV Weilstetten, der seit der Fusion 2002 HBW Balingen-Weilstetten heißt. 2006 gelang ihm mit der HBW der Aufstieg in die Bundesliga. Im Sommer 2015 beendete er seine Karriere als Spieler und wurde Geschäftsführer beim HBW. Sein Vertrag läuf bis 2023.

Wolfgang Strobel hat einen Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Restprogramm TVB
(14:36 Punkte, minus 74 Tore)

7. April, 19.05 Uhr: HBW Balingen-Weilstetten – TVB

21. April, 19.05 Uhr: Rhein-Neckar Löwen – TVB

1. Mai, 16.05 Uhr: TVB – SC DHfK Leipzig

8. Mai, 14 Uhr: GWD Minden – TVB

15. Mai, 13 Uhr: TBV Lemgo Lippe – TVB

26. Mai, 19.05 Uhr: TVB – SG Flensburg-Handewitt

noch nicht zeitgenau terminiert

4. Juni: TVB – TuS N-Lübbecke

8. Juni: HSV Hamburg – TVB Stuttgart

12. Juni: TVB – MT Melsungen

Restprogramm HBW
(11:37 Punkte, minus 116 Tore)

7. Apri, 19.05 Uhr: HBW – TVB Stuttgart

10. April, 16.05 Uhr: HSV Hamburg – HBW

21. April, 19.05: HBW – TuS N-Lübbecke

28. April, 19.05 Uhr: Bergischer HC – HBW

8. Mai, 16.05 Uhr: HBW – TBV Lemgo Lippe

12. Mai, 19.05 Uhr: TSV Hannover-Burgdorf – HBW

noch nicht zeitgenau terminiert

21. Mai: HBW – HSG Wetzlar

4. Juni: SC Magdeburg – HBW

8. Juni: HBW – Füchse Berlin

12. Juni: HC Erlangen – HBW

Restprogramm GWD Minden
(13:39 Punkte, minus 68 Tore)

10. April, 16.05 Uhr: GWD – THW Kiel

28. April, 19.05 Uhr: Frisch Auf Göppingen – GWD

8. Mai, 14 Uhr: GWD – TVB Stuttgart

14. Mai, 18.30 Uhr: Bergischer HC – GWD

noch nicht zeitgenau terminiert

21. Mai: GWD – TSV Hannover-Burgdorf

4. Juni: Füchse Berlin – GWD

8. Juni: GWD – HC Erlangen

12. Juni: HSG Wetzlar – GWD

Restprogramm TuS N-Lübbecke
(10:38 Punkte, minus 80 Tore)

10. Apri, 16.05 Uhr: SG Flensburg-Handewitt – TuS

21. April, 19.05 Uhr: HBW – TuS

1. Mai, 16.05 Uhr: TuS – Rhein-Neckar Löwen

8. Mai, 16.05 Uhr: HSV Hamburg – TuS

noch nicht zeitgenau terminiert

21. Mai: TuS – Frisch Auf Göppingen

26. Mai: THW Kiel – TuS

4. Juni: TVB Stuttgart – TuS

12. JUni: Bergischer HC – TuS (jüf)

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